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Energieeffizienz Dämm-Lobbyisten sollen Klimaschutzziele retten

Die eigenen ehrgeizigen Klimaziele kann Deutschland kaum noch schaffen. Deshalb plant die Bundesregierung Steuerrabatte, damit Hausbesitzer die Gebäude dämmen und sparsame Heizungen installieren. Das ist der Startschuss für alle Lobbyisten: Jetzt geht es darum, den Fördersegen auf die eigenen Produkte zu lenken.

Hoffnung für Hausbesitzer: Eine Milliarde Euro versüßt das Sparen. Quelle: Fotolia

Herr Kleinschmidt möchte wohnen, einfach nur wohnen. Doch die Damen und Herren um ihn herum sind aufgeregt wie Kinder bei der Einschulung. Für sie ist es auch der erste Tag: Einweihung des Plusenergiehauses Ostring 124 in Bottrop. Wie die neue Klassenlehrerin schaut Umweltministerin Barbara Hendricks wohlgefällig auf das Vier-Parteien-Haus, das ausschaut wie ein Neubau.

Es ist aber, und das ist das Besondere, kein Neubau, sondern ein typisches Sechzigerjahre-Mietshaus, nur eben aufgerüstet nach allen Regeln der Baukunst. Das hat etwas Loriothaftes, denn der etwas ältere Herr Kleinschmidt, der ja doch nichts will als wohnen, steht verloren zwischen Fotografen und all den Effizienzklässlern, die begeistert von den Raffinessen schwärmen.

Die Wohnungsbaugesellschaft Vivawest hat in das Modellprojekt einbauen lassen, was derzeit technisch auch nur machbar und bereits am Markt erhältlich ist – nun erzeugt das Gebäude mehr Energie, als die Bewohner verbrauchen. Die Eigentümerin hat das Haus energetisch in die Zukunft katapultiert – und mit ihm Herrn Kleinschmidt, der einfach nur wohnen möchte.

Wo Sie Energie sparen können
1. Natürlich kühlenDer Apartmentkomplex „The Interlace“ des deutschen Stararchitekten Ole Scheeren in Singapur ist gerade mit dem Urban Habitat Award als weltbestes Hochhausprojekt ausgezeichnet worden. Statt über eine Energie fressende Klimaanlage kühlt der Baumeister die 1040 Wohnungen weitgehend durch natürliche Belüftung. Dazu wird der Wind geschickt durch die Gebäudeteile geleitet; Parks, Teiche und Bambusgärten verstärken den Effekt. Genauso überzeugte die Juroren  der soziale Ansatz des Entwurfs. Scheeren hat die Gebäude zu einer Art Dorf mitten in der Stadt verwoben und nicht – wie ursprünglich geplant – neun einzelne Hochhäuser gebaut. In den beschatteten Innenhöfen finden die Bewohner alles, was sie zum Leben brauchen: Geschäfte, Kino, Theater, Restaurants, Schwimmbad und Spielplätze. Drei Dimensionen habe er zusammenbringen wollen, sagt Scheeren: „Natur, Gemeinschaft, Raum.“ Und das ökologisch anspruchsvoll. Quelle: dpa
2. Werden Sie Energiespar-WeltmeisterNach einer jüngsten Übersicht des Verbraucherzentrale Bundesverbands muss ein durchschnittlicher Vier-Personen-Haushalt dieses Jahr für Strom und Heizung 3.035 Euro hinblättern – gut 800 Euro mehr als noch vor sieben Jahren. Mit geschickten Maßnahmen lässt sich die Energierechnung merklich senken. Besonders wirkungsvoll ist die Dämmung der Häuserwende. Sie drückt den Heizbedarf laut Deutscher Energie Agentur um rund 30 Prozent. Das Dach bringt immerhin elf Prozent. Aber auch wer Strom und Wärme selbst erzeugt, kann sich von der Preispolitik der Versorger abkoppeln. Fünf Wege führen in die Energieunabhängigkeit...
...fünf Wege führen in die Energieunabhängigkeit.
3. Wer hilft mir beim Heizungswechsel?Seit kurzem erleichtert es die Online-Plattform Thermondo bundesweit Hauseigentümern, in wenigen Schritten nach passenden Angeboten zu suchen und dabei die Systeme führender  Hersteller zu vergleichen. Ein paar Angaben zum Haus und der vorhandenen Heizung genügen. Die Suche ist kostenlos. Allerdings kann man in die Suchmaske nicht alle Möglichkeiten eingeben, sein Haus zu beheizen. Wärmepumpen zum Beispiel stehen nicht zur Auswahl. Quelle: Presse
4. Intelligentes Thermostat spart 30 ProzentZum Beispiel das des Münchner Startups Tado. Die Box von der Größe einer kleinen Pralinenschachtel verfolgt ihre Besitzer via Internet auf Schritt und Tritt. Registriert die Tado-Box mittels einer Smartphone-App, dass sich ihr Besitzer seinem Heim nähert, dreht das Thermostat die Heizung hoch. Umgekehrt erkennt die schlaue Steuerung, wann der Letzte die Wohnung verlässt - und schaltet die Temperatur herunter. Sogar Sonnenschein registriert Tado mithilfe von online verfügbaren Wetterdaten und regelt entsprechend die Heizleistung. Mit diesen Tricks soll das Gerät die Heizkostenabrechnung im Schnitt um fast 30 Prozent drücken können. Auch Klimageräte lassen sich jetzt damit sparsam steuern. Wer die App mietet, zahlt monatlich 8,25 Euro; wer sie kauft einmalig 299 Euro. Quelle: Presse
5. Wärme von der WandDas Unternehmen Energiefreiheit aus Riedlingen, an der Donau unweit von Ulm gelegen, ergänzt sein sogenanntes aktives Energiehaus um eine ungewöhnliche Wärmequelle im Haus: eine  Infrarotheizung. Sie strahlt ihre Wärme wie ein Kachelofen ab und verbraucht laut Anbieter gegenüber konventionellen Heizungssystemen bis zu 50 Prozent weniger Energie. Die extrem flachen Heizkörper hängen wie Bilder an der Wand und lassen sich mit Motiven verzieren. Ein solares Dachkraftwerk kann in Verbindung mit einer Batterie bis zu 80 Prozent des Eigenbedarfs decken, versprechen die Riedlinger – bei einer Anfangsinvestition von 9.000 bis 11.000 Euro.

Technisches Wunderwerk

Wärmedämmung vom Dach bis zum Keller, selbst im Treppenhaus; Erdwärme und Solarfassade, Luftumwälzanlage samt Wärmerückgewinnung mit Sauerstoff-Messung, Dreifachverglasung und die sparsamsten Elektrogeräte. Schließlich erklären die Enthusiasten Herrn Kleinschmidt, er könne den Dampfgarer auf dem Herd „von unterwegs einschalten, mit einem Knopfdruck auf dem iPhone“.

Herr Kleinschmidt hat kein iPhone.

Wenigstens muss er das nicht alles bezahlen. Rund 450 000 Euro hat Vivawest investiert und einen Teil des Materials noch günstiger bekommen. Zu regulären Preisen und nach den herkömmlichen Regeln der Modernisierungsumlage würde damit eine Mieterhöhung von rund 20 Euro fällig werden – pro Quadratmeter, wohl gemerkt.

Das Haus am Bottroper Ostring ist ein technisches Wunderwerk, das so nur als Modellprojekt entstehen kann. Es ist aber auch ein Mahnmal für das Energieeffizienz-Debakel der deutschen Politik: Jahrelang tat sich nichts, nun soll Geld helfen.

Seit den Neunzigerjahren haben sich alle Bundesregierungen auf Solarzellen und Windräder gestürzt und das Energiesparen vernachlässigt. So lange und intensiv, dass die EU-Kommission nun an einem Vertragsverletzungsverfahren arbeitet. Denn eigentlich hätte die Bundesrepublik bis zum Juni die Effizienzrichtlinie in deutsches Recht übernehmen müssen. Und damit auch festlegen müssen, wie sie das dritte der sogenannten 20–20–20-Ziele der EU erreichen will: neben 20 Prozent des Energieverbrauchs aus erneuerbaren Quellen und 20 Prozent Verringerung des CO2-Ausstoßes auch eine 20-prozentige Steigerung der Energieeffizienz.

Aus diesen Gründen schwitzt die Erde

Am 3. Dezember will die schwarz-rote Koalition nun den „Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz“ ins Werk setzen. Der soll die EU-Kommission bremsen und Deutschland beschleunigen. Im Zentrum der Vorschläge: Subventionen und Steuervergünstigungen.

Längst haben die Lobbyisten Witterung aufgenommen. Firmenrepräsentanten rennen den zuständigen Beamten in Wirtschafts-, Umwelt- und Finanzministerium die Türen ein, sprechen bei Abgeordneten vor, reden mit Journalisten.

Offensivster Pfadfinder im Unterholz der Energiewende ist die Deneff. Das Bündnis von 110 Unternehmen trommelt seit vier Jahren vor allem für die finanzielle Förderung von Energieeffizienz in Unternehmen und Haushalten. Der Dämmstoffhersteller Knauf, auch Deutschlands größter Produzent von Gips, gab hier anfangs den Ton an. Später kamen Heizungshersteller, Fensterbauer, Beratungsunternehmen und Steuerungstechniker dazu. Der Siegeszug der Erneuerbaren gab dem Mitgründer und Geschäftsführenden Vorstand Martin Bornholdt die Idee. Das sei „der Lobbycoup schlechthin“ gewesen. Im Gegensatz zur Ökoenergie brauche die Energieeffizienz aber nur „einen Anschubser. Das ist kein Geschäftsmodell, das nur durch Subventionen funktioniert.“

Jährlich eine Milliarde

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Umweltkollegin Hendricks (beide SPD) holen dafür gerade Schwung. Sie bearbeiten Finanzkollege Wolfgang Schäuble (CDU), jährlich eine Milliarde für die Förderung des Energiesparens lockerzumachen.

Die CDU/CSU war damit in der vergangenen Legislaturperiode noch im Bundesrat gescheitert, später auch in den schwarz-roten Koalitionsverhandlungen. Nun besteht wieder Hoffnung. „Es brächte am meisten, wenn die Bürger 20 Prozent der Investitionskosten nicht nur vom zu versteuernden Einkommen abziehen könnten, sondern direkt von ihrer Steuerschuld“, wirbt der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Michael Fuchs. „Das brächte allen Steuerzahlern dieselbe Entlastung, unabhängig von der Höhe ihres Einkommens.“

Das Geld sei im Bundeshaushalt vorhanden. „Von den zehn Milliarden Euro, die Finanzminister Schäuble nun für Investitionen bereitgestellt hat, können wir eine Milliarde pro Jahr für die Gebäudesanierung verwenden.“ Und weil die SPD immer ein wenig spröde war, wenn es um Steuererleichterungen ging, geht Fuchs noch weiter: „Das ließe sich wahlweise auch mit einem direkten Zuschuss kombinieren. Wir brauchen hier die SPD – allein schon für den Bundesrat.“ Für die Finanzminister müsste das kein großes Verlustgeschäft sein: „Das schafft zusätzliche Investitionen. Über die Mehrwertsteuer kommt dann schon wieder einiges in die Staatskasse zurück.“

Energieeffizienz

So ganz stimmt das nur, wenn das Geld sonst nicht für anderes ausgegeben worden wäre. Deshalb argumentiert Deneff-Vorstand Bornholdt pfiffiger: „Wir ersetzen Öl und Gas durch heimische Handwerksleistung. Wir ersetzen Geldexport durch Wertschöpfung in Deutschland.“

Land der Dichter und Dämmer

Über mangelnde politische Kontakte kann die Deneff nicht klagen. Ihr ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender ist der Braunschweiger CDU-Bundestagsabgeordnete Carsten Müller. Zum Parlamentarischen Beirat gehören zwölf MdBs aller Fraktionen, mit Ausnahme der Linken. Inzwischen hat sich auch im Bundestag ein Parlamentskreis Energieeffizienz gebildet. „Das haben wir begrüßt“, sagt Christoph Freiherr von Speßhardt, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deneff. Kein Wunder: Vorsitzender ist sein Vereins-Vormann Carsten Müller. Selbst beim britischen Umweltminister wurde von Speßhardt vorstellig, um London für strikten Effizienzkurs in Europa zu begeistern.

Alle Experten sind sich einig: Es gibt drei große Bereiche, in denen sich mit einer Effizienzsteigerung viel Energie sparen ließe: Wohnhäuser, Firmengebäude und Autos.

Doch insbesondere bei den Wohngebäuden stockt es. „Seit 2007 stagnieren die Energieeinsparungen trotz vieler Investitionen“, registriert Hans-Lothar Schäfer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Energieabrechnungsfirma Techem. Seit 20 Jahren wertet sein Haus Zigtausende Wohnungsdaten aus. Der Grund: Die Zahl der Haushalte steigt, und die Sanierungsrate sinkt.

Minus 50 Grad in den USA, plus 50 Grad in Brasilien
Die beißende Kälte im mittleren Westen macht den Amerikanern arg zu schaffen. Da muss sogar der härteste „Captain“ das Gesicht verzerren. Laut CNN waren in den USA rund 20 Bundesstaaten von einer starken Kältewelle betroffen. In North Dakota und andere Teile des mittleren Westens hatte der Nationale Wetterdienst für Sonntag Temperaturen von minus 30 Grad vorausgesagt, die gefühlte Temperatur könnte bei starken Windböen sogar auf minus 50 Grad sinken. Bis in den südlichen Bundesstaat Alabama sollte die arktische Kaltfront die Temperaturen deutlich unter den Gefrierpunkt drücken. Quelle: AP
Die Rekordkälte beeinträchtigt das öffentliche Leben in den USA immens. Reisende müssen an Flughäfen ausharren, da Lande- und Startbahnen sowie die Tragflächen der Flugzeuge nicht von Eis und Schnee befreit werden können. Seit Beginn des Schneetreibens am Donnerstag waren laut dem Flugportal Flightaware.com mehr als 7000 Flüge gestrichen worden. Im besonders betroffenen Bundesstaat Minnesota bleiben zudem sämtliche Schulen am Montag geschlossen. Gouverneur Mark Dayton erklärte, die Kinder sollten „vor den gefährlich kalten Temperaturen geschützt werden“. Quelle: AP
Doch nicht alle können vor den Schneestürmen in beheizten Unterkünften flüchten. Am härtesten trifft es die Obdachlosen. Für sie geht es derzeit um das nackte Überleben. Quelle: AP
Die Jacken und der Schal dürften nicht genügend Wärme geben. Die Menschen auf der Straße sind derzeit auf die Nächstenliebe ihrer Mitmenschen angewiesen. Nach Angaben der Wetterdienste könnte die Temperatur am Montag in Minnesota auf minus 54 Grad Celsius sinken. In anderen Teilen der USA könnte die Temperatur „gefühlte minus 48 Grad“ erreichen. Bis Dienstag könnten insgesamt bis zu 70 Kälterekorde gebrochen werden, berichtete der „Weather Channel“ am Sonntag auf seiner Internetseite. Quelle: dpa
Während der Sturm in einigen Teilen der USA bereits abflaut, peitscht er in Scituate das Wasser weiter auf. Quelle: AP
Der Kälteeinbruch hat in den USA bereits mehr als ein Dutzend Menschen das Leben gekostet. Der Schneesturm „Hercules“ mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 105 Stundenkilometern hatte den Nordosten bereits am Freitag teilweise lahmgelegt. An der Ostküste fielen stellenweise bis zu 62 Zentimeter Neuschnee. Quelle: AP
Auch in New York fiel massenweise Schnee. Räumdienste arbeiteten rund um die Uhr. Am Times Square versammelten sich die Menschen, um Schneeengel zu zeichnen und Schneeballschlachten auszutragen. Mit den winterlichen Unannehmlichkeiten versuchen die New Yorker bestmöglich umzugehen. Das Foto zeigt einen Mann, der in der Mega-City mit Skiern zu Arbeit fährt. Quelle: AP

In den vergangenen Jahren wurden pro Jahr nur noch 0,8 Prozent der Wohngebäude saniert. Es würde also 125 Jahre dauern, den gesamten Gebäudebestand auf den modernsten Stand zu bringen. Zu langsam, um die ehrgeizigen Ziele der Bundesregierung zu schaffen. Denn die will nicht nur die europäischen 20 Prozent CO2-Verringerung erreichen, sie hat sogar 40 Prozent versprochen - bis zum Jahr 2020. 32 bis 35 Prozent sind realistisch, je nach Konjunktur.

Gleichzeitig ist die Regierung aber selbst auf die Bremse getreten, weil sie zu viel von den Hausbesitzern verlangt hatte. Wer einen günstigen KfW-Kredit beantragen wollte, musste vor einigen Jahren gleich eine Totaloperation an Eigenheim oder Mietshaus vornehmen. Mindestens drei Maßnahmen mussten dabei sein, beispielsweise Fassadendämmung plus neue Heizung plus neue Fenster. Schnell kamen so 60 000 Euro für ein Einfamilienhaus zusammen. Das überforderte viele Bauherren und schreckte manchen ab. Angesichts der stark gesunkenen Zinsen sind die KfW-Förderkredite aber ohnehin kaum noch lukrativ.

Der Klimawandel in Zahlen

Inzwischen hat die Politik umgeschaltet. Einzelmaßnahmen sind wieder möglich, um den ehrgeizigen Klimazielen doch noch näher zu kommen. Das ist die Chance für jene Anbieter, die mit überschaubaren Investitionen vergleichsweise gute Effekte erzielen können. „Wenn die Kosten 20 000 Euro übersteigen, dann bekommen wir keine Massenbewegung hin“, sagt Christian Küchen, Sprecher der Geschäftsführung beim Institut für Wärme und Öltechnik. Für 9000 Euro lasse sich die vorhandene Ölheizung mit einem modernen Brennwertkessel ausstatten, „das bringt für das Klima mehr, als wenn die Menschen abwarten, ob sie irgendwann mal später auf Gas umsteigen“. Schneller amortisiere sich nur die Isolierung der Heizungsrohre im Keller und die Dämmung unterm Dach.

Energiewende verkehrt herum

Die Ölbranche hat es aber deutlich schwerer, bei Regierung und Parlament durchzudringen als die Deneff. Wenn Uniti, der Bundesverband mittelständischer Mineralölhändler, einen Kongress veranstaltet, haben es die Organisatoren schwer, Politiker als Redner oder Diskussionsteilnehmer zu gewinnen. Zwar geht es nicht um anrüchiges Glücksspiel, Bordellbetriebe oder suchterzeugende Getränke, aber dennoch, so scheint es, wollen sich Abgeordnete und Minister bei und daher vor allem mit der Branche nicht gern sehen lassen. Die Uniti-Mitglieder bringen nicht nur Sprit zu Zapfsäulen, sondern verdienen auch an der Belieferung der Hausbesitzer, in deren Keller eine Ölheizung vor sich hinsummt. Da müssen Verbündete her: „Eine sinnvolle Kombination aus Solar- und Mineralölenergie bringt die Energiewende in die Häuser der Menschen und nicht auf die offene See oder in windige Gegenden“, wirbt Verbandschef Udo Weber.

Solarstrom für den Hausgebrauch
Sonne im GlasDie Bürger von Schilda wollten das Sonnenlicht einst mit Eimern einfangen und damit ihr fensterloses Rathaus erleuchten – so eine der Sagen von Till Eulenspiegel. Mit diesem umdisponierten Einmachglas wird das Märchen endlich wahr: Einfach das Behältnis in die Sonne stellen und abends den Deckel verschließen – schon erstrahlt feines Solarlicht. Das Geheimnis: Das Glas enthält Solarzellen und einen Akku, dessen Strom eine Leuchtdiode fünf Stunden aufleuchten lässt. Sun in a Jar Quelle: Presse
Doppel-Pack für den HybridWeil gleich zwei Solarquellen die Batterie des C-Max Solar Energi von Ford mit Elektronen auffüllen, soll der Plug-in-Hybrid mit Verbrennungsmotor ganz ohne Kabel und Stecker auskommen. Er lädt sozusagen während der Fahrt – sofern die Sonne scheint. Das Konzeptfahrzeug hat zum einen klassische Siliziumzellen auf dem Dach. Zum anderen ist es mit sogenannten Konzentratorzellen bestückt, die das Sonnenlicht wie ein Brennglas bündeln. Das soll die Ladegeschwindigkeit verachtfachen. C-MAX Hybrid Energi Quelle: Presse
Paddelboot für FauleLass mal die Sonne ran! Kann sich sagen, wer mit einem Elektro-Kajak von Klepper auf Flüssen und Seen unterwegs ist. Zwei Solarmodule mit zusammen 60 Watt Leistung treiben das Boot bei Sonnenschein mit Paddelgeschwindigkeit lautlos voran. Sobald der Fahrer selbst die Paddel ins Wasser sticht, laden die Zellen einen Akku. Dann hat er Strom für Handy, GPS und Zeltbeleuchtung zum Nulltarif. Klepper Falt Solarantrieb für E-Kajaks
Solarhandy gegen NomophobieEs soll Menschen geben, die sich vor nichts mehr fürchten als auch nur eine Minute nicht erreichbar zu sein. Nomophobia (No-Mobile-Phone-Phobia) heißt das Phänomen in Fachkreisen. Den Geplagten kann geholfen werden, verspricht das Schweizer Unternehmen Tag Heuer - eigentlich bekannt für Luxusuhren. Es will im Juli ein Handy auf den Markt bringen, dessen im Display integrierte transparente Solarzelle genug Strom produzieren soll, um das Mobiltelefon allzeit auf Empfang zu halten. Das Laden funktioniert angeblich auch bei Kunstlicht. TAG Heuer Meridiist Quelle: Presse
Strom zum AufstellenKeine Steckdose in Reichweite? Macht nichts! Der mobile Solar-Kiosk Cubox des österreichischen Anbieters HBT Energietechnik versorgt sich selbst mit Strom – am Strand, auf dem Golfplatz, in der Fußgängerzone oder bei der Party im eigenen Garten. Die Zellen produzieren genügend Energie, um den schicken Hingucker zu illuminieren und das Bier zu kühlen. cubox.at Quelle: Presse
Schaufelrad auf dem DachÜber die Dächer unserer Städte und Dörfer streicht, außer bei Windstille, ein beständiger Luftstrom – besonders intensiv über die glatte Oberfläche von Solarmodulen. Die LWS Systems aus Mecklenburg-Vorpommern hat eine Strömungsturbine entwickelt, die ihn über Schaufeln auffängt und in elektrische Energie umwandelt. Die Hybridtechnik hebt die Energieausbeute auf dem Dach; sie ist genehmigungsfrei. www.lws-systems.com/windmodule Quelle: Presse
Heizen mit EisDie Hybridkollektoren des Lörracher Unternehmens Consolar am Bodensee zapfen nicht nur die Sonne als Wärmespender für Dusche und Heizung an. Sie entziehen auch der Luft Wärme und speichern diese in Verbindung mit einer Wärmepumpe in einem Speicher. Ein Teil der Energie wird zu Eis gefroren. Taut das Eis wieder zu Wasser auf, wird besonders viel Energie frei. Dank dieses Effekts fasst der Eis-Wasserspeicher acht Mal mehr Energie als konventionelle Wasserspeicher gleicher Größe. Consolar Solaera Quelle: Presse

Jetzt rächt sich, dass Deutschland die Energiewende genau falsch herum aufgezogen hat. Erst wurden Milliarden dafür ausgegeben, an jeder Ecke des Landes Solarzellen, Windräder und Biogasanlagen zu installieren. Dann stellte man überrascht fest, dass die großen und kleinen Kraftwerke gar nicht dort stehen, wo die Kraft am Ende gebraucht wird. Also fehlten nun die Überlandkabel. Erst jetzt kommt die Politik zu der Erkenntnis, mit – zumindest etwas – mehr Wucht die Effizienz zu steigern und so den Bedarf insgesamt zu senken. Denn Energie, die nicht benötigt wird, muss auch gar nicht erst erzeugt und transportiert werden. Manch zusätzliches Kraftwerk und Kabel wäre überflüssig gewesen.

Vor Jahren zum Erliegen gekommen war der Versuch, durch sogenannte intelligente Stromzähler den Verbrauch der Kunden zu beeinflussen. Die Netzbetreiber profitieren zwar am stärksten davon, wenn die Abnehmer dank intelligenter Steuerung ihren Konsum an das gerade verfügbare Stromangebot anpassen, trotzdem sollten sie die Regeltechnik bezahlen. Rund 18 Euro Monatsmiete wären dafür fällig, das wollten die Kunden nicht. Denn selbst bei zeitlich gestaffelten Tarifen ließe sich der Preis nicht wieder hereinholen.

Der Unternehmensverbund OMS, in dem sich Hersteller von Mess- und Kommunikationstechnik sowie Ablesefirmen zusammengeschlossen haben, wagt nun einen neuen Anlauf. OMS will zwar ebenfalls Mieter und Häuslebesitzer zahlen lassen, verspricht aber größere Einsparungen. Denn über eine einzige Kommunikationsplattform – und die ist das teure – sollen Daten aller Messfühler im Haus verarbeitet werden. Also nicht nur der Stromzähler, sondern auch die Wasseruhr, der Wärmemengen- oder Gaszähler.

Wer spart Treibhausgase - wer nicht?

Neue Messdiener

„Versuche haben gezeigt, dass die Verbraucher 15 bis 20 Prozent Energie oder Wasser sparen, wenn sie ihren Verbrauch kennen und ihr Verhalten entsprechend ändern“, sagt Werner Domschke, Sprecher des OMS-Vorstandes. „Bei Wärme spielt das Bewusstsein eine viel größere Rolle, da lässt sich viel mehr einsparen als beim Strom. Und wenn alles über ein Kommunikationssystem läuft, wird es auch effizient.“ Besonders stolz ist er auf den Datenschutz, den OMS gemeinsam mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik entwickelt hat. Die Übertragung erfolgt einmal im Jahr direkt vom Heizkörper zum Messdienst, der beispielsweise die Heizkostenabrechnung erstellt. Aber in der Praxis hapert es, beklagt Domschke: „Die Stromversorger wollen nicht weniger Strom verkaufen, die Ablesedienste rechnen bisher nur Wärme und Heißwasser ab. Da stoßen wir auf Widerstand. Die Regierung sollte mehr tun, um Smart Meter durchzusetzen.“

In Industrie und Gewerbe scheint es oft noch schwieriger, der Sparsamkeit zum Durchbruch zu verhelfen. „Wenn man einem Geschäftsführer mit dem Thema kommt, dann schaut er, als habe man vorgeschlagen: ‚Wir müssen mal den Keller aufräumen‘“, sagt Deneff-Vorstand Bornholdt. Der Grund ist einfach: Während energieintensive Betriebe streng auf den gigantischen Kostenblock schauen, ist er für die meisten Firmen zu vernachlässigen. Im Schnitt der deutschen Wirtschaft liegen die Energiekosten gerade mal bei zwei Prozent. Und selbst im Stahlwerk kümmert man sich natürlich um den Elektroofen, aber nicht um die Bürobeleuchtung.

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Der Zentralverband der Elektroindustrie fordert deshalb schon seit Jahren, Unternehmen auf die Sprünge zu helfen, um beispielsweise veraltete Elektromotoren auszutauschen. Das amortisiert sich im Schnitt oft bereits nach zwei Jahren, doch stets ist anderes wichtiger. Dabei ließen sich nach Berechnungen des Verbandes durch elektronische Drehzahlregelung und Sparmodelle fünf Milliarden Euro Stromkosten vermeiden. Doch auf finanzielle Verkaufsförderung durch die Regierung wartet der Verband diesmal wohl vergebens.

Dass man beim Knausern nicht übertreiben darf, haben schon vor drei Jahren die Beamten des Bundesinnenministeriums vorgeführt. Sie schafften für 150 000 Euro besonders sparsame Computerbildschirme an. Die senkten zwar die Stromkosten um 2500 Euro, aber allein die Zinsen der Finanzierung lagen bei 5000 Euro pro Jahr.

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