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Energieeffizienz Dämm-Lobbyisten sollen Klimaschutzziele retten

Die eigenen ehrgeizigen Klimaziele kann Deutschland kaum noch schaffen. Deshalb plant die Bundesregierung Steuerrabatte, damit Hausbesitzer die Gebäude dämmen und sparsame Heizungen installieren. Das ist der Startschuss für alle Lobbyisten: Jetzt geht es darum, den Fördersegen auf die eigenen Produkte zu lenken.

Hoffnung für Hausbesitzer: Eine Milliarde Euro versüßt das Sparen. Quelle: Fotolia

Herr Kleinschmidt möchte wohnen, einfach nur wohnen. Doch die Damen und Herren um ihn herum sind aufgeregt wie Kinder bei der Einschulung. Für sie ist es auch der erste Tag: Einweihung des Plusenergiehauses Ostring 124 in Bottrop. Wie die neue Klassenlehrerin schaut Umweltministerin Barbara Hendricks wohlgefällig auf das Vier-Parteien-Haus, das ausschaut wie ein Neubau.

Es ist aber, und das ist das Besondere, kein Neubau, sondern ein typisches Sechzigerjahre-Mietshaus, nur eben aufgerüstet nach allen Regeln der Baukunst. Das hat etwas Loriothaftes, denn der etwas ältere Herr Kleinschmidt, der ja doch nichts will als wohnen, steht verloren zwischen Fotografen und all den Effizienzklässlern, die begeistert von den Raffinessen schwärmen.

Die Wohnungsbaugesellschaft Vivawest hat in das Modellprojekt einbauen lassen, was derzeit technisch auch nur machbar und bereits am Markt erhältlich ist – nun erzeugt das Gebäude mehr Energie, als die Bewohner verbrauchen. Die Eigentümerin hat das Haus energetisch in die Zukunft katapultiert – und mit ihm Herrn Kleinschmidt, der einfach nur wohnen möchte.

Wo Sie Energie sparen können
1. Natürlich kühlenDer Apartmentkomplex „The Interlace“ des deutschen Stararchitekten Ole Scheeren in Singapur ist gerade mit dem Urban Habitat Award als weltbestes Hochhausprojekt ausgezeichnet worden. Statt über eine Energie fressende Klimaanlage kühlt der Baumeister die 1040 Wohnungen weitgehend durch natürliche Belüftung. Dazu wird der Wind geschickt durch die Gebäudeteile geleitet; Parks, Teiche und Bambusgärten verstärken den Effekt. Genauso überzeugte die Juroren  der soziale Ansatz des Entwurfs. Scheeren hat die Gebäude zu einer Art Dorf mitten in der Stadt verwoben und nicht – wie ursprünglich geplant – neun einzelne Hochhäuser gebaut. In den beschatteten Innenhöfen finden die Bewohner alles, was sie zum Leben brauchen: Geschäfte, Kino, Theater, Restaurants, Schwimmbad und Spielplätze. Drei Dimensionen habe er zusammenbringen wollen, sagt Scheeren: „Natur, Gemeinschaft, Raum.“ Und das ökologisch anspruchsvoll. Quelle: dpa
2. Werden Sie Energiespar-WeltmeisterNach einer jüngsten Übersicht des Verbraucherzentrale Bundesverbands muss ein durchschnittlicher Vier-Personen-Haushalt dieses Jahr für Strom und Heizung 3.035 Euro hinblättern – gut 800 Euro mehr als noch vor sieben Jahren. Mit geschickten Maßnahmen lässt sich die Energierechnung merklich senken. Besonders wirkungsvoll ist die Dämmung der Häuserwende. Sie drückt den Heizbedarf laut Deutscher Energie Agentur um rund 30 Prozent. Das Dach bringt immerhin elf Prozent. Aber auch wer Strom und Wärme selbst erzeugt, kann sich von der Preispolitik der Versorger abkoppeln. Fünf Wege führen in die Energieunabhängigkeit...
...fünf Wege führen in die Energieunabhängigkeit.
3. Wer hilft mir beim Heizungswechsel?Seit kurzem erleichtert es die Online-Plattform Thermondo bundesweit Hauseigentümern, in wenigen Schritten nach passenden Angeboten zu suchen und dabei die Systeme führender  Hersteller zu vergleichen. Ein paar Angaben zum Haus und der vorhandenen Heizung genügen. Die Suche ist kostenlos. Allerdings kann man in die Suchmaske nicht alle Möglichkeiten eingeben, sein Haus zu beheizen. Wärmepumpen zum Beispiel stehen nicht zur Auswahl. Quelle: Presse
4. Intelligentes Thermostat spart 30 ProzentZum Beispiel das des Münchner Startups Tado. Die Box von der Größe einer kleinen Pralinenschachtel verfolgt ihre Besitzer via Internet auf Schritt und Tritt. Registriert die Tado-Box mittels einer Smartphone-App, dass sich ihr Besitzer seinem Heim nähert, dreht das Thermostat die Heizung hoch. Umgekehrt erkennt die schlaue Steuerung, wann der Letzte die Wohnung verlässt - und schaltet die Temperatur herunter. Sogar Sonnenschein registriert Tado mithilfe von online verfügbaren Wetterdaten und regelt entsprechend die Heizleistung. Mit diesen Tricks soll das Gerät die Heizkostenabrechnung im Schnitt um fast 30 Prozent drücken können. Auch Klimageräte lassen sich jetzt damit sparsam steuern. Wer die App mietet, zahlt monatlich 8,25 Euro; wer sie kauft einmalig 299 Euro. Quelle: Presse
5. Wärme von der WandDas Unternehmen Energiefreiheit aus Riedlingen, an der Donau unweit von Ulm gelegen, ergänzt sein sogenanntes aktives Energiehaus um eine ungewöhnliche Wärmequelle im Haus: eine  Infrarotheizung. Sie strahlt ihre Wärme wie ein Kachelofen ab und verbraucht laut Anbieter gegenüber konventionellen Heizungssystemen bis zu 50 Prozent weniger Energie. Die extrem flachen Heizkörper hängen wie Bilder an der Wand und lassen sich mit Motiven verzieren. Ein solares Dachkraftwerk kann in Verbindung mit einer Batterie bis zu 80 Prozent des Eigenbedarfs decken, versprechen die Riedlinger – bei einer Anfangsinvestition von 9.000 bis 11.000 Euro.

Technisches Wunderwerk

Wärmedämmung vom Dach bis zum Keller, selbst im Treppenhaus; Erdwärme und Solarfassade, Luftumwälzanlage samt Wärmerückgewinnung mit Sauerstoff-Messung, Dreifachverglasung und die sparsamsten Elektrogeräte. Schließlich erklären die Enthusiasten Herrn Kleinschmidt, er könne den Dampfgarer auf dem Herd „von unterwegs einschalten, mit einem Knopfdruck auf dem iPhone“.

Herr Kleinschmidt hat kein iPhone.

Wenigstens muss er das nicht alles bezahlen. Rund 450 000 Euro hat Vivawest investiert und einen Teil des Materials noch günstiger bekommen. Zu regulären Preisen und nach den herkömmlichen Regeln der Modernisierungsumlage würde damit eine Mieterhöhung von rund 20 Euro fällig werden – pro Quadratmeter, wohl gemerkt.

Das Haus am Bottroper Ostring ist ein technisches Wunderwerk, das so nur als Modellprojekt entstehen kann. Es ist aber auch ein Mahnmal für das Energieeffizienz-Debakel der deutschen Politik: Jahrelang tat sich nichts, nun soll Geld helfen.

Seit den Neunzigerjahren haben sich alle Bundesregierungen auf Solarzellen und Windräder gestürzt und das Energiesparen vernachlässigt. So lange und intensiv, dass die EU-Kommission nun an einem Vertragsverletzungsverfahren arbeitet. Denn eigentlich hätte die Bundesrepublik bis zum Juni die Effizienzrichtlinie in deutsches Recht übernehmen müssen. Und damit auch festlegen müssen, wie sie das dritte der sogenannten 20–20–20-Ziele der EU erreichen will: neben 20 Prozent des Energieverbrauchs aus erneuerbaren Quellen und 20 Prozent Verringerung des CO2-Ausstoßes auch eine 20-prozentige Steigerung der Energieeffizienz.

Aus diesen Gründen schwitzt die Erde

Am 3. Dezember will die schwarz-rote Koalition nun den „Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz“ ins Werk setzen. Der soll die EU-Kommission bremsen und Deutschland beschleunigen. Im Zentrum der Vorschläge: Subventionen und Steuervergünstigungen.

Längst haben die Lobbyisten Witterung aufgenommen. Firmenrepräsentanten rennen den zuständigen Beamten in Wirtschafts-, Umwelt- und Finanzministerium die Türen ein, sprechen bei Abgeordneten vor, reden mit Journalisten.

Offensivster Pfadfinder im Unterholz der Energiewende ist die Deneff. Das Bündnis von 110 Unternehmen trommelt seit vier Jahren vor allem für die finanzielle Förderung von Energieeffizienz in Unternehmen und Haushalten. Der Dämmstoffhersteller Knauf, auch Deutschlands größter Produzent von Gips, gab hier anfangs den Ton an. Später kamen Heizungshersteller, Fensterbauer, Beratungsunternehmen und Steuerungstechniker dazu. Der Siegeszug der Erneuerbaren gab dem Mitgründer und Geschäftsführenden Vorstand Martin Bornholdt die Idee. Das sei „der Lobbycoup schlechthin“ gewesen. Im Gegensatz zur Ökoenergie brauche die Energieeffizienz aber nur „einen Anschubser. Das ist kein Geschäftsmodell, das nur durch Subventionen funktioniert.“

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