1. Startseite
  2. Politik
  3. Deutschland
  4. In die Sauna trotz Energiekrise? Habeck erlaubt es, obwohl die Länder Strom und Gas sparen sollen

EnergiekriseHabeck will sparen, die Länder saunieren

Geht es nach dem Willen von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, sollen Behörden weniger heizen. Das Ziel: Energie sparen. Doch die öffentliche Hand verfeuert in ihren Thermen weiterhin jede Menge Strom und Gas, um Gäste in die Sauna zu locken. Und das Bundeswirtschaftsministerium erlaubt das auch.Vinzenz Neumaier 11.09.2022 - 09:22 Uhr

Der Staat lässt in der Krise schwitzen: Viele Saunen im Eigentum der Länder und Kommunen bleiben vorerst offen.

Foto: dpa

Doch während es die rheinland-pfälzische Finanzministerin Doris Ahnen (SPD) beim Aktenstudium im Ministerium künftig eher frösteln dürfte, heizen die Staatsbäder des Bundeslandes Rheinland-Pfalz weiterhin ihre Saunen an. Insgesamt zehn Schwitzstuben betreibt Rheinland-Pfalz über seine Tochtergesellschaften am Standort Bad Bertrich in der Eifel sowie in Bad Bergzabern unweit der Grenze zu Frankreich. Etwa 29.000 Kilowattstunden Strom und Gas verbrauchten die fünf Saunen in der Vulkaneifel Therme in Bad Bertrich allein im Monat Juli. Aufs Jahr gerechnet verheizen die Aufgüsse in der Vulkansauna (100 Grad) oder der Eifelhütte (90 Grad) also in etwa so viel Energie, wie 108 Zwei-Personen-Haushalte im Jahr Strom verbrauchen. Was die Saunaöfen in Bad Bergzabern zusätzlich verfeuern, könne man nicht ermitteln, sagt das zuständige Finanzministerium.

Und bleibt in der Krise der Saunaofen kalt? Noch nicht, heißt es vom zuständigen Ministerium in Rheinland-Pfalz. Trotz des hohen Energieverbrauchs will das Land seine Saunen derzeit noch nicht komplett erkalten lassen. Vielmehr setzt Rheinland-Pfalz als Eigentümer auf kleinere Maßnahmen, um Energie zu sparen. In den Thermen habe man die Höchsttemperaturen der Schwitzkabinen gesenkt und die Zeiten für mögliche Saunagänge zudem verkürzt, erläutert das Finanzministerium.

Gaskrise

(Noch) plant Habeck keinen Rettungsschirm für Stadtwerke

von Vinzenz Neumaier

Noch mehr Strom als in Rheinland-Pfalz verbrauchen die öffentlichen Saunabetreiber indes einige Kilometer weiter südlich. Die Saunen der Staatsbäder des Landes Baden-Württemberg bringen ihre Thermenbesucher mit knapp 95.000 Kilowattstunden Strom pro Monat ins Schwitzen. Aufs Jahr gerechnet kommen die Saunen an so mondänen Kurorten wie Baden-Baden oder Bad Wildbad auf einen Verbrauch jenseits der 1-Million-Kilowattstunden-Grenze. Um Energie zu sparen, hätten die zuständigen Stellen ebenfalls bereits einzelne Saunen abgeschaltet, heißt es aus dem zuständigen Ministerium in Stuttgart. Aber: „Ein vollständiges Abschalten der Saunen ist derzeit nicht geplant.“

Wie beim Gas, so beim Strom? – Sorgen um Knappheit im Winter
Genau kann das noch niemand sagen. Eine erst vor wenigen Tagen vom Wirtschaftsministerium veröffentlichte Analyse zur Stromversorgung kommt zwar zu dem Ergebnis, „dass ein sicherer Betrieb des Elektrizitätsversorgungsnetzes im Winter 2022/23 gewährleistet ist“. Doch so ganz traut man dem wohl nicht. Denn das Haus von Robert Habeck (Grüne) gab bereits einen zweiten Stresstest in Auftrag, bei dem Experten die Belastbarkeit der deutschen Stromversorgung unter „weiter verschärften Bedingungen“ – noch weniger Gaslieferungen, noch weniger Atomstrom aus Frankreich – prüfen und modellieren sollen.Energieexperten, die von der Deutschen Presse-Agentur befragt wurden, zeigten sich allerdings überwiegend recht zuversichtlich, dass das Netz der Belastungsprobe gewachsen sein wird. Tobias Federico, Geschäftsführer beim Beratungsunternehmen Energy Brainpool, sagte: „Ich persönlich bereite mich nicht auf einen Blackout vor.“ Die Fachleute erwarten trotz der Abschaltung der letzten deutschen Kernkraftwerke zum Jahresende im Winter keine großen Engpässe beim Strom, auch weil Steinkohlekraftwerke aus der Reserve geholt würden.Christoph Maurer vom auf Energie spezialisierten Berater Consentec hält die Lage für angespannt, aber grundsätzlich in einem normalen Winter beherrschbar. Vorsichtiger gab sich Thorsten Lenck von Agora Energiewende: „Nach unseren bisherigen Analysen ist es durchaus möglich, dass es im Winter in einigen Stunden knapp werden könnte.“
Mindestens vier, wenn man den Experten glauben darf: die massiven Probleme Frankreichs mit seinen Akw, mögliche Wetterextreme, die Versorgungslage der Gaskraftwerke und das Verhalten der Verbraucher.Einer der größten Risikofaktoren ist ausgerechnet das Nachbarland Frankreich. Dort steht ein großer Teil der Kernkraftwerke gerade nach Entdeckung kleiner Risse im Notkühlsystem oder wegen Wartungsarbeiten still. Gelinge es nicht, genügend dieser Atomkraftwerke rechtzeitig wieder ans Netz zu bringen, könne dies aufgrund der europäischen Vernetzung zur Herausforderung für die deutschen Versorger werden, warnten Lenck und Maurer. Besonders kritisch könne es in einem kalten Winter werden, weil in Frankreich viel mit Strom geheizt werde.Zweites Risiko: Wetterkapriolen. Besonders kritisch kann eine „Dunkelflaute“ sein – mehrere Tage mit wenig Wind- und zugleich kaum Solarstrom. Passiere das in Deutschland und Frankreich gleichzeitig und komme dann noch eine Kältewelle, sei das bedenklich, so Federico.Drittes Risiko: die Versorgung der Gaskraftwerke mit ausreichend Brennstoff. Zwar machen sie nur einen recht kleinen Teil der Kapazitäten in Deutschland aus. Doch bei Lastspitzen können sie entscheidend sein, um die Netzstabilität zu sichern, betonte Lenck. 2021 stammten gut 15 Prozent der insgesamt erzeugten Elektrizität aus der Gasverbrennung – nun soll wegen der unsicheren russischen Lieferungen vorhandenes Gas aber mehr zum Heizen reserviert werden.Und schließlich das schwer vorherzusagende Verbraucherverhalten. In den letzten Wochen hat die Nachfrage nach elektrischen Heizgeräten – vom Heizlüfter bis zur Konvektorheizung – deutlich zugenommen. Würde wirklich in großem Umfang damit geheizt, könnte das die Stromnetze in die Knie zwingen, warnte Maurer: „Das ist ein Szenario, das man fast um jeden Preis verhindern muss.“ Denn es würde die Möglichkeiten des Stromnetzes sowohl bei der Erzeugung als auch beim Transport überfordern. Die wachsende Zahl von E-Autos sei bisher noch kein Problem, meinte der Experte.
Sparsamer Umgang mit Strom empfiehlt sich schon mit Blick auf den eigenen Geldbeutel. Wie die Gas- sind auch die Strompreise zuletzt drastisch gestiegen. Im Juni lagen sie laut den Vergleichsportalen Verivox und Check24 um rund 30 Prozent über dem Vorjahresmonat. Der Wegfall der EEG-Umlage verschaffe den Verbrauchern etwas Entlastung, betonte Verivox-Energieexperte Thorsten Storck - doch sei dies wohl nur eine Atempause. „Spätestens zum Jahreswechsel rechnen wir erneut mit flächendeckenden Strompreiserhöhungen für Millionen Haushalte.“Jedoch spricht nach Einschätzung der Branchenkenner vieles dafür, dass der Anstieg nicht so dramatisch sein dürfte wie beim Gas. „Der Strompreis wird sicher auch steigen, aber nicht ganz so heftig“, so Florian Stark von Check24. Die Entwicklung an den Strombörsen sei weniger drastisch. Zudem machten Kosten für Beschaffung und Vertrieb bei Strom „nur“ 44 Prozent des Preises aus, bei Gas über 60 Prozent.Etliche Betriebe fürchten indes, die Mehrbelastung im Einkauf nicht mehr lange tragen zu können. Der Verband der Energie-Abnehmer (VEA) sprach jüngst von einem durchschnittlichen Strompreiszuwachs von fast 62 Prozent seit Januar. Die Lage sei mittlerweile existenzgefährdend.
Im Winter wird dies doppelt wichtig, um das Netz stabil zu halten und das Portemonnaie zu schonen. Wo und wann immer im Alltag Beleuchtung oder durchlaufende Maschinen nicht unbedingt nötig sind, lässt sich darauf verzichten. Immer wieder gibt es auch den Hinweis, nicht regelmäßig genutzte Elektrogeräte oder Unterhaltungselektronik ganz aus der Steckdose zu ziehen, statt sie im Standby-Modus zu lassen.Außerdem könnte die Kraft-Wärme-Kopplung – die parallele Erzeugung von Strom und Wärme aus ein und demselben Brennstoff – die Effizienz erhöhen. Für Verbraucher gibt es etwa Mini-Blockheizkraftwerke. Auch in der Industrie kann der überschüssige Anteil heißen Dampfes, der nicht für die Bewegung einer Turbine und danach zum Generator-Betrieb nötig ist, weiter verwendet werden. Der Wirkungsgrad ist dann höher.
Die Werte für Deutschland verbessern sich allmählich, doch die Energiewende bleibt eine längerfristige Aufgabe. Nach Daten des Umweltbundesamts (UBA) nahm die Erzeugung von Strom aus Quellen wie Wind-, Solar- und Wasserkraft sowie Bioenergie und Geothermie in der ersten Jahreshälfte um 14 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zu.Insgesamt kamen über 137 Milliarden Kilowattstunden an elektrischer Energie zusammen. Damit erzielten regenerative Träger Schätzungen zufolge rund 49 Prozent am Brutto-Stromverbrauch im Inland – 8 Prozentpunkte über dem Niveau von Ende 2021. Ähnliche Zahlen meldete jüngst der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

Das Land Sachsen wiederum investierte bis vor Kurzem knapp 60.000 Kilowattstunden Strom im Monat, um „in den traditionsreichen Kur- und Heilbädern Bad Elster und Bad Brambach Gästen und Patienten ein umfangreiches medizinisches Kurprogramm zur Heilung, Schmerzlinderung sowie Prävention“ zu offerieren, wie es die sächsischen Staatsbäder formulieren. Nochmal 27.000 Kilowattstunden Erdgas und Fernwärme benötigen die Staatsbäder in Sachsen zudem, um die Umgebung der Saunen zu erwärmen. Bereits im Juli haben die sächsischen Staatsbäder mehrere Saunen abgeschaltet. Außerdem überlege der Staatsbetrieb, ob man im Winter nur Innensaunen an einem Standort weiterlaufen lasse, heißt es.

Aus Berlin droht derzeit jedenfalls noch kein Ungemach für die energiehungrigen Unternehmungen der Länder und Kommunen. Das Bundeswirtschaftsministerium meint: Energiesparmaßnahmen seien angesichts der „angespannten Lage auf den Energiemärkten“ zwar notwendig, Thermen in Eigentum der öffentlichen Hand möchte das Ministerium jedoch noch nicht „über den kompletten Winter die Verdienstmöglichkeit“ entziehen.



Mancherorts ist die Saunasaison bereits vorbei

Ein bisschen heizen darf noch sein. Unter diesem Motto arbeiten ebenfalls einige Kommunen, die sich in der Bäderbranche engagieren – darunter die Gemeinde Bad Bellingen (Landkreis Lörrach). Die Kommune im Süden Baden-Württembergs betreibt über eine Tochtergesellschaft die Balinea Thermen im Ort. Die Gemeinde hat bereits zwei von fünf Saunen abgestellt, um Energie zu sparen. Doch die Therme komplett zuzusperren, das möchte die Kommune zurzeit nicht. Denn: „Eine Schließung hätte tiefgreifende wirtschaftliche Auswirkungen auf weite Bereiche der lokalen Wirtschaft“. Bad Bellingens Bürgermeister Carsten Vogelpohl prognostiziert: „Der kommende Winter wird für das Heilbad Bad Bellingen die größte finanzielle Herausforderung seiner jüngeren Geschichte bringen.“

In Niederbayern hat die Saunasaison indes bereits ihr Ende gefunden: Dort können Badegäste schon jetzt in fünf Thermen nicht mehr saunieren, an denen der Bezirk Niederbayern Anteile besitzt. Durch die Schließung könne man bis zu vier Millionen Kilowattstunden Strom einsparen, die die fünf Thermalbäder ansonsten in ihren Saunen pro Jahr verheizen würden, meint der Bezirk Niederbayern als Haupteigentümer der Thermen.

Lesen Sie auch: Wie Bürokratie deutsche Unternehmen beim Gassparen behindert.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick