WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Energiepolitik Experten kritisieren deutschen Netzausbau

Die Experten der Internationalen Energie-Agentur stellen Deutschland nur ein mittelmäßiges Zeugnis aus. Um die bis 2020 gesetzten Ziele der Energiewende zu erreichen, müsste sich Europas größte Industrienation noch mächtig anstrengen.

Kuriose Folgen der Energiewende
Schwierige Löschung von Windrad-BrändenDie schmalen, hohen Windmasten sind bei einem Brand kaum zu löschen. Deshalb lassen Feuerwehrleute sie meist kontrolliert ausbrennen – wie im April in Neukirchen bei Heiligenhafen (Schleswig-Holstein). Quelle: dpa
Tiefflughöhe steigtDie Bundeswehr hat die Höhe bei nächtlichen Tiefflügen angepasst. Wegen Windradmasten kann die Tiefflughöhe bei Bedarf um 100 Meter angehoben werden. Der Bundesverband Windenergie (BWE) begrüßt, dass dadurch Bauhöhen von bis zu 220 Meter realisiert werden können. Die Höhe des derzeit höchsten Windradtyps liegt bei etwa 200 Metern. Quelle: dpa
Dieselverbrauch durch WindräderViele neue Windkraftanlagen entstehen – ohne ans Netz angeschlossen zu sein. Solange der Netzausbau hinterherhinkt, erzeugen die Windräder keine Energie, sondern verbrauchen welche. Um die sensible Technik am Laufen zu halten, müssen Windräder bis zu ihrem Netzanschluss mit Diesel betrieben werden. Das plant etwa RWE bei seinem im noch im Bau befindlichen Offshore-Windpark „Nordsee Ost“. Quelle: AP
Stromschläge für FeuerwehrleuteSolarzellen lassen sich meist nicht komplett ausschalten. Solange Licht auf sie fällt, produzieren sie auch Strom. Bei einem Brand droht Feuerwehrleuten ein Stromschlag, wenn sie ihren Wasserstrahl auf beschädigte Solarzellen oder Kabel halten. Diese Gefahr droht nicht, wenn die Feuerwehrleute aus sicherer Entfernung den Wasserstrahl auf ein Haus richten – aber, wenn sie dabei ins Haus oder aufs Dach gehen. Stromschlagsgefahr gibt es ebenso für Feuerwehrleute, wenn sie nach einem Straßenunfall Personen aus einem beschädigten Elektroauto bergen müssen. Quelle: AP
Störende SchattenWindräder werfen Schatten – manche Anwohner sehen darin eine „unzumutbare optische Bedrängung“, wie es das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen ausdrückte. Es gab einer Klage recht, die gegen ein Windrad in Bochum gerichtet war. Im Februar wies das Bundesverwaltungsgericht die Revision des Investors ab. Das Windrad wird nun gesprengt. Quelle: dpa
Gestörte NavigationAuf hoher See wird es voll. Windparks steigern nicht nur das Kollisionsrisiko mit Schiffen. Die Rotoren stören auch das Radarsystem. Der Deutsche Nautische Verein schlägt daher vor, dass Windparks nur genehmigt werden, wenn die Betreiber auch neue Radaranlagen an den Masten installieren. Quelle: dapd
Windrad-LärmWindräder drehen sich nicht nur, dabei machen sie auch Geräusche. Je stärker der Wind, desto lauter das Windrad – und das wollen viele Bürgerinitiativen nicht hinnehmen. Ein Beschwerdeführer aus dem westfälischen Warendorf erreichte im September 2011 vorm Verwaltungsgericht Münster zumindest, dass eine Windkraftanlage nachts zwischen 22 und 6 Uhr abgeschaltet wird. Quelle: dpa

 

Regelmäßig inspizieren die Fachleute der Internationalen Energie-Agentur (IEA) die Mitgliedsländer. Doch bei ihrer jüngsten Expertise müssen sie sich vorgekommen sein wie bei einer Premiere. Denn das Land, das sie erstmals seit 2007 wieder genauer unter die Lupe nahmen, hat dem früheren Hort von Kohle und Kernkraft nur noch wenig zu tun. Denn seitdem gab es ein neues Energiekonzept (samt längeren Laufzeiten für Kernkraftwerke) und danach den Hau-Ruck-Ausstieg aus der atomaren Stromgewinnung. Dazu den forcierten Ausbau der Erneuerbaren Energien, und, und, und.

Zwar bescheinigen die Experten in ihrem neuen Länderbericht, dass Deutschland beim Umbau seiner Energieversorgung mit „stetigen Schritten“ recht weit vorangekommen sei. Doch obwohl Deutschland so viel Neues macht, haben die Prüfer jede Menge Nachholbedarf gefunden, den es schleunigst zu schließen gilt, um die von der Bundesregierung selbst gesteckten Ziele für das Jahr 2020 zu erreichen. So habe sich das Energie-Einspeise-Gesetz (EEG) „als sehr wirksames Instrument zur Verbreitung der erneuerbaren Energien und insbesondere der Stromerzeugung durch Biomasse, Windenergie und Photovoltaik erwiesen“. Auch die Vergütungen für den Ökostrom seien nach und nach zurückgeführt worden.

13 bittere Wahrheiten über den Strompreis
Stromzähler Quelle: dpa
Ein Mann arbeitet in der Industrie Quelle: dapd
Rauchende Schornsteine Quelle: dpa
Ein Offshore-Windpark Quelle: dpa
Ein Windpark Quelle: dpa
Vormontierte Teile von Windkraftanlagen Quelle: dpa
Solaranlage Quelle: dpa

Dennoch reiße die flotte Expansion Fragen auf. Die Bundesregierung habe zwar sehr erfolgreich Investitionen in erneuerbare Energien gelockt, „weniger gut ist es ihr jedoch gelungen, die Menge der jedes Jahr ans Netz gehenden erneuerbaren Energien zu kontrollieren“. Fraglich sei, „ob eine Steuerung der Mengen über eine Vergütung pro Kilowattstunde auf mittlere bis lange Sicht wirkungsvoll bleiben wird“. Denn die Kosten seien dadurch erheblich gestiegen, und auch deren Verteilung erregt die Kritik der IEA. „Kosten und Nutzen der erneuerbaren Energien müssen fair und transparent verteilt werden.“

Dazu gehört beispielsweise, dass die vielen kleinen Einspeiser mit ihren Solar-Dachanlagen zwar auf das Stromnetz angewiesen sind, aber mit ihrer schwankenden Leistung keinen Beitrag zur Stabilität des Gesamtsystems leisten. Entsprechend müssten sie entweder dazu angehalten werden oder anderen Beteiligten wie Großkraftwerken eine Vergütung für deren Beitrag zahlen.

Um den weiteren Kostenanstieg zu begrenzen, empfehlen die internationalen Experten, nicht mehr jede Solarzelle und jedes Windrad im hintersten Winkel des Landes gleichermaßen bevorzugt zu honorieren. Denn die Erneuerbare Energie wird meist nicht dort erzeugt, wo sie später auch für Industrie oder Großstädte gebraucht wird. Deshalb rät die IEA: „Die Netzentgelte sollten Anreize dafür schaffen, dass neue Kapazitäten dort ans Netz gehen, wo sie das System am dringendsten benötigt.“

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%