Energiepreisschock Die gierigen Stromkonzerne

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Für die Verbraucher sind messbare Vorteile bei all diesen Initiativen rar. Bereits klitzekleine Fortschritte werden bejubelt. Das Bundeskartellamt etwa profitiert von einer gerade in Kraft getretenen Novelle des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB). Marktbeherrschende Unternehmen dürfen jetzt keine Preise mehr verlangen, die die Kosten in unangemessener Weise übersteigen. Die Beweislast wird umgekehrt: Nun müssen die Unternehmen belegen, dass höhere Preise gerechtfertigt sind. Geradezu verhöhnend wirkt da, dass mehr als 300 Stromversorger zum Jahresbeginn die Endkunden-Preise kräftig angezogen haben, teilweise um bis zu 30 Prozent.

Ironischerweise könnte die Gier der vier großen Versorger zur vielleicht wichtigsten Triebfeder des Wettbewerbs werden. Denn erstens wird ein Markt mit steigenden Preisen und fetten Margen für Konkurrenten immer attraktiver. Und zweitens mobilisiert eine über das Boulevard geführte Abzock-Debatte die Massen. Strom- und Gaspreise werden stammtischfähig, Energiesparen zum Volkssport. Ähnlich wie bei der Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes werden nun Preislisten gewälzt und Anbieter verglichen. Als Trottel gilt, wer sich heute noch von den Konzernen schröpfen lässt.

Still und leise bilden sich erste Inseln des Wettbewerbs. Der Preis für eine Kilowattstunde Strom ist etwa in den Städten Berlin, Hamburg und Bremen nicht gestiegen. Dort drängen Konkurrenten wie Nuon oder Lichtblick mit großem Marketingaufwand in den Markt. Zu verdanken haben die Verbraucher ihre neue Wahlfreiheit der Bonner Bundesnetzagentur. Die Behörde garantiert, dass ein Anbieterwechsel reibungslos über die Bühne geht. Noch liegen keine Zahlen vor, aber Behörden-Chef Matthias Kurth glaubt, dass im vergangenen Jahr rund 1,2 Millionen Kunden gewechselt haben. Viele wählen Ökostrom, doch die Masse setzt weiter auf fossile Brennstoffe – weil sie günstiger sind.

Das kühle Kalkül kann den Braunkohle-Gegnern von Garzweiler nicht gefallen. Die Stimmung auf der Obstwiese sinkt mit den Streiktagen, nur eine Handvoll Aktivisten harrt trotzig und frierend am Lagerfeuer aus. Im Hintergrund rauchen die Schlote der Kraftwerke von Frimmersdorf und Neurath. Zu Jahresbeginn kam auch der Tagebauleiter von RWE ins Camp. Mit den Neujahrswünschen überbrachte er auch den gerichtlichen Besitzeinweisungsbeschluss. Jetzt darf das Grundstück dem Allgemeinwohl zuliebe abgetragen werden. Schon bald rollt der Bagger an.

82 Millionen Tonnen Braunkohle im Jahr müssten in Deutschland durch andere Energieträger ersetzt werden, wenn die Proteste gegen die Nutzung des reichlichen vorhandenen Rohstoffes Erfolg hätten 30 Milliarden Kilowattstunden Strom kamen 2006 aus deutschen Windkraftwerken – noch kein großer Anteil am Gesamtverbrauch.  500 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr stehen nicht mehr zur Verfügung, wenn die 17 übrig gebliebenen deutschen Kernkraftwerke, wie von der Bundesregierung vorgegeben, bis 2021 abgeschaltet werden

900 Millionen Barrel Mineralöl verfeuern die Deutschen pro Jahr, hauptsächlich in Form von Benzin und Heizöl. Das ist immer noch der größte Posten der Energiebilanz.

Doch ein bunter Energiemix ist nur die eine Seite der Medaille – die andere ist der bessere Umgang mit der Energie. „Das wirksamste Mittel gegen steigende Energiepreise ist Effizienz“, sagt Stephan Kohler, Chef der Deutschen Energie-Agentur (Dena). So soll beispielsweise der Energieausweis ab Mitte des Jahres für alle verpflichtend sein und zeigen, wo Mieter und Hausbesitzer beim Heizen sparen können. Erhoffte Folge: Ein Fünftel der Wärmeenergie soll so bis 2020 eingespart werden. Um weitere 20 Prozent könnte der Verbrauch im Straßenverkehr allein durch energieeffizientes Fahren gesenkt werden, berechnet der ADAC – und erinnert daran, dass es keinen Cent kostet, den Fuß vom Gas zu nehmen.

Vielschichtig wie die Vorschläge zur Lösung des Energieproblems sind auch dessen Ursachen, allen voran die weltweit steigende Nachfrage und der Rohstoffhunger von Schwellenländern wie China und Indien. Gleichzeitig wird die Exploration immer schwieriger. Hinzu kommen hausgemachte Probleme, etwa das Oligopol der marktbeherrschenden Quadriga der deutschen Erzeuger, das den Wettbewerb lähmt. Schließlich wäre da noch der Fiskus, der durch Steuern und Abgaben inzwischen knapp 40 Prozent von jeder Stromrechnung kassiert, beim Kraftstoff sogar noch mehr. Führender Preistreiber an Steckdose wie Zapfsäule ist – der Staat.

Die Industrienation Deutschland steckt in der energiepolitischen Sackgasse. Während Großbritannien seinen Atompark erneuert und auch Spanien neue Kernkraftwerke erwägt, droht deutschen Reaktoren das Aus. Inzwischen denkt Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) laut über eine Verlängerung der Laufzeiten nach, weil der im Koalitionsvertrag festgeschriebene Atomausstieg eine Energielücke erzeugt, welche die hoch subventionierten Regenerativen nicht schließen können. Der Stromanteil von Sonne, Wind und Co. (derzeit 14 Prozent) soll sich zwar bis 2020 auf 25 bis 30 Prozent erhöhen. Doch grundlastfähig, also ständig und flächendeckend verfügbar, sind diese Energieträger noch lange nicht. Die günstigere Variante wäre: Die 17 Atommeiler, die bis 2021 abgeschaltet werden, haben eine Leistung von knapp 24.500 Megawatt und könnten im Prinzip durch die 27 derzeit geplanten Kohlekraftwerke mit einer vorgesehenen Gesamtleistung von etwa 27.500 Megawatt ersetzt werden.

Der doppelte Ausstieg – aus Kernkraft und Kohle – funktioniert jedenfalls nicht. „Wenn wir keine neuen Kohlekraftwerke bauen, gefährden wir unsere Versorgungssicherheit“, warnt Manuel Frondel, Energieexperte am Essener Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). „Mit der ohnehin schon hohen Abhängigkeit von Russland bei Gas und Öl von 36 und 40 Prozent wäre das kritisch.“ Denn die Förderkosten der Braunkohle sind praktisch unabhängig von der Entwicklung des Ölpreises. „Ohne zusätzliche Kohlekraft würden sich die Strompreise vervielfachen“, so Frondel.

Ein gefährliches Spiel. Schließlich steigen die Energiekosten wahrscheinlich sowieso. Allein in den vergangenen zwölf Monaten erhöhte sich der Rohölpreis um rund 80 Prozent. Pessimistische Analysten wie Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin sehen die 200 Dollar schon in Reichweite, womöglich sogar mehr: Seit Beginn des Jahrtausends, so eine Goldman-Sachs-Studie, waren die Prognosen der Ölpreis-Analysten meist zu optimistisch.

Was für das Erdöl gilt, trifft auch auf die anderen Energieträger zu. Erdgas, Kohle und ihre Derivate verteuern sich seit vielen Jahren annähernd im Gleichschritt mit dem Öl. Beim Erdgas aus russischen und westeuropäischen Quellen ist das seit Jahrzehnten in Verträgen zwischen Produzenten und Abnehmern festgeschrieben: Was im vorigen Jahrhundert die Verbreitung von Erdgas sichern sollte, ist unter den heutigen Bedingungen zum automatischen Teuerungsmechanismus geworden.

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