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Energiewende Deutschland braucht jetzt eine Agenda 2022, 2025 und 2030

Windräder Quelle: Imago

Die deutsche Energiewende krankte zuletzt an nachlassender Dynamik, unnötiger Komplexität und zu viel Regulierung. Doch sie birgt weiterhin immense wirtschaftliche Chancen, wenn die Politik nun entschlossen handelt. Ein Gastbeitrag.

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Frank Mastiaux ist Vorstandsvorsitzender des Karlsruher Energieversorgers EnBW.

Deutschlands „Administration“ muss sich selbst entfesseln – von zu viel Bürokratie, Regulierung und Absicherungsmentalität. Wir brauchen mehr Vertrauen in unser Können und Potenzial, mehr Machen und Liefern statt nur Reden. Die Energiewende ist einerseits ein Beispiel für mutigen und weltweit beispielhaften Beginn, andererseits aber auch für nachlassende Dynamik durch unnötige Komplexität und Regulierung. Zu oft wird nur von den hohen Kosten der Klimaneutralität gesprochen – und zu wenig über den gewaltigen Markt für alle, die vorbereitet sind.

Nachhaltigkeit hat sich von einem Nice-to-have zu einem Must-have entwickelt. Niemand stellt das mehr ernsthaft infrage. Wenn Kunden und Verbraucher vermehrt Grünstromtarife und Solaranlagen nachfragen, wenn grüne Anleihen mehrfach überzeichnet sind, wenn E-Mobilität boomt und wenn erstmals große Offshore-Windparks und Solarparks ohne Subventionen gebaut werden, dann sind das nicht nur die Erfahrungen eines Energieversorgers wie EnBW, sondern die Zeichen der Zeit. Und Chancen für Deutschland, die unter erhöhtem Nachhaltigkeitsdruck entwickelten Technologien zum Exportschlager zu machen. Für diese neuen Technologien kann und sollte der Staat den Boden, sprich den Markt, vorbereiten: Dann sind die erforderlichen Kostensenkungen, Skalierungen und technologischen Fortschritte für einen internationalen Erfolg zu schaffen.

Agenda 2022: Zwei Dinge sind in diesem Jahr besonders wichtig: Der Ausbau der Erneuerbaren muss durch Entbürokratisierung der Genehmigungsverfahren massiv beschleunigt werden. Europäische und nationale Reformen in Bezug auf die CO2-Bepreisung müssen in allen Sektoren auf den Weg gebracht werden. Sie liefern Anreize, um die Klimaziele effizient durchzusetzen, zum Beispiel den Kohleausstieg über die Marktintegration der Erneuerbaren zu vollziehen. Auf deutscher Ebene ist eine Neuausrichtung des gesamten Steuer-, Abgaben- und Umlagensystems dringend erforderlich. Es muss konsequent an der CO2-Intensität der Energieträger orientiert werden. Dazu sind stärker steigende CO2-Preise notwendig. Im Gegenzug kann dann die EEG-Umlage bis 2025 abgeschafft und die Stromsteuer drastisch gesenkt werden, zur Entlastung der Verbraucher.

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    Gleichzeitig muss heute schon der Rahmen für eine leistungsfähige, flächendeckende Wasserstoffwirtschaft geschaffen werden. Das kann effizient und schnell geschehen, wenn man vorhandene Erdgasnetze nutzt und die Nachfrage fördert, etwa durch Garantiepreise für die CO2-Mengen, die durch Nutzung von Wasserstoff eingespart werden.

    Agenda 2025: Bis 2025 brauchen wir eine integrierte Netzplanung für Strom, Gas und Wasserstoff, inklusive einer bundesweiten Vereinheitlichung und Vereinfachung der Planungs- und Genehmigungsprozesse. Für die Versorgungssicherheit werden disponible Kraftwerke weiterhin benötigt, die bei wenig Wind und Sonne einspringen. Dazu brauchen wir in erheblichem Umfang, auch wenn es eine unbequeme Wahrheit ist, neue Gaskraftwerke sowie auf Gas umgerüstete Kohlekraftwerke, die später auf Wasserstoff umgestellt werden können.



    Gas ist die Brückentechnologie beim Übergang in die Wasserstoffwirtschaft. Die Nutzung von Gas für die Strom- und Wärmeerzeugung muss deshalb finanzierbar und umweltpolitisch möglich bleiben, etwa was die Grenzwerte anbelangt.

    Fest steht, dass Deutschland den benötigten Wasserstoff nicht annähernd selbst erzeugen kann. Deshalb sollte der Staat rechtzeitig die prognostizierbaren Mengen der Wasserstoffnachfrage für die Zeit nach 2030 festlegen, sodass sich Investoren in den möglichen angrenzenden Lieferländern in Europa und Nordafrika darauf einstellen können. Das frühzeitige Aufsetzen einer klugen Energiediplomatie ist hier ein Muss.

    Agenda 2030/40: Bis 2030 muss die Energiewirtschaft ihre Emissionen im Vergleich zu 1990 um 77 Prozent mindern. Bis dahin müssen wir den heutigen Bestand an Wind an Land, Wind auf See, und Fotovoltaik insgesamt mindestens verdoppeln. Ab 2030 müssen die letzten Voraussetzungen für eine Wasserstoffwirtschaft erfüllt werden. Spätestens 2035 muss Süddeutschland an die nationale Transportinfrastruktur angeschlossen sein, um Kraftwerke und Industrie beliefern zu können. Parallel muss dann der gesamte thermische und fossile Kraftwerkspark in Deutschland auf Wasserstoff umgestellt sein.

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    Fazit: Deutschland steht vor enormen Herausforderungen, aber auch vor großen Chancen und sollte vor diesem Hintergrund die umfassende Lernhistorie der Energiewende als Wettbewerbsvorteil begreifen und nutzen. Mit den richtigen Rahmenbedingungen wird die Energiewirtschaft weiterhin in der Lage sein, die für Klimaneutralität und Nachhaltigkeit erforderlichen Zukunftstechnologien effizient einzuführen. Die neue Bundesregierung hat wesentliche Punkte erkannt. Das macht Mut, aber es muss jetzt auch „gemacht“ werden.

    Mehr zum Thema: Wirtschaftsminister Robert Habeck will das große Windrad drehen. Er attestiert Deutschland einen „drastischen Rückstand“ bei der Energiewende – und zwingt der Gesellschaft seinen Aufbruchswillen auf. Er empfindet seine Mission als historisch – und provoziert politische Abwehrreaktionen.

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