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Energiewende Die Billionen-Euro-Frage

Bundesumweltminister Peter Altmaier schockt mit seinen Berechnungen Stromkunden und Industrie. Denn konkret bedeuten sie: Jeder weitere Tag ohne Reform kostet 192 Millionen Euro.

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Das bittere Fazit aus einem Jahr Energiewende
Kühltürme des Braunkohlekraftwerkes der Vattenfall AG im brandenburgischen Jänschwalde (Spree-Neiße) Quelle: dpa
Freileitungen verlaufen in der Nähe eines Umspannwerkes bei Schwerin über Felder Quelle: dpa
Die Flagge Österreichs weht auf einem Hausdach Quelle: dpa
Ein Strommast steht neben Windkraftanlagen Quelle: AP
Windräder des Windpark BARD Offshore 1 in der Nordsee Quelle: dpa
Eine Photovoltaikanlage der Solartechnikfirma SMA Quelle: dpa
Euroscheine stecken in einem Stromverteile Quelle: dpa

Es ist ein Bild, das man sich schöner kaum ausmalen kann: Peter Altmaier bei einer Gratwanderung. Doch genau einen solchen Balanceakt versucht der gewichtige Bundesumweltminister mit seiner Horrorzahl: Eine Billion Euro werde die Energiewende am Ende kosten, hat sich der Dienstherr von seinen Beamten ausrechnen lassen. Damit pokert Altmaier hoch. Einerseits will er Druck ausüben insbesondere auf die Opposition, seiner Strompreisbremse noch vor der Bundestagswahl zuzustimmen. Andererseits schreckt er die Bürger auf, dass es mit dem Energiewende getauften Umbau der Stromversorgung noch teurer wird als bisher schon befürchtet.

In den Köpfen der Elektrizitätskunden hatte sich der schon ausreichend empörende Betrag von 120 Milliarden Euro festgesetzt, der als „Solarschulden“ bereits jetzt jenen zugesagt worden ist, die sich Sonnenkollektoren aufs Dach geschraubt haben. Nun droht Altmaier mit acht Mal höheren Kosten.

Die Energiewende und der Sand im Getriebe

Bei der Fotovoltaik gehen die jährlich weiter hinzu kommenden Lasten zurück, aber nun beginnt der Boom bei der Windenergie erst richtig. Die ist zwar – gerade im sonnenarmen Deutschland - effizienter als die Solartechnik, produziert aber ein Vielfaches an Kilowattstunden. Auch kleine Einspeisevergütungen türmen da hohe Lasten für die Stromkunden auf. Wenn nichts getan werde, so die Kalkulation aus dem Umweltministerium, entstehen bis zum Jahr 2020 noch Zahlungsverpflichtungen in Höhe von 560 Milliarden Euro nur für die Einspeisung des erneuerbaren Stroms. 316 Milliarden sind schon für die bis heute installierten Anlagen gezahlt oder garantiert. Hinzu kommen etwa 100 Milliarden Euro für den Netzausbau und die notwendigen Reservekraftwerke, falls die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht.

Vor allem aber geht Altmaier das Risiko ein, als hilfloser Scharfmacher zu gelten. Denn je größer die Kosten werden, die er für Sonnen- und Windenergie in Aussicht stellt, desto größer ist der Schatten, der auf seine eigene Politik fällt. Der selbst ernannte Strompreisbremser setzt zwar darauf, dass keiner seiner Kontrahenten die Verantwortung übernehmen wolle, wenn die Kilowattstunde immer teurer wird. Doch jedem ist auch klar, dass er die von ihm konzipierte „Strompreisbremse“ nicht ungeschoren durch Bundestag und Bundesrat bekommt.

Kuriose Folgen der Energiewende
Schwierige Löschung von Windrad-BrändenDie schmalen, hohen Windmasten sind bei einem Brand kaum zu löschen. Deshalb lassen Feuerwehrleute sie meist kontrolliert ausbrennen – wie im April in Neukirchen bei Heiligenhafen (Schleswig-Holstein). Quelle: dpa
Tiefflughöhe steigtDie Bundeswehr hat die Höhe bei nächtlichen Tiefflügen angepasst. Wegen Windradmasten kann die Tiefflughöhe bei Bedarf um 100 Meter angehoben werden. Der Bundesverband Windenergie (BWE) begrüßt, dass dadurch Bauhöhen von bis zu 220 Meter realisiert werden können. Die Höhe des derzeit höchsten Windradtyps liegt bei etwa 200 Metern. Quelle: dpa
Dieselverbrauch durch WindräderViele neue Windkraftanlagen entstehen – ohne ans Netz angeschlossen zu sein. Solange der Netzausbau hinterherhinkt, erzeugen die Windräder keine Energie, sondern verbrauchen welche. Um die sensible Technik am Laufen zu halten, müssen Windräder bis zu ihrem Netzanschluss mit Diesel betrieben werden. Das plant etwa RWE bei seinem im noch im Bau befindlichen Offshore-Windpark „Nordsee Ost“. Quelle: AP
Stromschläge für FeuerwehrleuteSolarzellen lassen sich meist nicht komplett ausschalten. Solange Licht auf sie fällt, produzieren sie auch Strom. Bei einem Brand droht Feuerwehrleuten ein Stromschlag, wenn sie ihren Wasserstrahl auf beschädigte Solarzellen oder Kabel halten. Diese Gefahr droht nicht, wenn die Feuerwehrleute aus sicherer Entfernung den Wasserstrahl auf ein Haus richten – aber, wenn sie dabei ins Haus oder aufs Dach gehen. Stromschlagsgefahr gibt es ebenso für Feuerwehrleute, wenn sie nach einem Straßenunfall Personen aus einem beschädigten Elektroauto bergen müssen. Quelle: AP
Störende SchattenWindräder werfen Schatten – manche Anwohner sehen darin eine „unzumutbare optische Bedrängung“, wie es das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen ausdrückte. Es gab einer Klage recht, die gegen ein Windrad in Bochum gerichtet war. Im Februar wies das Bundesverwaltungsgericht die Revision des Investors ab. Das Windrad wird nun gesprengt. Quelle: dpa
Gestörte NavigationAuf hoher See wird es voll. Windparks steigern nicht nur das Kollisionsrisiko mit Schiffen. Die Rotoren stören auch das Radarsystem. Der Deutsche Nautische Verein schlägt daher vor, dass Windparks nur genehmigt werden, wenn die Betreiber auch neue Radaranlagen an den Masten installieren. Quelle: dapd
Windrad-LärmWindräder drehen sich nicht nur, dabei machen sie auch Geräusche. Je stärker der Wind, desto lauter das Windrad – und das wollen viele Bürgerinitiativen nicht hinnehmen. Ein Beschwerdeführer aus dem westfälischen Warendorf erreichte im September 2011 vorm Verwaltungsgericht Münster zumindest, dass eine Windkraftanlage nachts zwischen 22 und 6 Uhr abgeschaltet wird. Quelle: dpa

Schon bei der letzten Novelle des EEG begann das Zerfleddern der Sparvorschläge bereits in den eigenen Koalitionsfraktionen, um der jeweiligen Klientel nicht zu viel zuzumuten und Häuslebauer nicht zu verschrecken. Den Rest erledigten dann die Bundesländer, die in trauter schwarz-rot-grüner Eintracht dem Gesetzentwurf die letzten Zähne zogen. Die Nordländer schützten ihre Windmüller und Rotorenhersteller, der Osten fürchtete um die – damals noch reichlich vorhandenen – Fabriken für Sonnenkollektoren. Und Bayern dachte an die heimischen Bauern, die jede Scheue und die eigens errichteten „Solarstadeln“ mit den spiegelnden Paneelen bepflastert haben.
Dasselbe Schicksal droht auch Altmaiers jetzigem Entwurf, den er nun zusammen mit seinem FDP-Wirtschaftskollegen Philipp Rösler vorantreibt. Der verlangt zwar Opfer von allen Seiten, nimmt sich aber neben der Billionen-Bedrohung vergleichsweise harmlos aus.

Was Peter Altmaier noch zu erledigen hat

Zur Lösung des Grundproblems fehlt Altmaier freilich alles: der politische Mut, die notwendige Unterstützung und die Zeit. Denn richtig wäre es, das gesamte EEG-System zu kippen. Es eignete sich für die Anschubfinanzierung einer neuen Technik, nicht aber für die Daueralimentierung eines Masseneinsatzes. Deutschland bräuchte nun eine Regelung, die sicherstellt, dass ein wachsender Anteil der Energieversorgung aus erneuerbaren Quellen stammt. Denn nicht mehr und nicht weniger will die Bevölkerung. Aber dem Bürger kann und darf egal sein, aus welcher Quelle beispielsweise der Strom stammt, solange er nur sauber ist. Jenseits dieser Prämisse ist für den Verbraucher, die Industrie und die deutsche Volkswirtschaft wichtig, dass dieser saubere Strom möglichst günstig produziert wird.

Ein kluges Fördersystem legt also fest, dass der Anteil der Erneuerbaren stetig steigt. Aber aus welcher Quelle genau die saubere Energie kommt, das regelt der Markt effizienter und damit für alle kostengünstiger als eine Förderbürokratie oder ein Umlagesystem, bei dem die Kunden draufzahlen.

Deutschland



In den nächsten acht Jahren werden nach Altmaiers Berechnung Einspeisevergütungen von 560 Milliarden Euro provoziert und produziert, wenn sich nichts ändert. Die Neuverschuldung des Staatshaushaltes hat die Koalition im vergangenen Jahr auf 22 Milliarden Euro gedrückt, 2014 will sie ohne neues Defizit auskommen. Dafür laufen die Kosten der Energiewende aus dem Ruder. Denn Altmaiers Berechnungen bedeuten ganz konkret: Jeden Tag entstehen Verpflichtungen über 192 Millionen Euro. Jeden Tag.

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