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Energiewende Heikle Zeit für Netze und Kraftwerke

Die Kälte kommt. Mit ihr steigt der Stromverbrauch. Die nächsten Tage werden zum Stresstest für Netze und Kraftwerke. Es droht der Blackout.

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Stromausfall in Hannover Quelle: dpa

Ach, diese winterliche Stille. Leise rieselt der Schnee, still und starr ruht der See. Klirrende Kälte hält Deutschland gefangen, und dunkel ist es auch. Stockdunkel. Nur da, wo leise die Notstromaggregate vor sich hin dieseln, erhellt gelbliches Licht die finstere Nacht.

Niemand weiß, wann er da ist, aber die Experten wissen, dass er vor der Tür steht wie gerade noch die Heiligen Drei Könige: der laststärkste Tag, an dem Bürger und Betriebe mehr Strom verbrauchen als sonst rund ums Jahr. In den nächsten Tagen oder Wochen ist es so weit. In den vergangenen Jahren war es mal der 2., mal der 3. Dezember, mal der 15. Januar, jeweils abends um 18, 19 Uhr. Dann kommt der Stresstest für Netze und Kraftwerke – und mit ihm vielleicht: der Blackout.

Gut gerüstete Versorger
Welche Versorger seit der Energiewende umdenkenPlatz 10: VattenfallDie Studie der European School of Management (ESMT) analysiert, wie führende europäische Energiekonzerne mit den Herausforderungen der Energiewende umgehen. Der von der Bundesregierung beschlossene Atomausstieg setzt deutsche Unternehmen besonders unter Druck. Gleichwohl ist die gesamte Branche betroffen, denn - so das Ziel der EU - ganz Europa soll umsteigen auf eine nachhaltige, kohlendioxidarme Stromerzeugung. In der Studie wurden die Forschungsaktivitäten der Unternehmen, aber auch Produktivität und Nachhaltigkeit bewertet. Auf Platz 10 im Innovationsindex schafft es der schwedische Konzern Vattenfall. Für Wachstum im Konzern soll zukünftig grüne Energie sorgen. Noch stützen sich die Aktivitäten in Deutschland aber stark auf den Braunkohletagebau. Das Bild zeigt einen Schaufelradbagger im südbrandenburgischen Welzow. Quelle: dpa
Platz 9: EonNachdem sie jahrelang vernachlässigt wurden, rücken die Erneuerbaren Energien immer stärker in den Fokus der deutschen Stromriesen. Nicht der Großkraftwerksbau, sondern Windparks in Nord- und Ostsee oder Photovoltaik-Anlagen im Süden, Geothermie oder Biomasseanlagen gelten als die Geschäftsfelder der Zukunft. Alle 18 Monate, versprach Eon-Konzernchef Johannes Teyssen unlängst, werde das Unternehmen künftig einen neuen Windpark anfahren. Eine Summe von mindestens 7 Milliarden Euro wollen die Düsseldorfer in den kommenden sieben Jahren in Erneuerbare stecken. Ein Projekt ist der Windpark Amrumbank West, wo in drei Jahren 80 Turbinen Windstrom für 300.000 Haushalte produzieren sollen. Im Innovationsindex landet Eon auf Platz neun. Quelle: dpa
Platz 8: EnelDer italienische Energieriese Enel ist mit einem Umsatz von 72 Milliarden Euro der drittgrößte europäische Versorger hinter Eon und GDF Suez, aber noch vor Electricité de France. Vor vier Jahren gelang es Enel den damals größten spanischen Versorger Endesa zu übernehmen, obwohl sich auch Eon monatelang um diesen bemüht hatte. Seitdem hat Enel ein starkes Standbein in Spanien, ebenso in Südamerika. In der Studie schafft es Enel immerhin auf den achten Platz. Quelle: dpa
Platz 7: StatkraftDer norwegische Konzern Statkraft ist der europaweit größte Erzeuger erneuerbarer Energien - und landet im Ranking auf Platz sieben. Der Konzern baut und betreibt Wasser-, Wind-, Gas- und Fernwärmekraftwerke und beschäftigt 3.300 Mitarbeiter in über 20 Ländern. Statkraft betreibt allein in Deutschland zehn Wasserkraftwerke. Das Bild zeigt die Alltwalis Windfarm in Wales.
Platz 6: DongIm Innovationsindex landet der dänische Energieversorger Dong auf Platz sechs. Das Unternehmen betreibt einige der größten Windparks in der Nordsee. Der auf dem Bild gezeigte Windpark - 30 Kilometer westlich von Jütland gelegen - besteht als 91 Windturbinen (Kapazität: 209 Megawatt). Auch vor der deutschen Küste ist Dong aktiv: Das Unternehmen plant für eine Investitionssumme von 1,25 Milliarden Euro den Bau eines Offshore-Windparks vor Borkum. Die Gesamtkapazität soll bei 320 Megawatt liegen; die Strommenge würde ab 2014 den Bedarf von etwa 330.000 Haushalten decken. Quelle: ap
Platz 5: EDPAlle in der Studie untersuchten Energiekonzerne haben die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in den vergangenen Jahren stark angehoben - insgesamt um mehr als 40 Prozent. Der portugiesische Stromerzeuger EDP ist in diesem Bereich besonders stark - und landet in der Rangliste der innovativsten europäischen Versorger auf Platz fünf. Doch nicht nur deshalb standen die Bieter Schlange, als der schuldengeplagte Staat seinen 21-Prozent-Anteil an EDP (Energias de Portugal) im November 2011 verkaufte. Mit dem Einstieg bei EDP ist auch der Vorstoß auf den brasilianischen Markt verbunden, wo der portugiesische Konzern stark vertreten ist. Am Ende erhielt der chinesische Investor „China Three Gorges Cooporation“ für 2,69 Milliarden Euro den Zuschlag. Eon ging leer aus. Quelle: Reuters
Platz 4: GDF-Suez Die Grande Nation setzt nur auf Atomkraft? Nein, nicht mehr. In Reihen der französischen Energie-Manager hat ein Umdenken eingesetzt, auch wenn der Vorstandschef von GDF-Suez, Gerard Mestrallet (Bild), den Jahresgewinn von 17 Milliarden Euro noch auf traditionellem Weg eingefahren hat. Derzeit nimmt Frankreichs erster Windpark auf See Gestalt an. GDF Suez bewirbt sich für den Standort vor dem bretonischen Ferienort Saint Brieuc, wo bis zu 500 Megawatt Energie erzeugt werden sollen. Insgesamt sollen nach Angaben der Regierung durch das Zehn-Milliarden-Euro-Projekt vor der französischen Küste bis zu 600 Windräder entstehen, die bis 2015 zusammen drei Gigawatt Strom erzeugen sollen - etwa so viel wie drei Atomkraftwerke. Bis 2020 sind sogar 1200 Windräder mit einer Produktion von sechs Gigawatt geplant. GDF-Suez will kräftig mitmischen und kommt im Innovationsindex auf Platz vier. Quelle: dpa


Höhere Risiken

„Das milde Wetter ist uns bisher zugutegekommen“, sagt Martin Fuchs, Chef der Tennt TSO, die das Höchstspannungsnetz in Süd- und Norddeutschland betreibt. „Dadurch war die Lage noch beherrschbar. Schwierig wird es, wenn Mehrfachfehler auftreten.“ „(N-1)-sicher“ heißt der Fachbegriff in der Elektrizitätsbranche: Die flächendeckende Versorgung muss auch dann noch klappen, wenn ein Bestandteil ausfällt. Macht ein Kraftwerk schlapp, müssen andere Maschinen an- und einspringen; ist eine Leitung unterbrochen, muss der Strom über einen Umweg doch noch zum Kunden kommen.

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    In diesem Jahr sind die Risiken größer als in den vergangenen Jahrzehnten, denn mit der von Bundeskanzlerin Angela Merkel eingeleiteten Energiewende haben sich Stromerzeugung und Transport zum Verbraucher drastisch verändert. Zu den altbekannten kommen neue Unsicherheitsfaktoren, die Rainer Joswig, Vorstandsmitglied der EnBW Transportnetze, bei der Forschungsgesellschaft Energie an der RWTH Aachen präsentierte. Und damit steigt die Gefahr, dass doch mehr als eine Komponente kriselt.

    Konstante Leistung fehlt

    Grafik: Stress fürs Stromnetz

    Im Klartext: Herrscht an einem klirrend kalten Wintertag Windstille bei bedecktem Himmel, wird es in den frühen Abendstunden eng. Dann genügt schon ein kleiner Unfall – ein Kraftwerksausfall oder ein Leitungsschaden –, und die Lichter gehen aus. Besonders gefährdet: die Region Hamburg, das Rhein-Main-Gebiet und der bayrische Raum, wenn der Windtransport aus dem Norden scheitert.

    Es fehlt nicht nur die Leistung der abgeschalteten Kernkraftwerke, auch die Masse der Erneuerbaren wird zum Problem:

    • Sonne und Wind liefern nicht immer dann, wenn der Strom gebraucht wird. Und die Anlagen stehen fern der Industrieregionen – das stresst die Netze.
    • Lieferten in der Vergangenheit etwa 1000 Kraftwerke mit einer Leistung über 50 Megawatt (MW) rund 90 Prozent des Stroms, kommen künftig 60 Prozent aus dezentraler Erzeugung.
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      • Dadurch ändert sich auch die Flussrichtung des Stroms. Früher kam er aus den Großkraftwerken über die Höchstspannungs- und die Verteilnetze zum Kunden. Heute geht es, je nach Verbrauch, Windstärke und Sonnenschein, immer öfter in die umgekehrte Richtung: von einzelnen Windrädern oder dörflichen Solaranlagen in den Überlandtransport. „Die Verteilnetze sind von der Einbahn- zur Zweibahnstraße geworden“, sagt Marcus Mattis, Unternehmensberater und Professor für strategische Planung in Energieunternehmen an der Universität Stuttgart. „Dafür sind sie nicht ausgelegt, das erfordert viel mehr Regelungsbedarf. Die Ingenieure machen da einen tollen Job.“ Zudem würden durch die Rekommunalisierung vielfach die Auffahrten zu den überregionalen Stromautobahnen gekappt.
      • Die Erneuerbaren liefern zudem sehr wechselhaft. Am 19. Juni 2011 schwankte die Windeinspeisung im Tennet-Netz zwischen Mitternacht und neun Uhr morgens um 6500 Megawatt – das entspricht der Leistung von fünf großen Kernkraftwerken.
      • Die Ökoanlagen sind empfindlich. Steigt die Frequenz im Netz, die im Regelfall bei 50 Hertz liegt, über 50,2 Hertz, schalten sich die meisten Fotovoltaikanlagen automatisch ab (und die älteren sind nur schwer wieder zu starten); umgekehrt gehen die Windanlagen vom Netz, wenn die Frequenz 49,5 Hertz unterschreitet. Zum Vergleich: Konventionelle Kraftwerke klinken sich erst bei Werten unter 47,5 beziehungsweise über 51,5 selbsttätig aus, um die interne Technik zu schützen.

      Neben dem Risiko eines weiträumigen Stromausfalls, des gefürchteten Blackouts, ist es für die Netzbetreiber schon heute schwierig, solche abrupten Wechsel auszugleichen. Das kann ein plötzliches Überangebot bei Starkwind ebenso sein wie ein Leistungsmangel. Im Netz muss die erzeugte und die verbrauchte Menge stets ausgeglichen sein, sonst gibt’s Probleme. Im zu Ende gegangenen Jahr registrierten die Netzbetreiber an mehr als 300 Tagen 990 sogenannte Ereignisse, bei denen sie einmal oder sogar mehrmals von Hand stabilisierend eingreifen mussten. Damit hat sich das Risiko eines Netzausfalls verdoppelt oder gar verdreifacht, je nachdem, ob man dies an der Zahl der Krisentage oder der Ereignisse misst. „Im letzten Quartal gab es praktisch keinen einzigen Tag ohne Eingriff“, klagt Fuchs. „Es gibt keine ‚normalen‘ Tage mehr.“ Am 8. und 9. Dezember musste Tennet bereits auf die gut 1000 MW Kaltreserve zurückgreifen, die man vorsichtshalber in Österreich reserviert hatte.

      Furcht vorm Blackout

      Arbeiter am Strommasten Quelle: dapd

      Schon heute kommt es laufend zu Stromausfällen, die der Normalbürger nicht spürt. Manchmal flackert nicht einmal das Licht, wenn für Sekundenbruchteile der Saft wegbleibt. In der Industrie dagegen kommt schon mit einem in der Fachwelt sogenannten Wischer manche Produktion zum Stillstand, kommt mancher Rechner aus dem Takt. Der Verband der Industriellen Kraftwirtschaft, der für etwa 80 Prozent des Stromverbrauchs in der Industrie steht, sieht Millionenschäden durch solche Aussetzer. Dagegen wiegelte der scheidende Präsident der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth, noch kurz vor Weihnachten ab, in diesem Winter sei kaum mit Problemen zu rechnen.

      „Das Verteilen von Baldrianpillen durch die Politik ist fahrlässig“, warnt dagegen Unternehmensberater Mattis. „Wenn eine Gemeinde ein Feuerwehrhaus baut, ist das ja auch keine Panikmache.“ Der Umbau der Energieversorgung, der Ausbau von Netzen und Speichern komme zu langsam voran. Tennet-Chef Fuchs sieht zumindest etwas Grund für Optimismus: „Es gibt immer mehr Politiker, die den Mut haben zu sagen: Ja, wir wollen die Energiewende und dafür brauchen wir auch den Netzausbau.“ Zudem rüsteten die Betreiber ihre Anlagen auf, um das Netz noch besser zu stabilisieren. „Deshalb dürfte die Lage im nächsten Winter schon etwas besser sein als in diesem.“

      Energie aus neuen Quellen
      US-Rapper 50 Cent Quelle: dapd
      Ergiebiges Schütteln Quelle: Pressebild
      Spiel mit Hintersinn Quelle: Screenshot
      Straßen-Kraftwerk: Quelle: Screenshot
      Baum-Power Quelle: Screenshot
      Ewige Tauchfahrt: Quelle: Pressebild
      Wind-Tanke Quelle: Screenshot

      Stromanbieter können die Lieferung kappen

      Droht ein weiträumiger Blackout, könnten die Netzbetreiber ihre Großkunden nicht nur wie bisher bitten, die Produktion zu drosseln, sondern notfalls die Lieferung kappen. Doch das ist nur der allerletzte Ausweg, beruhigt Tennet-Chef Fuchs. „Bevor es zu Zwangsabschaltungen kommt, würde man an die Bevölkerung appellieren, in Spitzenzeiten weniger Strom zu verbrauchen, also nicht Wäsche zu waschen oder den Trockner anzuwerfen. Das hat es in der Nachkriegszeit ja auch gegeben.“

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        Wie sich mit der Sorge der Bürger vor einem Stromausfall sogar ein Geschäft machen lässt, zeigt der Energieriese Vattenfall. Jedem Berliner Haushaltskunden verspricht er 20 Euro, falls der Strom im Vattenfall-Verteilnetz länger als drei Stunden ausfällt. Ein großes Risiko ist das für den Anbieter nicht: Im Durchschnitt ist die Hauptstadt pro Jahr nur 13 Minuten saftlos.

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