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Energiewende Kohlestrom-Anteil klettert auf 45,5 Prozent

Eigentlich sollen flexible CO2-ärmere Gaskraftwerke zusammen mit Sonne und Wind Träger der Energiewende werden. Doch der Stromanteil fällt weiter, während ausgerechnet Kohlemeiler auf Hochtouren laufen.

Wo die Energiewende besser funktioniert
Im internationalen Vergleich gibt es kaum ein zweites Land, das sich derart ambitionierte Ziele zur Umstellung seines Energiesystems gesteckt hat wie Deutschland. Daher existiert auch kein Gesamtkonzept, das als Blaupause für die deutsche Energiewende dienen könnte. Dennoch kann Deutschland von anderen Ländern lernen. Eine Studie von McKinsey im Auftrag von Siemens stellt Beispiele aus verschiedenen Ländern vor und zeigt, was davon in welchem Umfang auch in Deutschland erfolgreich umgesetzt werden könnte. Die Fallbeispiele beziehen sich auf die wesentlichen Elemente der deutschen Energiewende entlang der Energiewertschöpfungskette: Stromerzeugung, Verteilung oder Balancierung von Angebot und Nachfrage sowie Steigerung der Energieeffizienz. Quelle: dpa
Dänemark, Niederlande, Brasilien - Versteigerung von WindparksDer Ausbau von Solar und Windkraft wird die Regierung bis 2020 rund 30 Milliarden Euro kosten. Eine Möglichkeit, den Kostenanstieg zu drosseln, wäre eine Anpassung der Förderung, zum Beispiel durch Auktionierung von Windparkprojekten – wie in Brasilien, Dänemark oder den Niederlanden praktiziert. So kann erreicht werden, dass Windparks an windreichen Standorten mit einer geringeren Vergütung auskommen. Würden in Deutschland die infrage kommenden Windparkprojekte in Zukunft versteigert, könnten allein im Jahr 2020 rund 0,7 Milliarden Euro an Förderkosten eingespart werden. Quelle: dpa
China – bessere Nutzung von AbwärmeAbwärme lässt sich bei Temperaturen ab circa 300 Grad Celsius zur Stromerzeugung nutzen. In Deutschland gibt es unter anderem in der Zement- und Glasindustrie weitere Potenziale, die andere Länder beziehungsweise Pilotanlagen in Deutschland bereits nutzen: So wurden in China in den  vergangenen zehn Jahren knapp 30 Zementwerke mit entsprechenden Anlagen ausgestattet oder werden aktuell umgerüstet. Durch Nachrüsten der in Deutschland infrage kommenden Werke könnten hier im Jahr 2020 etwa 2 TWh Strom erzeugt und so eine Megatonne CO2 eingespart werden. Die Investitionen würden sich bereits nach rund drei Jahren amortisieren, so die Autoren der Studie. Quelle: REUTERS
Shanghai – bessere TransformatorenJetzt wird es technisch, aber im Grunde simpel. Transformatoren sind  für die Stromversorgung unverzichtbar, da elektrische Energie nur mittels Hochspannungsleitungen über weite Entfernungen wirtschaftlich sinnvoll transportiert werden kann; der Betrieb von Elektrogeräten ist aber nur mit Nieder- und Kleinspannung praktikabel und sicher. Transformatoren haben einen magnetischen Kern, meist Eisen, man kann aber auch so genannte amorphe Metalle verwenden. Sie haben bessere magnetische Eigenschaften und senken Übertragungsverluste im Netz.  In Shanghai konnten die Leerlaufverluste der ausgetauschten Transformatoren um 80 % reduziert werden konnten. Allein die Ausstattung der in Deutschland bis 2020 neu zu installierenden Transformatoren mit amorphen Kernen könnte die Übertragungsverluste im Stromnetz im Jahr 2020 um 0,2 TWh reduzieren. Dies entspricht der Stromproduktion von circa 65.000 Aufdach-Solaranlagen. Durch die Einsparungen  würden sich die erforderlichen Investitionen nach circa elf Jahren amortisieren. Quelle: dpa
Schweden – mehr WärmepumpenEine Wärmepumpe entzieht zum Beispiel dem Boden oder der Luft unter Aufwendung mechanischer oder elektrischer Energie thermische Energie und stellt diese zur Raumheizung zur Verfügung. Momentan sind in Schweden bei 9,5 Mio. Einwohnern 1 Mio. Wärmepumpen installiert, gegenüber circa  0,5 Mio. Wärmepumpen in Deutschland bei rund 81 Millionen Einwohnern. Der Ausbau zusätzlicher 0,7 Millionen Wärmepumpen in Deutschland bis 2020 würde zu einer Senkung des Primärenergiebedarfs um 18 PJ und zu einer Senkung der CO2-Emissionen um 0,6 Mt für das Jahr 2020 führen. Foto: "Tourismusverband Westschweden Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
USA – Stromnachfrage besser steuernDie Stromerzeugung aus Wind und Sonne schwankt wetterabhängig sehr stark. Das belastet das Netz. Die Schwankungen lassen sich durch eine flexiblere Stromnachfrage ausgleichen. Im Nordosten der USA hat man dazu einen Markt für temporäre Nachfragereduzierung geschaffen. Zu Spitzenzeiten reduzieren Stromkunden ihren Verbrauch freiwillig und erhalten hierfür eine Vergütung. Bei diesem Fallbeispiel wurde die Spitzenlast in einem Markt, der größer als der deutsche ist, um circa 8 % reduziert. Würde Deutschland in ähnlicher Weise allein seine industrielle Nachfrage flexibilisieren, könnten 2020 etwa 0,5 Milliarden Euro eingespart werden. Das entspricht den jährlichen Betriebskosten von zwei großen Kohlekraftwerken. Quelle: AP
Los Angeles – LED-StraßenbeleuchtungInternational hat eine Reihe von Städten den Austausch der klassisch verwendeten Natrium-Hochdrucklampen durch LED s vorangetrieben. In den USA installierte zum Beispiel Los Angeles von 2009 bis 2013 in 146.000 Ampeln und Straßenleuchten mit LED. Mit Investitionen von rund 45 Millionen Euro konnte eine Reduzierung des Stromverbrauchs von rund 60 % erreicht werden. Quelle: Presse

Trotz der Energiewende kommt inzwischen fast jede zweite Kilowattstunde Strom aus Kohlekraftwerken. Der Anteil von Braun- und Steinkohle an der deutschen Stromerzeugung kletterte 2013 auf 45,5 Prozent. Das geht aus Schätzungen des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hervor. Zugleich sank die Stromproduktion in teureren, aber weniger klimaschädlichen Gaskraftwerken weiter. Der Strommixanteil erneuerbarer Energien stieg 2013 von 22,8 auf 23,4 Prozent.

Die Stromindustrie fordert nun von der Bundesregierung rasch Klarheit bei der Reform der Ökostromförderung. Die Lage für Betreiber konventioneller Kraftwerke werde immer schwieriger. Gas werde zunehmend aus dem Markt gedrängt, die Investitionen der Branche würden 2014 sinken, erklärte BDEW-Hauptgeschäftsführerin Hildegard Müller. Bei Anreizen, etwa vor der Abschaltung stehende Gaskraftwerke als stille Reserve weiterzubetreiben, hofft die Industrie, dass Union und SPD bis zum Sommer liefern. Der Koalitionsvertrag ist hier vage.

Der Anteil der Atomkraft sank geringfügig von 15,8 auf 15,4 Prozent. 2011 waren acht Meiler nach der Wende infolge des Unfalls von Fukushima stillgelegt worden, die restlichen neun Anlagen sollen schrittweise bis 2022 vom Netz gehen. Die Abkehr von der Atomkraft wird vor allem von Kohlekraftwerken aufgefangen: Steinkohlekraftwerke trugen laut BDEW vergangenes Jahr voraussichtlich 19,7 Prozent (2012: 18,5) zur Stromproduktion bei. Braunkohleanlagen haben mit 25,8 Prozent (2012: 25,5) weiter den höchsten Anteil. Bei den Gaskraftwerken sank der Anteil an der Stromproduktion von 12,1 auf nur noch 10,5 Prozent - eigentlich sollten diese flexiblen Anlagen primär den Atomausstieg kompensieren. Wegen der je nach Wetter schwankenden Ökostromproduktion und fehlender Stromspeicher wird weiterhin ein hohes Maß an grundlastfähigen Kraftwerken nötig sein. Umweltschützer kritisieren wegen der CO2-Emissionen den hohen Kohlestromanteil und fordern bessere Bedingungen für Gaskraftwerke.

Chronik der Energiewende

Als Hauptgrund für den steigenden Kohlestromanteil gilt der Preisverfall für CO2-Verschmutzungsrechte im EU-Emissionshandel. Das macht die Kohleverstromung billig. Die Braunkohlestromproduktion kletterte 2013 auf den höchsten Wert seit 1990 - bei allerdings sinkendem Braunkohleeinsatz wegen neuer, effizienterer Anlagen. Das beförderte auch einen neuen Stromexport-Rekord. Dieser kletterte - wie schon von der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen veröffentlicht - auf rund 33 Milliarden Kilowattstunden (2012: 23 Milliarden kWh). Ein großer Teil des Stroms ging in die Niederlande, hieß es. Bei den erneuerbaren Energien kletterte die Stromerzeugung der Solaranlagen um 7,3 Prozent auf einen Anteil von 4,5 Prozent (2012: 4,2). Die Windstromproduktion ging witterungsbedingt um 3,5 Prozent zurück, der Strommixanteil betrug laut BDEW 7,9 Prozent (2012: 8,0). Biomasse hatte 6,8 Prozent Anteil (2012: 6,3), Wasser 3,4 Prozent (2012: 3,5) und Siedlungsabfälle wie 2012 0,8 Prozent Strommixanteil.

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Die steigenden CO2-Emissionen, die Deutschlands Klimaschutzziele gefährden, führte Müller vor allem auf die lange Heizperiode Anfang 2013 und den gesunkenen Gas-Anteil zurück. Diese Entwicklung sei keine „Energiewende paradox“, sondern logische Folge: „Da soll niemand überrascht tun“, so die Cheflobbyistin der Stromindustrie. Der Klimaschutz dürfe nicht weiter vor allem den Stromkunden aufgehalst werden. Kohlendioxid könne effektiv bei der Wärmedämmung von Gebäuden und im Straßenverkehr reduziert werden. Wegen enormer „Altlasten“ bei der teuren Ökostromförderung können die Verbraucher auch nach einer Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes wohl kaum mit niedrigeren Strompreisen auf breiter Front rechnen.

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