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Energiewende
Klima, als einzelne, große Buchstaben. Quelle: imago images

Kosten des Klimaschutzes ehrlich benennen

Sehr wahrscheinlich wird die Energiewende in den kommenden Jahrzehnten Wohlstand kosten. Die Politik sollte das Thema offensiv angehen, statt mit falschen Versprechungen die Basis für künftige Unzufriedenheit zu legen.

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Es klingt halt auch viel schöner: Nicht nur in Wahlkampfzeiten wird aus der Politik und von anderen Interessierten gerne der Eindruck verbreitet, der Umbau zu einer klimaneutralen Volkswirtschaft werde schon nicht so teuer. Gerne ins Feld geführt werden dann neue klimafreundlichere Technologien oder die konjunkturfördernde Wirkung von Klimaschutzinvestitionen. Die EU-Kommission spricht von einem European Green Deal, vermarktet also die Transformation zu einer emissionsarmen Wirtschaft und Gesellschaft als gutes Investitionsgeschäft, als Wachstumsstory. Damit begründet sie auch eine entsprechende Schuldenaufnahme.

Dieses Narrativ könnte langfristig wahr werden, wie der Klimaökonom Lord Nicholas Stern unlängst in Kiel ausführte. Es birgt allerdings auch große Risiken. Der Politik selbst verstellt es den Blick darauf, dass sie vor einige harte Zielkonflikte und schwierige Entscheidungen gestellt werden wird. Und bei den Bürgern weckt es falsche Erwartungen, die später mit hoher Wahrscheinlichkeit enttäuscht werden. Potenzielle Folgen sind hohe Unzufriedenheit und mangelnde Motivation, bei der Wende zu einem klimaschonenden Wirtschaftsmodell mitzuziehen.

Kosten steigen mit Tempo des Umsteuerns

Denn es spricht vieles dafür, dass in der Transformationsphase erst einmal Wohlstand verloren geht. Dieser Verlust wird umso größer, je schneller das Umsteuern erfolgen muss. Kommen zögerliches Handeln in der Politik und ein möglicherweise beschleunigter Klimawandel zusammen, kann großer Zeitdruck entstehen, den klimaneutralen Umbau der Wirtschaft in kurzer Zeit zu erreichen. Und das wäre der volkswirtschaftlich teuerste Weg.

Der Ökonom Jean Piani-Ferry hat kürzlich in einem Policy Brief eine wichtige Tatsache unterstrichen: Der absehbar abrupte Umstieg von einer kohlenstoffbasierten auf eine CO2-neutrale Wirtschaft entwertet viele bestehende und noch nicht abgeschriebene Güter – vom Kraftwerk über Produktionsanlagen bis zu Fahrzeugen. Entwicklungsprozesse, etwa für neue Verbrennungsmotoren, laufen kurzfristig aus. Qualifikationen und Erfahrungen von vielen Menschen verlieren an Wert, die in den betroffenen Branchen beschäftigt sind und in andere Jobs wechseln müssen. Das ist erfahrungsgemäß mit hohem Aufwand für die Betroffenen und auch für den Staat verbunden, der den Strukturwandel sozial abfedern muss.

Investitionen für Klimaschutz verringern Konsummöglichkeiten

Gleichzeitig sind hohe Investitionen notwendig: Anderen Verfahren zur Energieerzeugung, in der Produktion energieintensiver Produkte oder im Verkehr müssen entwickelt und etabliert werden. Der Staat muss den Umbau an vielen Stellen durch Fördermittel unterstützen und sozial abfedern. Das kann das Wirtschaftswachstum antreiben, bedeutet aber vor allem erst einmal Kosten. Das Neue entsteht eben vorwiegend nicht aus gesteigerten oder geänderten Konsumbedürfnissen heraus, sondern aus der Notwendigkeit und politischen Vorgabe, den Klimawandel zu bremsen. Am Ende bleibt die einfache Wahrheit, dass jeder Euro nur einmal ausgegeben werden kann. Was an Geld für Investitionen benötigt wird, steht für den Konsum erst einmal nicht zur Verfügung. Die Unternehmen müssen bei ihren Arbeitskosten und der Staat muss bei seinen Sozialausgaben auf die Bremse drücken. Dem gegenüber steht natürlich die Perspektive, ein lebensfreundliches Weltklima zu erhalten und Anpassungskosten an den Klimawandel zu verringern – also Wohlstand für künftige Generationen.

Aber für die nächsten Jahre und auch Jahrzehnte sollten wir nicht davon ausgehen, dass die Dividende eines verschärften Klimaschutzes für Arbeitskräfte und Konsumenten positiv ausfällt. Dazu trägt auch die gewollte Kostensteigerung für alle Treibhausgas emittierenden Aktivitäten bei. Die Investition für den Umbau von Produktionsprozessen, Preisaufschläge durch CO2-Steuern oder -Zertifikate oder die Entwicklungskosten für neue, emissionsarme Produkte und Dienstleistungen werden die Preise für die Endverbraucher steigen lassen. Die Inflation, schon in diesem Jahr durch andere Faktoren wie Materialknappheit und Steuereffekte angeschoben, wird von einem Umbau zu einer grünen Wirtschaft tendenziell befeuert. Eine solche Geldentwertung trifft vor allem ärmere Haushalte, für die schon geringere Kostensteigerungen schmerzhaft spürbar sind und deren Lohnsteigerungen mit der Inflation nicht mithalten.

Jetzt Konzepte für Finanzierung und sozialen Ausgleich entwickeln

Die Gelbwesten-Proteste in Frankreich haben einen Vorgeschmack geliefert, wie empfindlich Bevölkerungsschichten auf Preissteigerungen durch höhere Energiepreise reagieren können. Es gibt Ideen, wie man dem vorbauen könnte: niedrigere Strompreise, Pro-Kopf-Rückerstattungen der staatlichen Einnahmen aus Emissionspreisen, gezielte Subventionen. Es wäre jetzt höchste Zeit, diese Lösungen zu diskutieren und umzusetzen, bevor der Ärger überhaupt hochkochen kann.

Debatten, wie die Belastungen durch den grünen Umbau der Volkswirtschaft verteilt werden, wird es nicht nur innerhalb von Ländern geben sondern auch global über Länder und Regionen hinweg. Auch diese sollten besser jetzt geführt werden, bevor sich internationale Konflikte über die Lasten des Klimaschutzes aufschaukeln mit dann weiter reichenden Folgen wie zum Beispiel Handelskonflikten.

Darüber hinaus gibt es ungelöste Inkonsistenzen: Die höheren Preise für CO2-Emissionen verteuern gewollt Produkte wie Zement oder Stahl. Diese werden aber gleichzeitig gebraucht, um die Energiewende umzusetzen zum Beispiel durch den Bau neuer Offshore-Windparks. Der in Deutschland besonders hohe Strompreis bremst Digitalisierungsprozesse, die zu einer emissionsärmeren Wirtschaftsweise beitragen können, aber auf günstigen Strom angewiesen sind.

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Wir sollten uns ehrlicherweise auf das Szenario einstellen, dass der Übergang zu einer emissionsfreien Wirtschaftsweise sehr wahrscheinlich mit Wohlstandsverlusten in den nächsten Jahrzehnten einhergeht. Die Kosten sind potenziell sehr hoch, aber auch tragbar – wahrscheinlich sogar unumgänglich. Je früher wir beginnen, uns das bewusst zu machen und uns Wege überlegen, wie wir die Aufwände finanzieren und die größten Verlierer auffangen können, desto eher werden wir Akzeptanz für den ebenso notwendigen wie radikalen Umbau von Wirtschafts- und Konsumgewohnheiten finden. Die erfolgreiche Aktivierung marktwirtschaftlicher Kräfte und eine faire Verteilung der Kosten gehören mit Sicherheit dazu.

Mehr zum Thema: Der Kampf gegen den Klimawandel nimmt Fahrt auf. Aktien von Unternehmen, die dafür technische Lösungen entwickeln, bieten große Chancen. Nur: Welche Technologien sind das? Experten geben Antworten.

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