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Energiewende Still ruht das Volk

Nach langen Streitereien um Atomkraft oder Stuttgart 21 sollen die Bürger an der Energiewende endlich beteiligt werden, sagt die Politik. Aber wollen die Bürger überhaupt? Ein Besuch vor Ort.

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Bürgerdialog zur Energiewende Quelle: Hans Scherhaufer für WirtschaftsWoche

Über Dahlem hat sich der Himmel an diesem Dienstag entschieden, einfach mal wieder blau zu machen. Ein duftender Sommerabend legt sich auf Berlin, passend zu den Schulferien und schön für die Studenten, deren vorlesungsfreie Zeit begonnen hat. Hier im gediegenen Berliner Südwesten, wo sich der Henry-Ford-Bau der Freien Universität zwischen die Villen schmiegt, ist es dementsprechend ruhig. Zu ruhig.

Dass dort drinnen ein "Bürgerdialog" zur Energiewende stattfinden soll – wer es nicht weiß, wird es nicht erfahren. Schilder jedenfalls weisen keinen Weg ins Gebäude. Ein Vertreter des Bundes für Umwelt und Naturschutz hat sich Zeit genommen, ebenso ein Energieexperte der IHK Berlin.

Online-Diskussion

Der optimistisch gebuchte Hörsaal D fasst etwa 250 Menschen. Aber an diesem Abend blicken die geladenen Fachleute nur auf ein gutes Dutzend Interessierte, die sich auf die Sitzreihen verstreut haben. Und über allem schwebt die Frage: Wie soll Bürgerbeteiligung funktionieren, wenn sich die Bürger kaum beteiligen?

Rund zwei Millionen Euro will das Bundesbildungsministerium pro Jahr in Zwiegespräche mit den Regierten investieren. Eine eigens engagierte Kommunikationsagentur wird von Braunschweig bis Waiblingen in den kommenden Wochen mehr als 20 Abende dieser Art durchführen. Dazu gibt es eine Internet-Seite, auf der online mitdiskutiert werden kann. Spontan hatte man im Ministerium vor einigen Monaten das ursprünglich geplante Auftaktthema High-Tech-Medizin zurückgestellt und die Energiewende vorgezogen. Eine Programmänderung aus gegebenem Anlass.

Denn politische Sonn- wie Werktagsreden kamen in den vergangenen Monaten selten ohne die Forderung aus, die Bürger müssten wieder stärker an Entscheidungen teilhaben; eine Lehre aus dem Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 und zudem eine Antwort auf die Angst, als Nächstes könne die gerade erst beschlossene Energiewende am Widerstand der Wutbürger scheitern.

Botschaften an die Regierung Quelle: Hans Scherhaufer für WirtschaftsWoche

Konfliktstoff gäbe es ja zuhauf: Soll Atomstrom durch dreckigen Kohlestrom ersetzt werden? Sollen Sonne, Wind und Wasserkraft weiter mit Milliarden subventioniert werden? Durchziehen bald gigantische Stromleitungen das Land? Wäre jeder Einzelne überhaupt zum Energiesparen bereit?

Fragen, deretwegen Eva Forler nach Dahlem gekommen ist. "Sonst sitze ich in meinem Sessel und ärgere mich über die Politik", sagt die Verwaltungsangestellte, "da finde ich es nett, wenn ich mal gefragt werde." Man werde die Meinungen des Publikums aufsaugen wie ein Schwamm, verspricht die Moderatorin. Tatsächlich ergreift in Hörsaal D eigentlich nur die resolute Frau Forler das Wort. Rund zwei Stunden und ein paar höfliche Gespräche später nehmen die Moderatorin und ihre Mitarbeiter eine Handvoll handgeschriebener Zettel aus Berlin mit, auf denen das überschaubare Publikum meist ebenso überschaubare Sätze formuliert hat. Eva Forler weiß nur am Ende immer noch nicht, woher sie für einen stromsparenden Kühlschrank das Geld nehmen soll.

Keine Placebos

Im Berliner Ministerium verspricht Staatssekretär Georg Schütte, die Dialoge seien "keine Placebo-Veranstaltungen". Ende Oktober wird er zum Abschluss in die Hauptstadt einladen, im großen Rahmen, zum "Bürger-Gipfel". Dann soll aus all den Zetteln, Diskussionen und Eindrücken ein "Bürger-Report" destilliert werden. Der Adressat: die Bundesregierung.

Doch damit die Sendung statt schöner Worte auch Substanz erhält, müssen die Urheber noch kräftig überzeugt werden, sich zu äußern. Am Abend in Dahlem klingt mehrmals die Mahnung der Ethikkommission an, die Energiewende könne nur als "Gemeinschaftswerk" gelingen. Gemeinschaft, das klingt nach umfassendem Konsens, nach breiter Unterstützung. Genau 208 Mitgliedern gefiel bis vergangenen Donnerstag die Facebook-Seite des Bürgerdialogs, noch weniger lauschen dem Twitter-Zwitschern. Auf der Dialog-Internet-Seite haben sich 260 Teilnehmer registriert – 260 von 82 Millionen.

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