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Energiewende Umstrittene Kosten für den Atomausstieg

Die Industrie warnt vor steigenden Strompreisen durch die Kosten eines schnellen Atomausstiegs, während RWE Berichten zufolge von einer Energiewende sogar profitiert. Die Schätzungen für die Folgekosten gehen weit auseinander.

Atomkraftgegner in Quelle: dapd

Die Industrie warnt vor den Konsequenzen eines raschen Ausstiegs aus der Atomkraft. „Wir befürchten, dass nun überstürzt Entscheidungen getroffen werden, deren Auswirkungen auf die Strompreise niemand ernsthaft bedenkt“, sagte die Geschäftsführerin des Verbands der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK), Birgit Ortlieb, dem „Handelsblatt“. Im VIK sind die großen Energieverbraucher aus der Industrie vereint. „Explodierende Strompreise sind Gift für energieintensive Industrien. Wir bewegen uns schon heute auf einem kaum erträglich hohen Strompreisniveau“, sagte Ortlieb. Selbst leichte Steigerungen könnten das Fass zum Überlaufen bringen und wirkten als Jobkiller und Investitionsbremse. Die Industrie, die für rund 50 Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland steht, ist von steigenden Preisen besonders stark betroffen.

Das neue Energiekonzept der Bundesregierung dürfte nicht unwesentlich davon beeinflusst werden, wie viel Atomausstieg und Umstieg in das Zeitalter der erneuerbaren Energien voraussichtlich kosten werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nennt schon mal die Eckdaten: Auch künftig müsse die Energieversorgung sicher, umweltfreundlich und nicht zuletzt bezahlbar sein.

Breit gefächerte Kostenschätzungen

Atom-Gegner und -Befürworter bringen sich daher mit ihren Kostenberechnungen für die Meinungsfindung der verbleibenden zwei Monate des Atom-Moratoriums in Position. Die „Bild“-Zeitung zitiert Energieexperten von Union und FDP, die von bis zu vier Milliarden Euro zusätzliche Kosten im Jahr für den Ausstieg aus der Kernenergie ausgehen. Brüderle erwartet Mehrkosten von bis zu zwei Milliarden. Begründet wird dies unter anderem mit stärkerer Förderung von Windparks und Gebäudesanierungen sowie einem beschleunigten Netzausbau. Hinzu komme weniger Brennelementesteuer.

Diesen Zahlen hält Greenpeace eigene Berechnungen entgegen. Strom aus Wind- und Wasserkraft ist danach heute schon wesentlich billiger als Strom aus Kohle und Atom. Nach einer Greenpeace-Studie erhielt nämlich die Atomstromproduktion von 1970 bis 2010 staatliche Förderung in Höhe von 186 Milliarden Euro, die Steinkohleverstromung kam auf 165 Milliarden und Braunkohle auf 57 Milliarden Euro. Die erneuerbaren Energien hätten im selben Zeitraum gerade mal 28 Milliarden Euro erhalten. Der Verbraucher zahle also Stromkosten, die auf der Stromrechnung gar nicht auftauchten. Auch wenn die Zahlen heute andere sind, so oder so ähnliche Rechnungen stellten Grüne und Greenpeace schon bei der ersten Runde des Atomausstiegs um die Jahrtausendwende an. Und auch diese Zahlen sind für den Bürger letztlich kaum nachprüfbar.

Strommasten stehen vor dem Quelle: dapd

Zu diesen Kosten kommen die noch immer kaum kalkulierbaren Kosten für Endlager für radioaktiven Müll hinzu. Hier lauern immense finanzielle und ökologische Risiken, wie das desolate Atommülllager Asse in den vergangenen Tagen wieder zeigte. Der Vorsitzende der Entsorgungskommission (ESK) und Röttgen-Berater Michael Sailer forderte bei der Neubewertung der Atomenergie eine Regelung auch für die Atommüll-Endlagerung. Es sei absolut notwendig, „dass wir in den nächsten 20, 25 Jahren zu einem genehmigungsfähigen Projekt für ein Endlager für hoch radioaktive Abfälle kommen“. Dabei müssten mehrere Standorte geprüft werden. Denn der Salzstock im niedersächsischen Gorleben könnte sich am Ende doch noch als ungeeignet herausstellen. Umweltschützer und Opposition befürchten bereits jetzt, Atommüll könne dort nicht sicher gelagert werden.

RWE wäre ein Ausstiegsprofiteur

Der RWE-Konzern könnte von einem Abschalten einiger deutscher Atomkraftwerke wegen dann steigender Strompreise sogar profitieren. Allerdings müsse das Unternehmen erhöhte Kosten für CO2-Zertifikate gegenrechnen, sagte ein RWE-Sprecher gestern. Er reagierte damit auf einen Bericht des Magazins „Der Spiegel“. Dort hieß es, vor der RWE-Hauptversammlung am Mittwoch wachse auch innerhalb des Unternehmens die Kritik am kompromisslosen Pro-Atom-Kurs von Konzernchef Jürgen Großmann. Hintergrund seien bislang unbekannte interne Berechnungen, nach denen eine Abschaltung der Atomreaktoren in Biblis (Hessen) sich mittelfristig sogar positiv auf das Ergebnis des Energieriesen auswirken könnte. „Kurzfristig hat das Abschalten von Biblis unbestritten negative Folgen für den Konzern“, sagte der Sprecher. Bereits verkaufter Strom, den Biblis liefern sollte, müsse am Markt zurückgekauft werden. Eine Stilllegung der Meiler, heißt es laut „Spiegel“ in einem vergangenen Sommer erstellten Ausstiegsszenario, würde die Strommenge verknappen und den Strompreis ansteigen lassen. Davon würden die nur teilweise ausgelasteten Kohlekraftwerke des Konzerns profitieren. Die Zusatzgewinne dort, so das RWE-Szenario, könnten die Ausfälle in Biblis mittelfristig sogar deutlich überkompensieren, zumal der Bund durch die Brennelementesteuer Teile des Atomgewinns wieder abschöpfe. Kurzfristig, heißt es, seien durch die Stilllegung der Meiler Verluste in dreistelliger Millionenhöhe zu verkraften. Das Szenario sei auch dem Aufsichtsrat zugeleitet worden. Die Kontrolleure wollten Großmann auf einer Sitzung morgen kritisch zu seinen Plänen befragen.

Bundestagspräsident Norbert Lammert mahnte bei der Kanzlerin ein Energiekonzept an, das auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens basiert und auf 40 Jahre angelegt ist. Energiepolitik vertrage vierjährige Kurskorrekturen nur sehr schwer, sagte er der Wirtschaftswoche. Die Entscheidung zur Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke im vergangenen Jahr „war auch ein Fall von Hochmut“. Um diesen breiten gesellschaftlichen Konsens auszuloten, trifft sich an diesem Montag die von der Regierung eingesetzte Ethik-Kommission zu ihrer ersten Klausur. Es ist nicht zu erwarten, dass hier in erster Linie über Preisbildung nachgedacht wird. Doch auch hier sind Neupositionierungen zu beobachten. So waren die beiden großen Kirchen, zumindest was ihre Kirchenfürsten betrifft, bei der Laufzeitverlängerung nicht mit sonderlich kritischen Stimmen zu vernehmen. Nun aber scheinen sie erkannt zu haben, dass Atomstrom eigentlich Teufelszeug ist.

4 bis 5 Cent mehr je Kilowattstunde

Die Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena) befürwortet den Atomausstieg und hält ihn in einem Zeitraum bis 2020/2025 für machbar. Dies gibt ausreichend Zeit, um den Einstieg in eine umfassende Energiewende sozialverträglich zu gestalten und den Industriestandort Deutschland zu sichern. Der Bevölkerung dürfe aber nichts vorgemacht werden. Es gehe nicht nur um das Aufstellen von Windrädern und Solarzellen, sondern um die Optimierung des gesamten Energiesystems. Für den notwendigen Ausbau der erneuerbaren Energien, der Stromnetze und moderner fossiler Kraftwerke rechnet die dena nach eigenen Schätzungen mit einer Erhöhung des Strompreises um 4 bis 5 Cent pro Kilowattstunde (Cent/kWh). Das würde die Stromkosten zum Beispiel für private Haushalte um rund 20 Prozent steigern.

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