WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Energiewende Welche Länder bei der Energiewende am weitesten sind

Geht es um die Energiewende, blicken alle nach Berlin. Zu Unrecht. Die Motoren des Wandels sind die Bundesländer. Ihr Engagement entscheidet über das Gelingen des grünen Umbaus. Ein exklusives Ranking der WirtschaftsWoche zeigt, welche Länder am weitesten sind – und wo die Schwächen der Verlierer liegen.

Gelingt die Energiewende? Darüber entscheidet nicht Berlin allein - Sondern vor allem die einzelnen Bundesländer. Quelle: dpa

Es ist ein Bild mit Symbolkraft, als Bundesumweltminister Norbert Röttgen vor wenigen Tagen am Steinkohlekraftwerk des Energieversorgers Trianel in Lünen bei Dortmund vor Bauzäunen und Containern seiner Dienstlimousine entsteigt. Der 750-Megawatt-Meiler, der rund 1,6 Millionen Haushalte mit Elektrizität versorgen kann, wird erst mit mehreren Monaten Verspätung fertig. Die 100 Kilowatt starke Fotovoltaikanlage, auf den Verwaltungsgebäuden im Schatten des 160 Meter hohen Kühlturms installiert, erzeugt dagegen längst Strom.

So ist es überall in Deutschland: Das Einzige, was seit dem Ausstieg aus dem Atomausstieg vorankommt, ist der Ausbau der Wind- und Sonnenkraft. Täglich beginnt sich irgendwo ein neues Windrad zu drehen, und Abertausende Dächer verschwinden unter Solarmodulen. Alle anderen Elemente der Energiewende aber liegen hinter dem Zeitplan zurück – und gefährden ihren Erfolg. Weder sind die benötigten neuen Netze noch ausreichend Ersatzkraftwerke oder Stromspeicher entstanden.

Gut gerüstete Versorger
Welche Versorger seit der Energiewende umdenkenPlatz 10: VattenfallDie Studie der European School of Management (ESMT) analysiert, wie führende europäische Energiekonzerne mit den Herausforderungen der Energiewende umgehen. Der von der Bundesregierung beschlossene Atomausstieg setzt deutsche Unternehmen besonders unter Druck. Gleichwohl ist die gesamte Branche betroffen, denn - so das Ziel der EU - ganz Europa soll umsteigen auf eine nachhaltige, kohlendioxidarme Stromerzeugung. In der Studie wurden die Forschungsaktivitäten der Unternehmen, aber auch Produktivität und Nachhaltigkeit bewertet. Auf Platz 10 im Innovationsindex schafft es der schwedische Konzern Vattenfall. Für Wachstum im Konzern soll zukünftig grüne Energie sorgen. Noch stützen sich die Aktivitäten in Deutschland aber stark auf den Braunkohletagebau. Das Bild zeigt einen Schaufelradbagger im südbrandenburgischen Welzow. Quelle: dpa
Platz 9: EonNachdem sie jahrelang vernachlässigt wurden, rücken die Erneuerbaren Energien immer stärker in den Fokus der deutschen Stromriesen. Nicht der Großkraftwerksbau, sondern Windparks in Nord- und Ostsee oder Photovoltaik-Anlagen im Süden, Geothermie oder Biomasseanlagen gelten als die Geschäftsfelder der Zukunft. Alle 18 Monate, versprach Eon-Konzernchef Johannes Teyssen unlängst, werde das Unternehmen künftig einen neuen Windpark anfahren. Eine Summe von mindestens 7 Milliarden Euro wollen die Düsseldorfer in den kommenden sieben Jahren in Erneuerbare stecken. Ein Projekt ist der Windpark Amrumbank West, wo in drei Jahren 80 Turbinen Windstrom für 300.000 Haushalte produzieren sollen. Im Innovationsindex landet Eon auf Platz neun. Quelle: dpa
Platz 8: EnelDer italienische Energieriese Enel ist mit einem Umsatz von 72 Milliarden Euro der drittgrößte europäische Versorger hinter Eon und GDF Suez, aber noch vor Electricité de France. Vor vier Jahren gelang es Enel den damals größten spanischen Versorger Endesa zu übernehmen, obwohl sich auch Eon monatelang um diesen bemüht hatte. Seitdem hat Enel ein starkes Standbein in Spanien, ebenso in Südamerika. In der Studie schafft es Enel immerhin auf den achten Platz. Quelle: dpa
Platz 7: StatkraftDer norwegische Konzern Statkraft ist der europaweit größte Erzeuger erneuerbarer Energien - und landet im Ranking auf Platz sieben. Der Konzern baut und betreibt Wasser-, Wind-, Gas- und Fernwärmekraftwerke und beschäftigt 3.300 Mitarbeiter in über 20 Ländern. Statkraft betreibt allein in Deutschland zehn Wasserkraftwerke. Das Bild zeigt die Alltwalis Windfarm in Wales.
Platz 6: DongIm Innovationsindex landet der dänische Energieversorger Dong auf Platz sechs. Das Unternehmen betreibt einige der größten Windparks in der Nordsee. Der auf dem Bild gezeigte Windpark - 30 Kilometer westlich von Jütland gelegen - besteht als 91 Windturbinen (Kapazität: 209 Megawatt). Auch vor der deutschen Küste ist Dong aktiv: Das Unternehmen plant für eine Investitionssumme von 1,25 Milliarden Euro den Bau eines Offshore-Windparks vor Borkum. Die Gesamtkapazität soll bei 320 Megawatt liegen; die Strommenge würde ab 2014 den Bedarf von etwa 330.000 Haushalten decken. Quelle: ap
Platz 5: EDPAlle in der Studie untersuchten Energiekonzerne haben die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in den vergangenen Jahren stark angehoben - insgesamt um mehr als 40 Prozent. Der portugiesische Stromerzeuger EDP ist in diesem Bereich besonders stark - und landet in der Rangliste der innovativsten europäischen Versorger auf Platz fünf. Doch nicht nur deshalb standen die Bieter Schlange, als der schuldengeplagte Staat seinen 21-Prozent-Anteil an EDP (Energias de Portugal) im November 2011 verkaufte. Mit dem Einstieg bei EDP ist auch der Vorstoß auf den brasilianischen Markt verbunden, wo der portugiesische Konzern stark vertreten ist. Am Ende erhielt der chinesische Investor „China Three Gorges Cooporation“ für 2,69 Milliarden Euro den Zuschlag. Eon ging leer aus. Quelle: Reuters
Platz 4: GDF-Suez Die Grande Nation setzt nur auf Atomkraft? Nein, nicht mehr. In Reihen der französischen Energie-Manager hat ein Umdenken eingesetzt, auch wenn der Vorstandschef von GDF-Suez, Gerard Mestrallet (Bild), den Jahresgewinn von 17 Milliarden Euro noch auf traditionellem Weg eingefahren hat. Derzeit nimmt Frankreichs erster Windpark auf See Gestalt an. GDF Suez bewirbt sich für den Standort vor dem bretonischen Ferienort Saint Brieuc, wo bis zu 500 Megawatt Energie erzeugt werden sollen. Insgesamt sollen nach Angaben der Regierung durch das Zehn-Milliarden-Euro-Projekt vor der französischen Küste bis zu 600 Windräder entstehen, die bis 2015 zusammen drei Gigawatt Strom erzeugen sollen - etwa so viel wie drei Atomkraftwerke. Bis 2020 sind sogar 1200 Windräder mit einer Produktion von sechs Gigawatt geplant. GDF-Suez will kräftig mitmischen und kommt im Innovationsindex auf Platz vier. Quelle: dpa

Eine Studie bringt Antworten

Wenn sich der Bund also in Zuständigkeitswirrwarr und Konzeptionslosigkeit verheddert, wie EU-Energiekommissar Günther Oettinger beklagt, geht es dann wenigstens auf Ebene der Bundesländer voran? Haben sie überzeugende Konzepte zu bieten, wie sie die Vorgaben aus Berlin umsetzen wollen? Zum Beispiel den Anteil der grünen Energien an der Stromversorgung bis 2020 von heute 20 Prozent auf dann mehr als ein Drittel zu steigern?

Antworten auf diese Fragen gibt eine bislang einzigartige Studie, die das Marktforschungsinstitut trend:research exklusiv für die WirtschaftsWoche durchgeführt hat. Die Bremer Energieexperten haben dafür detailliert untersucht, wie weit die 16 deutschen Bundesländer mit dem grünen Umbau sind. Dabei hat trend:research elf Schlüsselgrößen analysiert: darunter den Zubau an Ökostrom, den Leitungsbau, die Energieeffizienz sowie den Aufbau eines modernen, CO2-armen fossilen Kraftwerksparks als Ergänzung zu den Erneuerbaren.

Überraschende Platzierungen

Das Ergebnis ist eine Überraschung: Mit Baden-Württemberg auf dem ersten und Bayern auf dem dritten Rang liegen zwei Länder vorn, die lange auf die Kernenergie gesetzt haben und auch heute noch den meisten Atomstrom in Deutschland produzieren. Den zweiten Platz erobert Mecklenburg-Vorpommern. Der Blick auf die Leistungsfähigkeit der Länder ist deshalb so wichtig, weil ihnen bei der Umsetzung der Energiewende eine Schlüsselrolle zufällt. Davon ist Eicke Weber überzeugt, Chef der Fraunhofer-Allianz Energie. „Die Länder sind die eigentlichen Kraftzentren.“ Zwar setzt der Bund wesentliche Rahmenbedingungen, etwa mit dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG). Doch wo neue Kraftwerke entstehen und auf welcher Route Stromkabel verlegt werden dürfen, darüber reden ganz entscheidend die Länder mit. Sie können die Energiewende über kurze Genehmigungsverfahren und einen geschickten Dialog mit den Bürgern beschleunigen – oder bremsen. Doch dieser Verantwortung sind sich längst nicht alle bewusst. Trend:research-Chef Dirk Briese kritisiert: „Die Energiewende ist weit mehr als der Ausbau grüner Stromquellen.“

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%