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Energiewende "Wir brauchen einen Energieminister"

Sven Becker, der Chef von Europas größtem Stadtwerke-Verbund Trianel, fordert einen Masterplan für die Energiewende und kritisiert den unkontrollierten Zubau der erneuerbaren Energien.

Sven Becker, Chef des Stahlwerke-Verbund Trianel, im Interview mit der WirtschaftsWoche. Quelle: Pressebild

WirtschaftsWoche: Herr Becker, ob Stromnetze, Meeres-Windparks oder Gaskraftwerke – überall stockt der Ausbau. Ist die Energiewende noch zu retten?

Becker: Sicher ist die Energiewende noch zu retten, aber nur, wenn der Ankündigung jetzt endlich Taten folgen.

Was muss vordringlich geschehen?

Bisher hat die Bundesregierung vornehmlich Ziele gesetzt. Dagegen fehlt bis heute ein Masterplan, der zeigt, wie der Umstieg funktionieren soll. Aber erst wenn ein Masterplan gesicherte Rahmenbedingungen vorgibt, werden Investoren im notwendigen Ausmaß in Netze, Speicher und Kraftwerke investieren.

Wo der Staat die Stromerzeugung wie bei der Fotovoltaik üppig fördert, kommt der Ausbau viel schneller voran als erwartet.

Das genau ist eines der vielen Probleme. Dieser Zubau bei den Erneuerbaren geschieht völlig unkoordiniert und kostenineffizient. Rechnet man die Ausbauziele aller Bundesländer zusammen, steigen die Erzeugungskapazitäten allein der Windkraft bis 2022 auf 100 Gigawatt. Das ist in etwa so viel, wie heute die fossilen Kraftwerke einschließlich der verbliebenen Kernkraftwerke leisten.

Das bestätigt doch nur das enorme Potenzial der erneuerbaren Energien.

Ja, durchaus. Wenn aber die gesamte Energieinfrastruktur im Bereich der Netze und flexibler Kraftwerke, die die hohe Volatilität der Einspeisung auffangen müssen, nicht in gleichem Tempo angepasst wird, drohen gefährliche Verwerfungen.

Die 20 wichtigsten Antworten zur Energiewende
Woher kommt in zehn Jahren unser Strom?Fest steht bisher vor allem, welche Energie im Jahr 2022 nicht mehr zur Verfügung steht: die Atomenergie. Die Meiler werden bis dahin abgeschaltet und danach demontiert. Erneuerbare Energien sollen bis 2022 für mindestens 35 Prozent des Stroms sorgen, der aus unseren Steckdosen kommt: Solarstrom, Windenergie, Biomasse, Geothermie und Wasserkraft müssen dafür ausgebaut werden. Im vergangenen Jahr steuerten sie erst 20 Prozent bei. Damit verändert sich nicht nur die Zusammensetzung des Stroms, sondern auch die Landschaft der Energieerzeuger: In zehn Jahren werden nicht mehr Großkraftwerke die meiste Energie erzeugen, sondern Hunderttausende Landwirte, Gewerbetreibende oder Privatleute – unter anderem mit Windrädern, Solardächern und Keller-Kraftwerken. Komplett grün wird die Energie aber nicht: Ohne Gas und Kohle geht es auch im Jahr 2022 nicht. Sie werden dann 48 Prozent statt heute 58 Prozent des Strombedarfs erzeugen. Quelle: dpa
Energiekonzerne News: Aktuelle Meldungen rund um die Energiewende Quelle: dpa
Welche Energieversorger profitieren von grünem Strom?Vor allem die vielen Stadtwerke hoffen darauf, dass sie den großen vier Versorgern Marktanteile abjagen können. Zurzeit liegt ihr Anteil an der Stromerzeugung bei etwa zehn Prozent – in den nächsten Jahren wollen sie ihn verdoppeln. Um das zu erreichen, wollen sie in erneuerbare Energien und in neue fossile Kraftwerke investieren. Quelle: dpa
Und wer zahlt für all das?Am Ende immer die Verbraucher – und zwar vor allem die Privatkunden. Der Ausbau der regenerativen Energien wird über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) finanziert. Die meisten Stromanbieter führen derzeit je Kilowattstunde Strom rund 3,6 Cent Ökoaufschlag ab. Dieses Geld fließt an die Betreiber von Windrädern, Wasserkraftwerken, Photovoltaikanlagen, Biomasse- oder Geothermiekraftwerken. Ein durchschnittlicher Privathaushalt, der im Jahr 3500 Kilowattstunden Strom verbraucht, zahlt auf diese Art 126 Euro jährlich für die grüne Energie. Für die Industrie gelten Ausnahmen. Sie verbraucht zwar gut die Hälfte des Stroms in Deutschland, schultert aber weniger als die Hälfte der EEG-Kosten. Kosten entstehen nicht nur für den Bau von Windrädern & Co. Auch die Stromnetze müssen ausgebaut werden. Das finanzieren Privatverbraucher und Konzerne über die staatlich regulierten Netzentgelte. Das erhöht den Preis für die Kilowattstunde Strom um 5,75 Cent. Hier steuern Privatkunden ebenfalls mehr bei als die Industrie Quelle: dpa
Was machen die Betreiber mit den alten Atommeilern?Fest steht bisher vor allem, welche Energie im Jahr 2022 nicht mehr zur Verfügung steht: die Atomenergie. Die Meiler werden bis dahin abgeschaltet und danach demontiert. Erneuerbare Energien sollen bis 2022 für mindestens 35 Prozent des Stroms sorgen, der aus unseren Steckdosen kommt: Solarstrom, Windenergie, Biomasse, Geothermie und Wasserkraft müssen dafür ausgebaut werden. Im vergangenen Jahr steuerten sie erst 20 Prozent bei. Damit verändert sich nicht nur die Zusammensetzung des Stroms, sondern auch die Landschaft der Energieerzeuger: In zehn Jahren werden nicht mehr Großkraftwerke die meiste Energie erzeugen, sondern Hunderttausende Landwirte, Gewerbetreibende oder Privatleute – unter anderem mit Windrädern, Solardächern und Keller-Kraftwerken. Komplett grün wird die Energie aber nicht: Ohne Gas und Kohle geht es auch im Jahr 2022 nicht. Sie werden dann 48 Prozent statt heute 58 Prozent des Strombedarfs erzeugen. Quelle: dapd
Ist die Energiewende unumkehrbar?Aufschiebbar ist sie vielleicht, umkehrbar aber nicht mehr. Eon klagt zwar gegen den Ausstieg, RWE wird folgen, und Vattenfall plant, ein internationales Schiedsgericht anzurufen. Damit wollen die Großen aber nicht die Entscheidung kippen. Auch sie wissen, dass das Thema Atom hierzulande gesellschaftlich erledigt ist. Ihnen geht es um Schadensersatz. Theoretisch könnte jede Bundesregierung den Abschaltbefehl zurücknehmen. Noch laufen neun Kernkraftwerke, deren Laufzeit verlängert werden könnte. Wenn der Ausbau der grünen Energie nicht schnell gelingt, ist eine weitere Fristverlängerung denkbar. Quelle: dapd
Kann ein Land sich komplett mit Ökostrom versorgen?Wind- und Solaranlagen haben einen großen Nachteil: Die Ausbeute hängt von der Witterung ab. Bläst der Wind und scheint die Sonne, können die Windräder und Solardächer schon heute einen Großteil des deutschen Strombedarfs decken. Bei Flaute, Sturm oder starker Bewölkung sinkt ihr Ertrag aber unmittelbar. Mittags, wenn die Sonne scheint, erzeugen Solaranlagen schon fast zu viel Strom, abends wird es dagegen, vor allem im Winter, eher eng. Bei der Windkraft ist das im Prinzip ähnlich. Alle deutschen Windkraftanlagen zusammen können maximal 28000 Megawatt liefern. Am 4. Februar 2011 zum Beispiel wehte der Wind, und tatsächlich wurden an diesem Tag fast 23000 Megawatt erreicht. Das entspricht dann der Leistung von 20 bis 25 großen Kraftwerken. Am 5. Juli herrschte hingegen Flaute, und der gesamte deutsche Windkraftpark lieferte nur noch etwa 90 Megawatt elektrische Leistung. Das reicht nicht einmal für eine Großstadt. Solche Schwankungen sind nicht nur schlecht für die Verbraucher, die rund um die Uhr Strom haben wollen, sondern auch für die Netzbetreiber: Deren Leitungen funktionieren nur bei stabiler Spannung im Netz. Quelle: Reuters

Stromausfälle und ausufernde Kosten?

So viel vorweg: Ich bin klar für den Ausbau der Erneuerbaren. Er sollte aber immer in dem energiepolitischen Dreieck Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit stattfinden. Solange wir keine Speicher und ausgebaute Netze haben, ist es volkswirtschaftlicher Unsinn, das gewaltige Tempo beim Ausbau der Erneuerbaren um jeden Preis einzuhalten. Im Ergebnis exportieren wir dann in Zeiten hoher Einspeisung von Erneuerbaren hoch subventionierten Grünstrom zu Schleuderpreisen ins Ausland. So ging im Februar Fotovoltaikstrom für 60 bis 70 Euro die Megawattstunde nach Frankreich, dessen Produktion hier entsprechend den Sätzen des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes, des EEGs, mit 250 bis 300 Euro vergütet wurde.

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