Energiewirtschaft Wir müssen uns aus der Energie-Krise herausmanagen!

Die Energiedebatte hat Züge einer dystopischen Prophezeiung angenommen. Quelle: imago images

Deutschland steckt inmitten einer Energie-Krise. Dabei ist der Ukraine-Krieg nicht die alleinige Ursache – und die Lösung liegt greifbar nahe. Ein Gastbeitrag.

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Die Energiedebatte über Versorgungsengpässe und Preisexplosionen hat längst Züge einer dystopischen Prophezeiung angenommen. Je nach politischem Standpunkt des Propheten drohen im Winter kalte Wohnungen für Millionen Bürger, das Risiko von Stromausfällen und der Zusammenbruch ganzer Wirtschaftszweige – kurz: eine allumfassende Energie-Krise.

Bei aller berechtigten Sorge wird dabei übersehen, dass die unmittelbaren und mittelbaren Folgen des Ukraine-Krieges mitnichten die alleinige Ursache, ja, nicht einmal Hauptursache des Problems sind. Verdrängt wird zudem, dass praktisch alle Instrumente zur Lösung der Krise vorhanden und, soweit es sich um technologische Entwicklungen handelt, marktreif und verfügbar sind.

Im Kern geht es um zwei Fragen: Die kostengünstige Gewinnung von Energie beziehungsweise den Einkauf von Energieträgern sowie – mindestens genauso wichtig – das richtige Management von Energieflüssen, also die richtige räumliche wie zeitliche Bereitstellung von Wärme und Strom. Zur Erinnerung: Rund 50 Prozent der in Deutschland benötigten Energie wird als Wärme verbraucht, die andere Hälfte entfällt etwa zu gleichen Teilen auf Elektrizität sowie den Verkehr, also Benzin, Diesel oder Kerosin.
Die hitzige Debatte vor Olaf Scholz' Machtwort, ob zwei der drei noch laufenden Kernkraftwerke im kommenden Jahr ein paar Monate länger laufen, war vor diesem Hintergrund in etwa so relevant wie der Umstand, dass wir einerseits kritisieren, wenn aus der Pipeline Nord Stream I weniger oder gar kein Gas mehr aus Russland kommt, aber eher frieren würden, als Gas aus der parallelen Röhre Nord Stream II vom gleichen Absender zu beziehen.

Die drohende Krise ist in weiten Teilen hausgemacht

Über viele Jahre haben sich Politik und Energiewirtschaft einer trügerischen Sicherheit hingegeben: Öl und Gas waren praktisch beliebig verfügbar, die Preise zwar Schwankungen unterworfen aber im kalkulierbaren Rahmen. Sogar der Ausbau Erneuerbarer Energie ging voran. Drei Fragen wurden allerdings sträflich vernachlässigt: Wie schaffen wir den vor allem in Norddeutschland generierten Windstrom nach Süddeutschland? Wo und wie schaffen wir effiziente Energiespeicher für Strom und Wärme? Und: Wie organisieren wir mit möglichst hohen Wirkungsgraden den Transfer von Strom in Wärme („Power to heat“?) und die Nutzung von Abwärme.

Es fehlte einfach der ökonomische Leidensdruck, der die Verantwortlichen dazu gezwungen hätte, den Ausbau der Nord-Süd-Stromtrassen zu beschleunigen und das Thema Energiespeicher auf die Agenda zu setzen. Mahnende Stimme gab es zwar – aber sie drangen nicht durch. Die Kollision der aktuellen Krise mit einer dafür nicht vorbereiteten Infrastruktur führte zu der heutigen Situation. Der europäische Dachverband der Elektrizitätsindustrie hat errechnet: Zwischen Januar 2021 und August 2022 stiegen die Strompreise am deutschen Großhandelsmarkt um 532 Prozent. Mit einer maximal ausgebauten Speicher-Infrastruktur, die die Schwankungen abfedert, wären es dieser Berechnung zufolge nur rund 120 Prozent gewesen...

Die Lösung

Es gibt, wie in so ziemlich jeder Krise, auch in der Energiefrage Lichtblicke: So ist trotz des russischen Lieferembargos der per 1. Oktober gesetzlich festgeschriebene Füllstand der deutschen Gasspeicher von 85 Prozent bereits heute mehr als erreicht. Er liegt derzeit bei 88 Prozent.

Und zum zweiten nimmt die Diskussion über einen raschen Ausbau der Speicher-Infrastruktur ebenso Fahrt auf wie die Debatte um die Preisfindung an den Strommärkten. Dass die mit Abstand kostspieligste Form der Stromerzeugung, die Verstromung von Gas, den Handelspreis vorgibt, ist einfach unsinnig und verteuert die elektrische Energie ohne Not – zumal der Strom aus erneuerbaren Energien, der bereits einen Anteil von fast 45 Prozent am deutschen Markt ausmacht, in der Erzeugung weniger als ein Zehntel kostet.

Mittelfristig besteht der einzig sinnvolle Weg in einer Kombination aus Effizienzsteigerung, erneuerbarer Energieerzeugung, Energiespeicherung und Abwärmenutzung. Die praktische Lösung dafür liegt schon seit langem auf dem Tisch: Thermische Energiespeicher, die dazu beitragen, den wachsenden Anteil erneuerbarer Energien in die Wärmeversorgung zu integrieren. Sie liefern zudem Prozesswärme und machen Abwärme nutzbar.

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Ein Beispiel: In Betriebsmodi wie Power-to-Heat wird Strom aus erneuerbaren Energien eingespeichert und dem Wärme- oder Stromsektor zeitversetzt und bedarfsgerecht wieder zugeführt. Beim Unterschreiten eines vorher festgelegten Strompreises an der Börse lädt der Speicher. Bei Überschreiten dieses Preises hört er auf zu laden und gibt seine Energie wieder ab. Das System funktioniert auf praktisch allen Ebenen – von Industrie- und Kraftwerksstandorten bis zum Einfamilienhaus.

Es wird immer deutlicher, dass die derzeitige Krisensituation weniger ein technisches, denn ein regulatorisches Problem ist. Es gibt heute eine Vielzahl von marktreifen thermischen wie auch anderen Speichern, die sofort gebaut und kostengünstig zur Versorgungssicherheit und zu den Klimazielen beitragen können. Was fehlt, ist der regulatorische Rahmen, der den Übergang aus der fossilen in die dekarbonisierte Energiewelt ebnet.



Das zurzeit diskutierte Strommarktdesign bietet zudem die große Gelegenheit, die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, die auf ein atmendes, erneuerbares, dezentrales, digitales Energiesystem ausgerichtet sind. Die derzeit hohen Energiepreise zwingen uns, Energie so effizient wie möglich zu managen. Speichertechnologien ermöglichen es, marktpreisorientiert das Stromangebot und die Nachfrage aufeinander abzustimmen.

Das Fazit

So wichtig ein effizientes Energiemanagement für die mittel- und langfristige Sicherstellung des Bedarfes auch ist: In der aktuellen Situation wird es ohne staatliche Hilfen für energieintensive Unternehmen und – innerhalb bestimmter Einkommensgrenzen –Privathaushalte nicht gehen. Auch wenn der beschriebene Weg in die intelligente Energiewirtschaft rasch positive Wirkung zeigen wird – dem Bäckereibetrieb, für den es angesichts explodierender Strompreise um die nackte wirtschaftliche Existenz geht, hilft das nicht aus seiner aktuellen Notlage.

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Hier sollte der Staat finanziell belastbare Brücken bauen, notfalls mit dem Geld der Steuerzahler und weiterer Instrumente, die für die Refinanzierung herangezogen werden können. Parallel dazu muss konsequent der Weg hin zu einer modernen Energiewirtschaft beschritten werden, die Gewinnung, Speicherung und Verteilung in ein intelligentes Gesamtsystem integriert und damit den derzeit extremen Schwankungen von Verfügbarkeiten und Preisen entgegenwirkt.

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