WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Entwicklungs-Triebkräfte "Im Dorf geht’s schneller"

Seite 2/2

Bewertungsjury des Wettbewerbes

Die Bewertungskommission hat dreißig Dörfer bewertet, von Schenefeld in Schleswig-Holstein bis Niederaudorf in Bayern. Stellen Sie große Unterschiede zwischen den Ländern fest?

Unterschiedlich ist sicher das Verständnis von Kommunalpolitik. In Hessen oder NRW spielen die Parteien eine größere Rolle, die Gemeinderäte verstehen sich als Parlamente. In Bayern und Baden-Württemberg, wo Gemeinderäte und Bürgermeister seit 1949 direkt gewählt werden, ist das anders. Da begreifen sich die kommunalen Entscheidungsträger zu Recht als Vorstände von Unternehmen.

Sie treten als Hierarchen auf?

Im Gegenteil, in unserer Gemeinde Weyarn, die 3500 Einwohner groß ist, geht nichts ohne Bürgerbeteiligung. So haben wir es in der Gemeindesatzung festgeschrieben. Die Gemeinde gibt den Bürgern die Möglichkeit, sich auf allen kommunalen Handlungsfeldern, von der Planung bis zur Mittelvergabe, einzubringen. Das führt nach meiner Erfahrung dazu, dass ungeheure Kompetenzen frei gesetzt werden. Wenn sie den Menschen die geeigneten Plattformen geben, wo sie ihre Fähigkeiten zur Entfaltung bringen können, gewinnt eine Gemeinde unendlich viel an Kraft und Gestaltungsmöglichkeiten. Das ist, als machte man eine Schleuse auf: Plötzlich finden sich mitten auf dem Land zwanzig hochqualifizierte Ingenieure mit dem ehrgeizigen Ziel, den Energiebedarf der Gemeinde von 2020 an mit regenerierbaren Energien zu decken.

Das Dorf bietet mehr Partizipationschancen als die Stadt?

Ja, weil es im überschaubaren Rahmen beides zur Verfügung stellen kann: die nötigen Ressourcen und die Fähigkeit, Projekte gemeinsam umzusetzen. Im Dorf geht’s schneller als in der Stadt. Schon wegen der viel geringeren Verwaltungshindernisse. In den Städten würde das auch funktionieren, wenn sie bereit wären, Macht und Ressourcen gleichermaßen zu dezentralisieren. Dazu sind die Städte aber nicht bereit. Subsidiarität gilt de facto als leeres Wort. Dabei werden wir wegen der Finanznot der Gemeinden in Zukunft immer mehr Aufgaben in die Hand der Bürger zurückgeben müssen.

Trotz ihrer Skepsis gegenüber Prognosen: Wie werden sich die deutschen Dörfer in den kommenden zehn, zwanzig Jahren entwickeln?

Ich bin, was die Zukunft des Dorflebens betrifft, zuversichtlicher denn je. Mein Menschenbild ist durch den Wettbewerb optimistischer geworden. Ich treffe auf diesen Rundreisen immer mehr Menschen, die bereit sind ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Früher waren es die Gemeinderäte und Bürgermeister, die die Politik ihrer Dörfer gestalteten, heute sind es fünfzig oder hundert Bürger, die Dorfpolitik machen – immer vorausgesetzt, die politisch Verantwortlichen nehmen ihre Machohaltung zurück und geben den Menschen den größtmöglichen Freiraum.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%