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Entwicklungs-Triebkräfte "Im Dorf geht’s schneller"

Michael Pelzer, Bürgermeister von Weyarn in Oberbayern, über Phantasie und Bürgerbeteiligung als Triebkräfte der Dorfentwicklung.

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Bürgermeister Pelzer Quelle: Arne Weychardt für WirtschaftsWoche

wiwo.de: Viele Dörfer verlieren dramatisch an Einwohnern, mancherorts gleichen sie Geistersiedlungen oder sind schon von der Landkarte verschwunden – ist der Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ eine Veranstaltung zum Schutz einer bedrohten Lebensform?

Pelzer: Es gibt Gegenden in Deutschland, wo auch unser Wettbewerb nicht mehr viel ausrichten könnte. Zum Beispiel, um nur Bayern zu nehmen, die Region an der oberfränkisch-tschechischen Grenze. In Nordhalben, einem Ort, der einmal 7000 Einwohner hatte, sind es heute nur noch 3500. Das sind Entwicklungen, die aus eigenen Kräften kaum noch korrigiert werden können. Und trotzdem erleben wir immer wieder Dörfer, die es dann doch schaffen. Das ist es, woran wir mit dem Wettbewerb appellieren: Den eigenen Weg zu suchen.

Gibt es dafür brauchbare Rezepte?

Nein, schlichte Nachahmung hilft jedenfalls nicht weiter. Unser Problem ist, dass Kommunalpolitik zu wenig professionell betrieben wird. Damit meine ich keine Verwaltungsprofessionalität, sondern Phantasieprofessionalität.  Und die Fähigkeit, die Bürger mit auf den Weg zu nehmen. Es mangelt in unseren Dörfern und Gemeinden an angstfreien Führungskräften, an Bürgermeistern und Gemeinderäten, die nicht an ihrem Sessel kleben, sondern etwas bewegen wollen.

Sie meinen Leute, die unabhängig sind?

Man muss als Bürgermeister die Gewissheit haben, jederzeit wieder in den Beruf zurückkehren zu können. Die beamtenmäßige Ausstattung der Bürgermeister fördert nicht gerade ihre Beweglichkeit. Dabei würde ein Sechs-Jahresvertrag mit einem ordentlichen Gehalt völlig reichen.

Sie sind seit 2001 Vorsitzender der Bewertungskommission des Wettbewerbs. Wie haben sich seither die Dörfer verändert?

Ich stelle fest, dass viele Dörfer den Wettbewerb, seine Intentionen und Vorgehensweisen, sozusagen zu ihrem politischen Programm gemacht haben: Sie nehmen eine Bestandsaufnahme vor, formulieren Ziele und versuchen die Bürger an der Umsetzung dieser Ziele zu beteiligen. Das hilft einem Bürgermeister, auch wenn er nicht übermäßig  mit Phantasie gesegnet ist.  Entscheidend ist, dass die Dörfer professionelle Hilfe annehmen. Wer beratungsresistent ist, kommt über einen bestimmten Level nie hinaus.

Es gibt massive regionale Unterschiede im ländlichen Raum. Was für Folgen hat das für die Dorfentwicklung?

Unter anderem, dass man keine sicheren Prognosen mehr geben kann. Die Dörfer in der Nähe von Metropolen haben ganz andere Probleme als die in peripheren Regionen. Sie müssen aufpassen, dass sie nicht dem Suburbanisationssog erliegen und sich so als Dorf abschaffen. In stadtfernen Gegenden sieht es wieder anders aus. Da kommt es oft auf interkommunale Kooperationen an. In Mecklenburg-Vorpommern etwa gibt es das Dorf Banzkow. Da haben vier Weiler unter dem Motto „Wir vier sind uns grün“ eine enge Zusammenarbeit beschlossen, wie sie in anderen Ländern, zum Beispiel in Frankreich, längst üblich ist.

Bewertungsjury des Wettbewerbes

Die Bewertungskommission hat dreißig Dörfer bewertet, von Schenefeld in Schleswig-Holstein bis Niederaudorf in Bayern. Stellen Sie große Unterschiede zwischen den Ländern fest?

Unterschiedlich ist sicher das Verständnis von Kommunalpolitik. In Hessen oder NRW spielen die Parteien eine größere Rolle, die Gemeinderäte verstehen sich als Parlamente. In Bayern und Baden-Württemberg, wo Gemeinderäte und Bürgermeister seit 1949 direkt gewählt werden, ist das anders. Da begreifen sich die kommunalen Entscheidungsträger zu Recht als Vorstände von Unternehmen.

Sie treten als Hierarchen auf?

Im Gegenteil, in unserer Gemeinde Weyarn, die 3500 Einwohner groß ist, geht nichts ohne Bürgerbeteiligung. So haben wir es in der Gemeindesatzung festgeschrieben. Die Gemeinde gibt den Bürgern die Möglichkeit, sich auf allen kommunalen Handlungsfeldern, von der Planung bis zur Mittelvergabe, einzubringen. Das führt nach meiner Erfahrung dazu, dass ungeheure Kompetenzen frei gesetzt werden. Wenn sie den Menschen die geeigneten Plattformen geben, wo sie ihre Fähigkeiten zur Entfaltung bringen können, gewinnt eine Gemeinde unendlich viel an Kraft und Gestaltungsmöglichkeiten. Das ist, als machte man eine Schleuse auf: Plötzlich finden sich mitten auf dem Land zwanzig hochqualifizierte Ingenieure mit dem ehrgeizigen Ziel, den Energiebedarf der Gemeinde von 2020 an mit regenerierbaren Energien zu decken.

Das Dorf bietet mehr Partizipationschancen als die Stadt?

Ja, weil es im überschaubaren Rahmen beides zur Verfügung stellen kann: die nötigen Ressourcen und die Fähigkeit, Projekte gemeinsam umzusetzen. Im Dorf geht’s schneller als in der Stadt. Schon wegen der viel geringeren Verwaltungshindernisse. In den Städten würde das auch funktionieren, wenn sie bereit wären, Macht und Ressourcen gleichermaßen zu dezentralisieren. Dazu sind die Städte aber nicht bereit. Subsidiarität gilt de facto als leeres Wort. Dabei werden wir wegen der Finanznot der Gemeinden in Zukunft immer mehr Aufgaben in die Hand der Bürger zurückgeben müssen.

Trotz ihrer Skepsis gegenüber Prognosen: Wie werden sich die deutschen Dörfer in den kommenden zehn, zwanzig Jahren entwickeln?

Ich bin, was die Zukunft des Dorflebens betrifft, zuversichtlicher denn je. Mein Menschenbild ist durch den Wettbewerb optimistischer geworden. Ich treffe auf diesen Rundreisen immer mehr Menschen, die bereit sind ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Früher waren es die Gemeinderäte und Bürgermeister, die die Politik ihrer Dörfer gestalteten, heute sind es fünfzig oder hundert Bürger, die Dorfpolitik machen – immer vorausgesetzt, die politisch Verantwortlichen nehmen ihre Machohaltung zurück und geben den Menschen den größtmöglichen Freiraum.

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