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Erneuerbare Energien Mehr Markt für den Ökostrom

Wer Sonnenkollektoren oder ein Windrad betreibt, muss sich bisher um Angebot und Nachfrage nicht scheren – sein Gewinn ist garantiert. Der Wirtschaftsrat der CDU will mit einem völlig neuen Ansatz mehr ökonomische Effizienz ins System bringen.

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Die Debatte um die zukünftige Förderung erneuerbarer Energien kommt in Bewegung. Die CDU will mit einem neuen Ansatz mehr ökonomische Effizienz ins System bringen. Quelle: dapd

In die Debatte um die zukünftige Förderung der Erneuerbaren Energien kommt Bewegung. Nachdem Bundesumweltminister Peter Altmaier Anfang der Woche seinen Vorschlag unterbreitet hatte, die Einspeisevergütung für Strom aus Sonne, Wind und Co. kräftig zu stutzen, kommt nun der Wirtschaftsrat der CDU mit einer weiter gehenden Idee. Bislang sind die Erneuerbaren doppelt geschützt – sie müssen durch den Einspeisevorrang immer abgenommen werden und haben einen garantierten Preis, der teilweise noch deutlich über ihren Kosten liegt. Mit einem so genannten Marktintegrationsmodell sollen die Öko-Energien schrittweise immer weiter marktwirtschaftlichen Prozessen unterworfen werden. "Mehr denn je müssen wir die Energiewende in Deutschland mit geringstmöglichen volkswirtschaftlichen Kosten umsetzen", fordert Kurt Lauk, Präsident des Wirtschaftsrates. Das Ziel: Nicht die Erneuerbaren mit der höchsten Förderung sollen sich durchsetzen, sondern die sauberen Quellen mit den geringsten Kosten. "Es geht um die wettbewerbsfähigste und umweltfreundlichste Energieversorgung."

Was die Regierung erreicht hat
Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) und Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) stellten den ersten Monitoringbericht zur Umsetzung des Milliardenprojekts vor. Quelle: dpa
Klimaschutz Quelle: dpa
Erneuerbare Energien Quelle: dapd
Gebäude Quelle: dpa
Effizienz Quelle: dpa
Verkehr Quelle: dpa
Kosten Quelle: AP

Kern des Modells ist, dass nicht mehr eine für jeden Energieträger unterschiedlich hohe, garantierte Vergütung gezahlt wird, sondern dass auch die Produktion aus Erneuerbaren auf Marktsignale - sprich: Preise - reagiert. Außerdem soll die Einspeisung stärker danach erfolgen, wie es das Netz und der Verbrauch erfordern. Denn heute bekommen die Erzeuger auch dann volles Geld, wenn die Kraft gar nicht gebraucht wird und der teuer erzeugte Ökostrom anschließend ins Ausland verschenkt werden muss, weil sich hierzulande kein Abnehmer findet. Zudem soll der Anspruch der Anlagenbesitzer entfallen, sich den Ausfall ersetzen zu lassen, wenn aus technischen Gründen der Strom nicht abgenommen werden kann. Dadurch müssten künftig die Investoren stärker darauf achten, wo sie die Solarzellen oder die Windräder aufstellen, ob dort also genügend Verbraucher sitzen oder zumindest ausreichend dimensionierte Leitungen anliegen, um ihren Strom abzutransportieren.

"Es geht erstmal um die Strompreissicherung"

Kuriose Folgen der Energiewende
Schwierige Löschung von Windrad-BrändenDie schmalen, hohen Windmasten sind bei einem Brand kaum zu löschen. Deshalb lassen Feuerwehrleute sie meist kontrolliert ausbrennen – wie im April in Neukirchen bei Heiligenhafen (Schleswig-Holstein). Quelle: dpa
Tiefflughöhe steigtDie Bundeswehr hat die Höhe bei nächtlichen Tiefflügen angepasst. Wegen Windradmasten kann die Tiefflughöhe bei Bedarf um 100 Meter angehoben werden. Der Bundesverband Windenergie (BWE) begrüßt, dass dadurch Bauhöhen von bis zu 220 Meter realisiert werden können. Die Höhe des derzeit höchsten Windradtyps liegt bei etwa 200 Metern. Quelle: dpa
Dieselverbrauch durch WindräderViele neue Windkraftanlagen entstehen – ohne ans Netz angeschlossen zu sein. Solange der Netzausbau hinterherhinkt, erzeugen die Windräder keine Energie, sondern verbrauchen welche. Um die sensible Technik am Laufen zu halten, müssen Windräder bis zu ihrem Netzanschluss mit Diesel betrieben werden. Das plant etwa RWE bei seinem im noch im Bau befindlichen Offshore-Windpark „Nordsee Ost“. Quelle: AP
Stromschläge für FeuerwehrleuteSolarzellen lassen sich meist nicht komplett ausschalten. Solange Licht auf sie fällt, produzieren sie auch Strom. Bei einem Brand droht Feuerwehrleuten ein Stromschlag, wenn sie ihren Wasserstrahl auf beschädigte Solarzellen oder Kabel halten. Diese Gefahr droht nicht, wenn die Feuerwehrleute aus sicherer Entfernung den Wasserstrahl auf ein Haus richten – aber, wenn sie dabei ins Haus oder aufs Dach gehen. Stromschlagsgefahr gibt es ebenso für Feuerwehrleute, wenn sie nach einem Straßenunfall Personen aus einem beschädigten Elektroauto bergen müssen. Quelle: AP
Störende SchattenWindräder werfen Schatten – manche Anwohner sehen darin eine „unzumutbare optische Bedrängung“, wie es das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen ausdrückte. Es gab einer Klage recht, die gegen ein Windrad in Bochum gerichtet war. Im Februar wies das Bundesverwaltungsgericht die Revision des Investors ab. Das Windrad wird nun gesprengt. Quelle: dpa
Gestörte NavigationAuf hoher See wird es voll. Windparks steigern nicht nur das Kollisionsrisiko mit Schiffen. Die Rotoren stören auch das Radarsystem. Der Deutsche Nautische Verein schlägt daher vor, dass Windparks nur genehmigt werden, wenn die Betreiber auch neue Radaranlagen an den Masten installieren. Quelle: dapd
Windrad-LärmWindräder drehen sich nicht nur, dabei machen sie auch Geräusche. Je stärker der Wind, desto lauter das Windrad – und das wollen viele Bürgerinitiativen nicht hinnehmen. Ein Beschwerdeführer aus dem westfälischen Warendorf erreichte im September 2011 vorm Verwaltungsgericht Münster zumindest, dass eine Windkraftanlage nachts zwischen 22 und 6 Uhr abgeschaltet wird. Quelle: dpa

Vor allem aber sollen die erneuerbaren Energien nach dem Modell des Wirtschaftsrates einen Beitrag dazu leisten, das Stromnetz insgesamt stabil zu halten. Denn bisher ist die stark schwankende Einspeisung – je nachdem, ob gerade die Sonne scheint oder der Wind weht – nicht nur ein Problem für das Angebot an Energie, sondern auch für die Leitungen. Ein plötzlicher Leistungsabfall könnte zum Zusammenbruch der Netze führen, weshalb die Netzbetreiber stets zusätzliche Kraftwerkskapazität mit herkömmlicher Erzeugung im Hintergrund bereithalten. Diese so genannten Schattenkraftwerke zahlen sie bisher allein. Das Modell des Wirtschaftsrates sieht hier einen radikalen Wandel vor: Künftig soll jedes Energieversorgungsunternehmen selbst diese konventionelle Leistung bereitstellen, wenn es Strom aus Erneuerbaren einkauft, um ihn an die Endkunden weiterzuliefern. Woher es die stabilisierende Leistung bezieht – ob aus eigenen oder fremden Kraftwerken, dem Ausland oder einem Speicher- bleibt jedem EVU selbst überlassen. Der doppelte Effekt: "Dann hat auch der Erneuerbare Strom einen realistischen Preis", sagt Johannes Lambertz, Vorstandsvorsitzender der RWE Power AG und Chef der Energiekommission des Wirtschaftsrates. Und die Anbieter der herkömmlichen Leistung bekommen eine regelmäßige Vergütung dafür, dass sie ihre Kraftwerke bereithalten.

Deutschland



Verhaltene Zustimmung gab es dafür vom Umweltminister. Ihn freue, dass "mit dem Wirtschaftsrat der erste große Akteur mit eigenen Vorstellungen an die Öffentlichkeit tritt", sagte Altmaier am Rande der elften Klausurtagung zur Energie- und Umweltpolitik des Wirtschaftsrates. Er wünsche sich für die nächsten Monate einen "inhaltlichen Wettbewerb der Ideen". Manches aus dem Konzept des Wirtschaftsrates sei ihm sympathisch, decke sich gar mit seinen eigenen Ideen. Nur den Einspeisevorrang wolle er "nicht zur Disposition stellen". Denn es gäbe schon genug Veränderungen. Seine Sorge: Ein Kahlschlag könne die Bereitschaft der vielen Beteiligten vor allem bei der Opposition und der Ökoenergie-Lobby vollends ruinieren, über eine Reform des EEG zu verhandeln. Und er kündigte an, eigene Vorschläge zu präsentieren, um die Integration der Erneuerbaren in den Markt voranzutreiben. Das aber sei der zweite Schritt. "Jetzt", bremste Altmaier die Zuversicht des Wirtschaftsrats, "geht es erstmal um die Strompreissicherung".

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