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Erster Green Dialogue Sinn und Unsinn von Gebäudedämmung

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Energieerzeugung, Klimaziele, Mietpreise

An dieser Stelle, als die politische Diskussion die Gemüter erhitzte, meldete sich eine Stimme der Wissenschaft zu Wort. Reinhard Hüttl ist Inhaber des Lehrstuhls für Bodenschutz und Rekultivierung an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus. Er erinnerte an das ursprüngliche Ziel der Energieeinsparungen. „Wir müssen uns fragen: Was wollen wir eigentlich? CO2 einsparen? Dann müssten wir keine Energie kostenintensiv einsparen, wenn die Energie regenerativ erzeugt wurde. Fragen von Energieeffizienz sind stark ortsgebunden und von der Art des Energieträgers abhängig.“

Nach Gesprächen um Energieerzeugung, Klimazielen und Mietpreisen erdete Hans-Lothar Schäfer, Vorsitzender der Geschäftsführung von Techem, die Diskussion mit Erfahrungen aus der Praxis. „Wir werten seit 20 Jahren die Energieeffizienzwerte aus, und stellten fest, dass seit 2007 die Energieeinsparungen trotz vieler Investitionen stagnieren.“

Gründe dafür gebe es viele. Nachteiliges Nutzerverhalten und hochwertige Bauphysik, die durch nicht entsprechende Technik kompensiert wird, könnten das Stagnieren erklären. „Ein dreifach isoliertes Fenster ist wirkungslos, wenn es offen steht.“ Überraschende Energieverbräuche sind bei der Auswertung von Daten in beide Richtungen feststellbar. „Unsanierte Gebäude verbrauchen oft nur halb soviel Energie, wie sie nach Berechnung verbrauchen sollten, während viele sanierte Gebäude doppelt so viel Energie verbrauchen wie sie eigentlich sollten.“

Hans-Lothar Schäfer von Techem nannte auch Maßnahmen, die keiner großen Investition bedürfen, jedoch ein großes Energieeinsparpotential besitzen. Hocheffiziente Pumpen und intelligente Regelungen können beispielsweise zu großen Energieeinsparungen führen. Auch der hydraulische Abgleich bietet ein großes Potential. Dabei wird jeder Heizkörper auf einen bestimmten Durchfluss des warmen Wassers eingestellt. Bei einer bestimmten Vorlauftemperatur des Heizwasser versorgt die Heizungsanlage dann jeden Raum genau mit der Wärmemenge, die benötigt wird, um die gewünschte Raumtemperatur zu erreichen.

Es sind diese kleinen Stellschrauben, die zum Beispiel Wohnungsgenossenschaften bleiben, die teilweise in strukturschwachen Regionen agieren. Jens Schneider und Birgit Tiebe von der Wohnungsgenossenschaft „Neues Leben“ eG aus Oschersleben beispielsweise schätzen diese Beispiele und nutzen schon lang das Einsparpotential dieser kleinen Ideen. Bei hohen Energieverbräuchen hilft es bereits, die Zeitschaltuhr der Heizung von Sommer- auf Winterzeit umzustellen. Auch müsse manchen Mietern immer noch erklärt werden, dass Stoßlüften besonders viel Energie spare und beim Lüften auf keinen Fall die Heizung angestellt sein solle.

Es war offensichtlich, dass der Teufel der Energiesanierung im Detail steckt. Auch Einzelinteressen stehen der Umsetzung eines effektiven Rahmens für energetische Sanierungen in Deutschland im Wege. Axel Gedaschko, der Präsident des Bundesverbandes deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, schlug daher vor, in dem Bündnis für bezahlbares Wohnen, abseits von Einzelinteressen und Wahlkampf, weiter lösungsorientiert zu arbeiten.

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Es war auffällig, dass während der ganzen Diskussion der Fokus auf die Sanierung der technischen Anlagen lag. Von Dämmmaterialien und Gebäudeisolierung war kaum die Rede. Diese Art von Energieeinsparmaßnahme wurde zuletzt aus unterschiedlichen Lagern heraus kritisiert. Finanziell scheint sich die Gebäudeisolierung weniger schnell zu amortisieren, als die Überholung der Haustechnik. Zudem kritisieren Umweltschützer, dass bei den meisten Dämmmaterialien völlig offen ist, wie diese in ein paar Jahrzehnten zu entsorgen seien. Bauphysiker hingegen erklären oft, dass sich der Taupunkt nachteilig verschieben könnte und die Feuchtigkeitshaushalt negativ verändern kann.

Ob nun Mieter, Umweltschützer oder Vermieter: Es sind also oft die kleinen Maßnahmen, mit denen sich kostengünstig viel Energie einsparen lässt. Inwieweit sich die Kosten für größere Sanierungsvorhaben in Zukunft gerecht verteilen lassen, ist hingegen weiterhin offen.

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