Essay Still ruht sıe - noch

Die Zeit leidenschaftlicher Charismatiker vom Schlage eines Ferdinand Piëch geht zu Ende - in der Wirtschaft. In die deutsche Politik könnte die Leidenschaft hingegen zurückkehren, wenn Sigmar Gabriel seine Kampfansage an Angela Merkel ernst meint.

Bundeskanzlerin Angela Merkel Quelle: dpa

Amerikaner, die politische Führung zu einer Wissenschaft erhoben haben, sprechen von einem „Teflon-Präsidenten“, wenn an einem ihrer Staatsoberhäupter jeder Skandal mühelos abperlt. Charisma schützt diese so gut wie Antihaftbeschichtung. Angela Merkel ist keine Amerikanerin, sie ist auch nur eine Kanzlerin, und sie lässt bei ihren Auftritten kaum Zweifel daran, dass Charisma für sie höchstens eine Vokabel aus dem Griechisch-Unterricht ist.

Dennoch gehört die Bundeskanzlerin ohne jeden Zweifel in die exklusive Gemeinschaft der Teflon-Politiker. Der schwer fassbare Skandal, den sie an sich abperlen lässt, ist ihre politische Unfassbarkeit. Gleich, welche Pirouette Merkel auch dreht, was für programmatische Volten sie ihrer Partei, ihrem Land, ihren Bürgern zumutet, an ihrem schwindelnd hohen Ansehen ändert es nichts. Merkel ist die große Unberührbare der bundesdeutschen Politik.

Diese Politiker regieren ihr Land seit einer halben Ewigkeit
Bundeskanzlerin Angela Merkel Quelle: dpa
 Abdullah ibn Abd al-Aziz Quelle: dpa
Lee Hsien Loong: Zehn Jahre im AmtLee Hsien Loong ist als Nachfolger von Goh Chok Tong seit dem 12. August 2004 Premierminister Singapurs. Er hat den Posten von seinem Vater, Staatsgründer Lee Kuan Yew verliehen bekommen, der ebenfalls noch einen Posten in der Regierung hat. In Sachen Gehalt ist Lee Hsien Loong Spitzenreiter: 2012 erhielt er ein Jahresgehalt von umgerechnet rund 1,35 Millionen Euro. Quelle: REUTERS
Manmohan Singh: Zehn Jahre im AmtWenn im Mai 2014 ein neues Parlament gewählt wird, möchte der indische Regierungschef Manmohan Singh nicht mehr kandidieren. Der seit 2004 amtierende Premierminister kann aber schon einen Nachfolger aus dem Hut ziehen: Rahul Gandhi, ein Erbe der Nehru-Gandhi-Dynastie. Doch eine erneute Mehrheit für die Kongresspartei wird recht unwahrscheinlich sein, denn die meisten Inder bringen mit der Regierung lediglich Korruption in Verbindung. Rückblicken sieht der 81-Jährige den größten Erfolg seiner zehnjährigen Amtszeit in der Armutsbekämpfung. Quelle: AP
Recep Tayyip Erdoğan: Elf Jahre im AmtSeine politische Karriere schien auf dem Tiefpunkt, als Erdogan wegen religiöser "Aufhetzung des Volkes" ins Gefängnis musste. Doch es kam anders als gedacht: Erdogan führte die 2001 gegründete AKP wenig später an die Macht. Der Posten des Regierungschefs übernahm zu Anfang Abdullah Gül, der heute das Amt des Staatspräsidenten bekleidet. Doch ein wenig später ließ er Erdogan den Vortritt und trat als Ministerpräsident zurück: Nach einer Verfassungsänderung durch die AKP, die wegen der verhängten Haftstrafe ein Politikverbot aufhob, wurde Erdogan am 14. März 2013 zum Ministerpräsidenten ernannt. In den elf Jahren seiner Amtszeit hat er zur politischen Stabilität und einem wirtschaftlichen Aufschwung seines Landes beigetragen. Allerdings werden die Uhren gerade zurück gedreht: Kritiker warnen davor, dass Erdogan mit seiner diktatorischen Führung sein eigenes politisches Lebenswerk selbst gefährden könnte. Quelle: AP
Afghanischer Präsident Hamid Karzai Quelle: REUTERS
Jean-Claude Juncker: 18 Jahren im AmtAm 20. Januar 1995 wurde Jean-Claude Juncker als Nachfolger des Regierungschefs Jacques Santer benannt. Nach 18 Jahren als Premierminister berief Juncker im Dezember 2013 Neuwahlen ein, da im Zuge der andauernden zweifelhaften Praktiken des luxemburgischen Geheimdienstes SREL Kritik aufkam. Zwar wurde Junkers CSV mit ihm als Spitzenkandidat erneut stärkste Partei, eine Koalitionsregierung mit den Liberalen und den Grünen schien aber die bessere Lösung. Mit der Vereidigung von Xavier Bettel als Premierminister schied Junker am 4. Dezember 2013 aus der Regierung aus. Heute ist Jean-Claude Juncker Spitzenkandidat der Europäischen Konservativen für die Europawahl am 25. Mai 2014. Quelle: AP

Ihr ungewöhnliches Erfolgsgeheimnis lautet Gewöhnlichkeit. Die Bürger haben sich an ihre Kanzlerin gewöhnt wie an einen Couchtisch, man macht es sich mit ihr gemütlich, sie gehört zum Inventar der neuen Bundesrepublik so wie „Wetten, dass..?“ zur alten. Merkels Regierungsprogramm besteht aus drei Worten: „Sie kennen mich.“

Nur, dass man das gar nicht tut, weil es unmöglich wäre. Angela Merkel hat das Undefinierte der Politik definitiv und das Unkonkrete des Regierens konkret gemacht. Sie war mal für Atomkraft, Krieg und Deregulierung, dann dagegen. Im Übrigen aber, stets verlässlich: dazwischen. Von Ausreißern abgesehen, erschöpft sich ihre Führung in situativer, ideell anspruchsloser, visionsfreier, bestenfalls pragmatisch-professioneller Politik nach Vorschrift und Geschäftsordnung.

Das erschöpft uns alle. Zugleich ist diese Politik der schleichenden Entpolitisierung und mentalen Stilllegung jedoch derart effektiv, dass Merkel ihr zehntes Dienstjubiläum im Herbst dieses Jahres im Stil einer ewigen Kanzlerin begehen könnte. Oder doch nicht?

Merkels Schlafmittel

Die bislang interessanteste Wendung der BND-Affäre ist schließlich, dass Merkel auf einmal berührbar werden könnte. Der wohlüberlegte Angriff auf Merkels Glaubwürdigkeit durch Vizekanzler Sigmar Gabriel hat das Zeug zu jener Attacke, die Merkel zu einer sterblichen Politikerin werden lässt.

Nutzt Gabriel diese Chance, könnte er die Leidenschaft zurück in die deutsche Politik bringen – und so der Bundesrepublik das Schlafmittel entziehen, das Merkel ihr verabreicht hat. Es würde wieder ganz normal werden, im derzeit mächtigsten Land Europas zu diskutieren, was sich mit Macht anfangen lässt, also über Linie und Zukunft des eigenen Landes, des Kontinents, ja: der Welt.

Und überhaupt: Kann Gabriel es sich leisten, dies nicht zu versuchen? Der Bauchmensch drängt auf dieses Duell gegen den Kopfmenschen Merkel, denn sonst bliebe er, was er heute ist: der talentierteste Unvollendete der deutschen Politik.

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