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Essen ist Kulturhauptstadt "Dies ist eine Region im Aufbruch"

Mit einer großen Eröffnungsfeier auf der Essener Zeche Zollverein startet das Ruhrgebiet in das Kulturhauptstadtjahr 2010. Dieter Gorny, Künstlerischer Direktor der RUHR.2010, über Pott-Klischees, Kreativwirtschaft und Kultur als Motor urbaner Entwicklung.

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Dieter Gorny, Künstlerischer Quelle: dpa/dpaweb

WirtschaftsWoche: Herr Gorny, dass das Ruhrgebiet in diesem Jahr Europäische Kulturhauptstadt ist, halten manche Hamburger oder Münchner immer noch für einen Scherz. Hat die Region ein Kommunikationsproblem in Sachen Kultur?

Gorny: Ja, weil sie unterschätzt wird. Es gibt einen großen Unterschied in der Innen- und Außenwahrnehmung. Von Umfragen wissen wir, dass die Kulturhauptstadt in NRW einen fast neunzigprozentigen Bekanntheitsgrad hat, aber jenseits der Landesgrenzen stößt man immer noch auf Ignoranz, da dominiert nach wie vor das Pott-Klischee, dieses Image von Kohle und Maloche. Die besten Multiplikatoren der Kulturhauptstadt sind die Besucher aus dem Ausland. Die sind völlig baff, wenn sie sehen, was aus der ehemaligen Zechenlandschaft geworden ist. Welch ein Juwel etwa die Bochumer Jahrhunderthalle darstellt. Das konnte man gerade erst wieder bei der Verleihung des Europäischen Filmpreises erleben.

Es gibt etliche renommierte Festivals in der Region, die Ruhrtriennale, die Ruhrfestspiele, das Klavierfestival Ruhr, außerdem eine Fülle von Museen, Theatern und Opernhäusern. Was kann darüber hinaus die Kulturhauptstadt leisten?

Sie bündelt Aktivitäten und arbeitet an einem ganzheitlichen Auftritt der Region. Dafür gibt es erste Ansätze, auch in der Wirtschaft, bei Messen wie der Expo Real in München, wo das Ruhrgebiet mit Metropole-Ruhr-Ständen auftritt und dem Publikum so das Gefühl vermittelt, dass sich die Ruhr-Städte als Einheit verstehen, mit all den Vorteilen, die damit verbunden sind, etwa den kurzen Wegen: Oper in Essen, Schauspiel in Dortmund, Entertainment in Bochum – das sind Attraktionen im Umkreis von nur zwanzig  Kilometern.

Angesichts der prekären Haushaltslage der Städte, der Schließung von Schwimmbädern oder der Erhöhung von Kindergartenbeiträgen, zweifeln, gerade im Ruhrgebiet, viele Leute am Sinn der Europäischen Kulturhauptstadt. Zu recht?

Damit sind wir am Kern der Sache: Wozu ist die Kulturhauptstadt überhaupt da? Wir haben von Anfang an betont, dass wir nicht das große Festival-Rad drehen wollen, sondern die RUHR.2010 als einen Initialimpuls für den Wandel durch Kultur verstehen, als einen Schritt in einem langfristigen Prozess, der auf die Zukunftsfähigkeit der Region gerichtet ist. Wir wollen zeigen, dass es sich lohnt hier  zu leben und zu arbeiten. Dafür muss in die kulturelle Infrastruktur investiert werden. Kultur ist heute ein Motor für die Entwicklung urbaner Ballungsräume. In dieser Hinsicht hat das Ruhrgebiet noch Nachholbedarf. Gerade erst hat die Bochumer Uni in einer Studie nachgewiesen hat, dass das Ruhrgebiet immer noch die Region mit der am stärksten schrumpfenden und alternden Bevölkerung in Deutschland ist.  

Warum gehen Studenten lieber nach Köln als nach Bochum?

Weil sie in Köln ein urbanes Umfeld vermuten, dass ihnen mehr bietet als nur Oper und Museum: Eine freie Kunstszene und Kreativwirtschaft, die für ein buntes, lebenswertes Stadtbild sorgt.

Sie sind als Künstlerischer Direktor der RUHR.2010 für die Kreativwirtschaft zuständig. Was hat man sich darunter vorzustellen?

Am besten gefällt mir die Definition der Engländer. Die verstehen darunter alle Branchen, denen als Kernprodukt eine kreative, verwertbare Leistung zugrunde liegt. Dazu gehören der Architekt, der Designer, der Medienmanager, aber auch der Maler oder der Musiker. Interessant ist, dass all diese Branchen, besonders ihre Produkte, kulturelle Identifikation ermöglichen. Zugleich sind sie massiveingebunden in die geradezu sprunghafte technologischen Entwicklung: Stichwort Digitalisierung. Sie sind ein harter ökonomischer Faktor. Noch vor der Finanzkrise rangierte die Kreativwirtschaft in Deutschland nach Banken und Automobilwirtschaft auf Platz drei der Wertschöpfung.

Und Sie glauben, dass die Ruhr-Region hier besondere Potentiale hat?

Jedenfalls war das Wachstum 2008 in diesem Bereich doppelt so stark wie bei der übrigen Wirtschaft. Wir sind, was die Arbeitsplätze angeht, etwa auf dem Niveau Berlins, wo 2007 rund 80 Tausend Beschäftigte in der Kreativwirtschaft tätig waren und damit elf Prozent des Bruttosozialprodukts der Hauptstadt erwirtschafteten. Das ist die Benchmark in Deutschland.

Einerseits gehen junge Leute weg, andererseits floriert die Kreativwirtschaft. Wie passt das zusammen?

Dass es erstaunlich viele Werbeagenturen gibt in Dortmund heißt nicht, dass das Ruhrgebiet vergleichbar sei mit Düsseldorf oder Berlin. Wir fangen erst an, die Kreativwirtschaft als profilgebendes Element der Stadtentwicklung auszubauen. Zum Beispiel mit einem Festival wie Kreative Klasse Ruhr, wo über eine Woche Tag der offenen Tür ist. Da geht es um ganz einfache Fragen: Wie viele Unternehmen gibt es in welcher Branche? Oder wo bekomme ich einen Praktikumsplatz? Das ist auch hilfreich für die Wirtschaftsförderung, die auf diese Weise erfährt, was die Branchen wirklich brauchen. Vor allem entstehen so kommunikative Strukturen und Szenen. Schauen Sie nach Berlin: Das gibt es ein einzigartiges Kulturangebot, aber der Hype kommt über die Vermarktung der Berliner Kreativszene zustande.

Wir brauchen beide Säulen, die traditionelle und die neue, nicht subventionierte Kultur?

Ja, eine allein reicht nicht mehr. Schon wegen der Alterung des Publikums. Unsere klassischen Konzerthäuser haben dasselbe Problem wie das ZDF, die Zuhörer sind im Durchschnitt knapp 60.

Dem Programm der Kulturhauptstadt wurde von der Kritik vorgeworfen, es habe weder Tiefgang noch Höhepunkte. Münden 2500 Veranstaltungen nicht automatisch in einer Feier der Beliebigkeit?

Das Feuilleton hätte natürlich am liebsten nur Hans Werner Henze, dessen Werk ein Schwerpunkt unseres Programms ist, es schert sich aber nicht um die Nachhaltigkeit des Programms, weil es glaubt, Kultur könne darauf verzichten. Das ist falsch. Außerdem kann es nicht darum gehen, auf das sowieso laufende Programm der Opern und Museen weitere Highlights einfach draufzusatteln.

Sondern?

Wir zeigen Perspektiven auf und setzen Signale, die zeigen: Dies ist eine Region im Aufbruch, der auch ein kultureller ist. Nachhaltigkeit bedeutet für eine Kulturhauptstadt vor allem, dass sie Mut zeigt bei den Themen Städtebau und urbane Entwicklung. Nehmen Sie nur das gigantische Vorhaben, die Kloake Emscher zu renaturieren und mit einer Kunst-Biennale zu verbinden, das Dortmunder U, die frühere Union-Brauerei, wo das erste Zentrum für kreative Industrie mit Schwerpunkt Medien und Medienkunst entsteht, die Scheidtschen Hallen, eine ehemalige Kammgarnspinnerei in Essen-Kettwig, für das die Werbebranche ein Umnutzungskonzept entwickelt hat, oder den Ausbau des Museums Küppersmühle am Duisburger Innenhafen – das sind europäische Modellprojekte, die weit über 2010 hinaus weisen.

Sie wollen „Leuchttürme der Kreativität“ schaffen. Ähnliches hat man schon mal versucht, mit dem Trickfilmzentrum in Oberhausen, aus dem dann nichts wurde. Was machen Sie anders?

Es hat keinen Sinn, künstlich Projekte zu implantieren, für die der nötige Humus fehlt. Das Ruhrgebiet ist nun mal kein Filmproduktionsstandort, aber ein interessanter Medienstandort mit Printlastigkeit. Wir verfolgen da einen integrativen Ansatz: Erst kommt die Debatte mit denen, um die es geht, mit den beteiligten Branchen. Dann kommt die Stadtplanung hinzu. Dass etwa im Dortmunder U ein Kreativzentrum entsteht, das sich mit Musik und Medien befasst, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass es in unmittelbarer Nähe das Freizeitzentrum West gibt, das in Dortmund schon immer eine wichtige Rolle als Veranstalter gespielt hat. Das ergibt eine vielversprechende Kombination.

Im Ruhrgebiet leben 5,3 Millionen Menschen in 53  Städten. Wir kann die Einwohnerin aus Unna ein Kulturhauptstadt-Angebot in Oberhausen als ihre Sache empfinden?

Da kann man nur locken. Jeder kann sich aus der Vielzahl der Angebote das für ihn Passende aussuchen. Und meine Erfahrung sagt mir, dass viele, die wir ansprechen, beweglicher sind als manche Stadtverwaltung, die örtlich eher unbeweglich sein muss, weil sie sich sonst selbst in frage stellen würde. Die Menschen müssen lernen, sich mit der Region über das Angebot so zu definieren, dass es für sie selbstverständlich wird, nach dem Theaterbesuch in Essen nach Bochum zu fahren und im Bermudadreieck zu feiern. Dazu können übergeordnete Einheiten wie die Wirtschaftsförderung Metropole Ruhr, die RUHR.2010  und nicht zuletzt ecce, unser neues europäisches Institut für kreative Ökonomie, enorm viel beitragen. Hier zeigen wir schon jetzt, dass wir es ernst meinen mit der Nachhaltigkeit.

Müsste die Wirtschaft mehr für die Kulturhauptstadt Ruhr tun?

Die Wirtschaft tut schon viel. Der Initiativkreis Ruhr ist Gesellschafter der Kulturhauptstadt und mit 8,5 Millionen Euro beteiligt. Aber um eins klarzustellen: Sie können hier nicht mit Geld gewinnen. Wir haben den gleichen Etat wie Linz, das im vergangenen Jahr Kulturhauptstadt war, eine Stadt von der Größe Hernes. Es kommt nicht auf einen Euro mehr oder weniger an, sondern darum, ein Jahr europäische Aufmerksamkeit zu nutzen. Jede Kultur-Institution in der Region müsste sich fragen: Was kann ich dazu beitragen, um diese Region voranzubringen?

Die Städte konkurrieren heute stark über Bilder. Was für ein Bild zeigt die Metropole Ruhr?

Ein vielfältiges, eben das einer Metropole. Herbert Grönemeyer hat für das Kulturjahr in Nachfolge seines Bochum-Lieds jetzt ein Ruhrgebiets-Lied geschrieben, das hoffentlich dazu beiträgt, das Bild der Region zu schärfen. So kommt ein Steinchen zum andern.

Sie leben seit fast 50 Jahren im Ruhrgebiet und wohnen in Essen. Schon mal daran gedacht weg zu ziehen?

Was für eine Frage, nein, dazu ist es hier doch viel zu spannend. Ich bleibe natürlich.

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