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Euro-Krise Glücklich ohne Euro

Die Einheitswährung wird uns als Garant für Exporterfolg und Wohlstand verkauft. Der Blick zu den Nachbarn zeigt: Es geht auch anders.

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Henning Krumrey, Leiter des Hauptstadtbüros der WirtschaftsWoche Quelle: Werner Schüring für WirtschaftsWoche

Angst ist kein guter Ratgeber, aber inzwischen der einzige, auf den die europäischen Finanzminister und Regierungschefs hören. Wer den sonst so eloquenten und entschiedenen Wolfgang Schäuble vergangene Tage stotternd erlebte, der ahnt, dass die Ratlosigkeit in Furcht umgeschlagen ist. Furcht vor einem Bankencrash, vor der Staatspleite selbst großer Länder wie Italien, vor dem Aufplatzen des Währungsbundes.

Wenn die hilflose Strategie der staatlichen Finanzingenieure, mit immer neuen Milliarden Griechenland und andere Stolperstaaten gegen den Markt zu stabilisieren, überhaupt Sinn gehabt hat, dann jenen, Zeit zu gewinnen. Zeit, um die rettungsfähigen Kandidaten so weit zu stärken, dass sie beim Scheitern der Hellenen nicht mitgerissen werden. Mit ihrem 750-Milliarden-Euro-Versprechen stemmten sich die Partner gegen das Unvermeidliche: den Schuldenschnitt, mindestens.

Angst ist keine schlechte Leitlinie

Für Anleger dagegen ist Angst gar keine so schlechte Leitlinie. Sie flüchten aus den Anleihen der Euro-Wackelkandidaten und aus Absteiger-Aktien, hinein in deutsche Bundesanleihen. Trotz einer Inflationsrate von 2,3 Prozent rentieren diese nur mit rund 2,7 Prozent. Den Anlegern geht es nicht mehr um den Zinsreibach, sie geben sich mit der realen Mickermarge von 0,4 Prozent zufrieden. Sicherheit geht vor Gewinn. Denn alle treibt die Frage: Wie rette ich mein Geld?

Wie hypnotisiert starren Europas Politiker auf den Wechselkurs zum Dollar und trösten sich damit, dass der Euro gegenüber dem Greenback weitgehend konstant bleibt. Kunststück, sagen die Experten unseres Geld-Ressorts – es sind ja auch die beiden schwächsten Währungen der Welt. Und in der Tat: Der Blick über den Dollar-Rand hinaus zeigt: In den vergangenen Tagen hat der Euro massiv verloren, nicht nur gegenüber dem Stabilitätsanker Gold, auch gegenüber dem Schweizer Franken, der Schwedischen Krone, sogar gegenüber dem Polnischen Zloty.

Was jene Länder eint: Sie sind glücklich ohne Euro. Zwar sind all diese Staaten keine so großen Wirtschaftsnationen wie Deutschland, aber auch keine Winz- und Sonderlinge. Polen rangiert nach der Bevölkerungszahl auf Rang fünf des Kontinents, Schweden ist eine Exportnation und schaffte vergangenes Jahr ein Wachstum von 5,5 Prozent. Und der schweizerischen Industrie hat der seit Jahren erstarkende Franken eine Fitnesskur aufgezwungen, die sich heute auf den Weltmärkten auszahlt – selbst wenn die Währung weiter aufwertet. Die Beispiele zeigen: Es geht auch ohne das Einheitsgeld.

Für deutsche Unternehmen ist der Wechselkurs des Euro bei ihren Ausfuhren bei Weitem nicht das entscheidende Erfolgskriterium, wie etliche Studien zeigen. Viermal stärker beeinflusst die Konjunktur im Empfängerland den Absatz. Das liegt an den deutschen industriellen Tugenden, die auch und gerade nach der tiefen Rezession Kunden in aller Welt begeistern: Präzision und Zuverlässigkeit, technische Raffinesse und Liefertreue. Die viel beschriebenen Weltmeister in kleinen Marktnischen, der Stolz des deutschen Mittelstandes, reüssieren gerade jetzt. Und waren nicht die Deutschen selbst in der sozialistischen Misswirtschafts-Gemeinschaft zumindest Ostblock-Meister?

Geringe Ansteckungsgefahr

Zu viel Angst ist also gar nicht nötig, zumal vergangene Woche der Vorstoß von Commerzbank-Vorstand Martin Blessing zeigte, dass auch bei den Geldinstituten die Sorge vor einem Schuldenschnitt für Griechenland gesunken ist. Die Branche hält die Ansteckungsgefahr für geringer als noch vor ein paar Wochen, weil Banken und Versicherungen die faulen Papiere inzwischen bei der EZB abgeworfen haben – also bei uns Steuerzahlern.

Die Politik kann und muss also mutig ausbrechen aus dem Warnungsgehege, in das Banken und EZB sie gepfercht haben. Ohne Zittern und Zagen klappt’s dann vielleicht auch mit einer überlegten und überlegenen Strategie zur Euro-Rettung. Wer nüchtern ökonomisch handelt, kann die Märkte eher überzeugen als jene, die sich manisch-panisch an die Gemeinschaftswährung klammern.

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