WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Euro-Rettung Die wüsten Folgen des Liquiditätspokers

Seite 2/6

Der Staat soll für Interessenausgleich sorgen

Dampflok in Kenia Quelle: REUTERS

Die Europäer wollten, dass zusammenwächst, was nicht zusammengehört?

Der technokratische Optimismus treibt die politische Willensbildung. Die beteiligten Nationen können und wollen nicht Nein sagen. Der Soziologe Maurizio Bach hat gezeigt, dass sich eine bürokratische Eigendynamik entfalten konnte, die Industrie, Wissenschaft und Politik zunehmend eng verkoppelte. Je mehr lokale Akteure dabei mitspielen, desto geringer ist die Chance der Korrektur. Warum auch soll man korrigieren, wenn alles so läuft wie erwartet?

Demnach bräuchten Europa und der Euro weniger politische Überambitioniertheit?

Natürlich war es riskant, die Mittelmeerländer Europas mit Krediten zu versorgen, die deren wirtschaftliche Entwicklung förderten. Kein Mensch kann im Vorhinein wissen, über welche Branchen und welche gesetzlichen Rahmenbedingungen eine nachhaltige Entwicklung ermöglicht werden kann. Wenn es aber die Banken sind, deren Kreditentscheidungen gefragt sind, dann muss die Politik dafür sorgen, dass diese Entscheidungen intelligent getroffen werden. Und wie kann die Politik dies erreichen? Sie muss sicherstellen, dass die Risiken von denen getragen werden, die sie in die Welt setzen, von den Banken. Das ist das kleine Einmaleins der Kybernetik: ohne Rückkopplungen keine angemessene Informationsversorgung.

Heißt das, das Verhältnis von Staat und Markt muss neu bestimmt werden?

Staat und Markt operieren in derselben Gesellschaft. Ihre Trennung zielt auf Komplementarität. Die Politik hat die Macht, Vertrauen in eine längerfristige Entwicklung zu schaffen, indem sie Alternativen gesetzlich ausschließt und zur Not strafrechtlich verfolgt. Wegen dieser Eingriffe in die Freiheitsrechte der Bevölkerung muss die Politik demokratisch legitimiert werden. Parallel dazu erkunden Wirtschaftsakteure auf dem Markt die Möglichkeit neuer Produkte, Arbeitsplätze, Investitionschancen und spekulativer Anlagen. Dieses Marktgeschehen spielt sich im politisch gesetzten Rahmen ab, reagiert jedoch höchst empfindlich auf Gelegenheiten und Gefahren im globalen Maßstab. Wir stehen daher vor der Aufgabe, die Nervosität der Märkte und die Trägheit der Politik, die beide unverzichtbar sind, institutionell miteinander zu vermitteln.

Allen Akteuren in der Politik ist gemein, dass sie an genau dieser Trennung festhalten. Für die einen soll der Markt es künftig richten, für die anderen der Staat.

Wir haben es uns fatalerweise angewöhnt, Staat und Markt in einer Art Modernisierungskonkurrenz miteinander zu sehen. Für die einen ist der Markt, für die anderen der Staat der rationale Akteur, mit entsprechenden Tendenzen, dem jeweils anderen Irrationalität vorzuhalten. Aber darum geht es nicht. Es geht immer noch um jenen Interessenausgleich zwischen Kapital, Arbeit und Konsum, für den der Wohlfahrtsstaat zu Recht so berühmt geworden ist. Und zunehmend darum, Zukunftsaussichten zu verwalten.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%