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Euro-Rettung Die wüsten Folgen des Liquiditätspokers

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Die Pfade sind ausgetreten

Eurozone Quelle: dpa

Mein Gott, wie undramatisch! Eine Krise ist kein Anlass mehr zur Umkehr in den Schoß der Vernunft, kein Anlass, den Weltuntergang zu befürchten, sondern...

...ein evolutionärer Prozess, ganz genau.

Kann man daraus den Schluss ziehen, dass die Krise keine Pathologie ist, sondern der Normalfall?

Wer eine Krise ausruft, dem ist bereits etwas gelungen. Man gesteht sich ein, nicht weiter zu wissen, und stellt sich damit einer Situation. Das gilt auch für unsere Verschuldungskrise. Wir stellen fest, dass wir mit unseren Krediten Wetten auf eine Zukunft abgeschlossen haben, die so nicht eintritt. Damit ist zumindest eine Einsicht gewonnen.

Bei anderen Krisen – Klima, Energie, Demografie – hat man das Gefühl, dass die Politik zwar einsichtig ist, aber mit ihrer Bearbeitung nicht mehr hinterherkommt.

Wir haben uns mit unseren Krisen immerhin einen recht souveränen Umgang angewöhnt. Wir gestehen uns unsere schwierige Lage ein. Wirklich besorgniserregend wäre es, wenn wir diese und andere Krisen leugnen würden. Aber natürlich entbehrt es nicht der Ironie, dass wir immer hilfloser in unseren Krisen stecken, je mehr wir von ihnen verstehen.

Ist die Menge an Informationen zu groß, um die Probleme bearbeiten zu können?

Nein, sondern weil diese Informationen darüber Auskunft geben, welche Pfadabhängigkeiten uns gefangen halten. Wie sollen und können wir aus einer bald 250 Jahre alten Wachstumsdynamik aussteigen – 1769 patentierte James Watt seine Dampfmaschine –, die uns mit der Ausbeutung fossiler Energien eine Industrialisierung und Urbanisierung beschert hat, mit deren Hilfe inzwischen sieben Milliarden Menschen auf einem beachtlichen, wenn auch nicht ausreichenden Niveau versorgt werden können? Das ist die Frage. Immerhin hat man den Eindruck, dass die Weltpolitik heute darüber verhandelt, wer welche Opfer bringt, um auch nur in die Nähe eines solchen Ausstiegs zu kommen.

Wir waren erfolgreich, indem wir die Zukunft auf Kosten der Zukunft erobert haben?

Wir haben die Gegenwart auf Kosten einer offenen Zukunft erobert. Die Zukunft ist nicht mehr offen, und die Gegenwart ist es daher auch nicht. Wir wissen, dass wir umsteuern müssen. Dafür brauchen wir den Blick des Unternehmers und des Politikers. Der Unternehmer sucht nach neuen Chancen, und der Politiker sorgt dafür, dass genug Zeit gewonnen wird, um erforderliche Umstellungen vorzunehmen.

Zurzeit hat man nicht den Eindruck, dass die Politik Zukunft gewinnen kann.

Die Politik ist der Einwand der Gegenwart gegen die übrige Zeit, um einen bekannten Ausspruch von Alexander Kluge zu variieren. Das aber bedeutet, dass sie den Mut zu Wahrheiten aufbringen muss, die sich aus der Einsicht in gegenwärtige Lagen ergeben.

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