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Euro-Rettung Die wüsten Folgen des Liquiditätspokers

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Gesellschaft muss für Krisen empfänglich bleiben

Dirk Baecker

Was meinen Sie damit?

Wer kann sich mit welchen Chancen an welchen Entwicklungen beteiligen? Und welche Rolle spielen individuelle und organisierte Interessen, die heute umfassend zum Zuge kommen, wenn die Lage sich morgen anders darstellt? Deswegen diskutieren wir den Ausstieg aus der Kernkraft, die Umstellung der Automobilindustrie auf Elektroautos, den Zugriff der medizinischen Forschung auf die Stammzellen, aber auch das bedingungslose Grundeinkommen oder das Renteneintrittsalter. Hier geht es nicht um die Trennung von Markt und Staat, sondern immer um die Frage, welche staatlichen Entscheidungen welche Märkte zugänglich oder unzugänglich machen.

Wir sind also dem Merkantilismus des 17. Jahrhunderts niemals entkommen?

Wir sind nie einem System entkommen, in dem staatliches Handeln die Voraussetzung für wirtschaftliches Handeln ist und umgekehrt. Nach wie vor lautet die Grundfrage, wie viel wirtschaftliche Freiheit erforderlich ist, damit der Staat sich auf eine Art und Weise aus Steuermitteln refinanzieren kann, die es ihm ermöglicht, dieser wirtschaftlichen Freiheit den sozialen Frieden zu erkaufen. Ob der Staat dabei auch selber über seine Rolle als Konsument, Arbeitgeber, Investor und Kreditnehmer hinaus unternehmerisch aktiv wird, wie beispielsweise in Russland oder China, ist eine zweite Frage. Unter globalen Bedingungen zu leben heißt, laufend die Zukunftsfrage stellen zu müssen, auf die es bekanntermaßen keine beziehungsweise jeden Moment eine neue Antwort gibt.

Im Moment sieht die Zukunft eher düster aus. Selbst Peer Steinbrück hat bekannt, dass er 2008 auf einem Höhepunkt der Krise „in den Abgrund geblickt“ hat.

Das entspricht dem antiken Verständnis der Krise in der Tragödie. Die krísis war bei den Griechen der Moment jener Entscheidung, in der man entweder alles richtig oder alles falsch machen konnte. Dementsprechend tat man alles dafür, dass solche Momente selten auftraten, weil das Risiko, auf die falsche Seite des Schicksals zu geraten, zu groß war. In der Moderne seit dem 16. Jahrhundert verstehen wir Krise als Beleg dafür, dass etwas nicht funktioniert, etwa weil es aus dem Gleichgewicht geraten ist. Dann muss man korrigierend eingreifen und die Dinge wieder in Ordnung bringen.

Die Moderne als vernunftbegabte Reparaturanstalt? Ist das nicht von gestern?

Meines Erachtens haben wir die moderne Gesellschaft in der Tat hinter uns. Seit etwa 100 Jahren haben wir es mit einer „nächsten Gesellschaft“ zu tun, mit der Gesellschaft der Elektrizität, des Fernsehens, des Computers und der Computernetzwerke. Diese Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass alles im Prinzip jederzeit mit allem verknüpft werden kann. Wenn aber Konnektivität die Gesellschaft regiert, dann ist die Krise der Beweis dafür, dass man Umstände nicht berücksichtigt hat, die man besser berücksichtigt hätte. Man muss daher sagen, dass unsere Gesellschaft nur dann funktioniert, wenn sie für Krisen empfänglich ist.

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