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Euro-Rettung Die wüsten Folgen des Liquiditätspokers

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Intelligenz, die aus Nichtwissen resultiert

antiker Kopf Quelle: dpa

Welche Wahrheiten?

Die Wahrheit einer gescheiterten Spekulation auf eine geldpolitisch forcierte Einbindung der Mittelmeerländer in den europäischen Wirtschaftsraum. Es geht nicht darum, den Bankrott jener Banken auszurufen, die diese Spekulation finanziert haben, sondern darum, die Banken wieder zu befähigen, Kreditwürdigkeiten angemessen zu prüfen. Das heißt, sie müssen in die Lage versetzt werden, für ihre eingegangenen Risiken zu haften.

Aber warum besteht die Politik nicht auf dieser Wahrheit?

Einzelne Politiker versuchen es durchaus. Aber insgesamt hat man den Eindruck, dass die Politik es sich mit den Banken nicht verscherzen will. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass man die Wirklichkeit nicht mehr versteht und deshalb lieber stillhält. Der Status quo erhält deshalb ein so großes Gewicht. Die eigene Existenz ist schließlich ein Beweis dafür, dass man auch irgendetwas richtig gemacht haben muss. Wahrheiten werden deswegen diskontiert. Sie haben angesichts einer unverstandenen Wirklichkeit nicht wirklich eine Chance.

Sie wollen im Ernst für Ignoranz plädieren?

Nein, ich will dafür plädieren, dass wir uns genauer anschauen, was es heißt, im Ungewissen operieren zu müssen. Es ist ja schon einiges gewonnen, wenn wir uns darüber im Klaren sind, wie wichtig es ist, dass die Zukunft unbekannt ist. Der Politiker hätte andernfalls kaum einen Anlass, sich um seine Wiederwahl Sorgen zu machen, und der Unternehmer müsste nichts unternehmen, um die Attraktivität seiner Produkte zu steigern. Ich plädiere nicht für Ignoranz, sondern ich mache auf eine Intelligenz aufmerksam, die aus einem Nichtwissen resultiert. Es geht um die Sicherstellung aktueller Anpassungsfähigkeiten.

Damit wäre unser traditioneller Fortschrittsbegriff also passé?

Wir gehen heute von Fortschritten aus, die Rückschritte enthalten können. Wir glauben immer noch, dass wir schon morgen Lösungen für die Probleme von heute finden können, aber wir glauben nicht mehr, dass diese Lösungen nicht ihrerseits neue Probleme enthalten.

Geben Sie uns ein Beispiel.

Nehmen Sie den berühmten Satz von Angela Merkel im Oktober 2008, dass die Spareinlagen sicher sind. Jeder Zuschauer begann sofort, sich erst jetzt um diese Spareinlagen Sorgen zu machen. Aber genau darum ging es. Die Politik signalisierte, dass sie die Sorgen der Sparer, verstanden als Wähler, im Blick hat, zugleich jedoch die Situation für kritisch hält. Und sie signalisierte, dass man auf jeden Fall etwas zur Rettung der Spareinlagen bei den Banken tun würde, nicht jedoch unbedingt auch etwas zur Rettung der Banken selber. Man kommunizierte ambivalent, gestand damit die Ungewissheit ein und verzichtete auf jede Hoffnung, dass sich die Krise qua Fortschritt schon von selber lösen würde.

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