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Euro-Rettung Die wüsten Folgen des Liquiditätspokers

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Merkel macht mutigen Meinungsaustausch

Kanzlerin Angela Merkel Quelle: REUTERS

Durchwurschteln als politische Taktik?

Nein, sondern als politische Strategie, die geboten ist, wenn jede eindeutige Lösung komplizierten Sachverhalten nicht gerecht werden kann.

Ist die Bundeskanzlerin ein Musterbeispiel postheroischer Führung?

Heroische Führung besteht darin, mit jeder Führungsentscheidung primär auf den Führer selber aufmerksam zu machen. Das hat den Vorteil, dass man sofort weiß, wen man opfern muss, wenn die Sache schiefgeht. Postheroische Führung lenkt den Blick am Führer vorbei auf die Sachverhalte, die bestimmte Entscheidungen erforderlich machen. Hier geht es nicht um Überlegenheit und Weitsicht, sondern um die Organisation von Intelligenz in einem sozial verteilten Prozess. Der postheroische Führer bringt die richtigen Leute an einen Tisch, damit sich Für und Wider neu sortieren kann. Er ist nicht der Autor, sondern der Katalysator einer Entscheidung.

Mit dieser Art weckt die Kanzlerin aber keine Begeisterung.

Das ist kein Nachteil. Natürlich ist es einfacher, sich an heroischen Führern zu orientieren und sie zu opfern, wenn es schiefgeht. Und natürlich mag die postheroische Führung auch dadurch motiviert sein, dass man sich nicht opfern lassen will. Aber ein Politikverständnis, das auf Moderation setzt, erfordert allemal das größere Geschick. Nicht zuletzt im Umgang mit Macht. Die Kanzlerin setzt, um mit dem großen Ökonomen Herbert A. Simon zu sprechen, nicht mehr auf instrumentelle, sondern auf prozedurale Rationalität. Sie tut nicht mehr so, als wüsste sie, was sie will, um dann die passenden Mittel zu suchen. Sondern sie lässt sich auf Verfahren der Entscheidungsfindung ein, an denen die Betroffenen sich beteiligen, weil sie wissen, dass nicht von vorneherein feststeht, was als Problem und was als Lösung gilt. Männer macht das oft ungeduldig. Aber das ist kein Einwand.

Gehört zu dieser Art von Politik auch die Energiewende der Bundesregierung?

Nein, hier hat die Kanzlerin vor allem eine Art Vorratsbeschluss gefasst. Sie hat eine Macht demonstriert, von der sie annehmen kann, dass sie sie bald auch andernorts benötigt. Interessanterweise ist es dann jedoch bei anderer Gelegenheit gar nicht mehr nötig, Macht zu demonstrieren. Man weiß ja jetzt, dass sie vorhanden ist.

Dann wäre also Frau Merkel nicht prinzipienlos, sondern denkbar zeitgemäß?

Aber ja, sie setzt sich durch die Organisation eines Meinungsaustauschs vielfachen Beobachtungen aus, und das ist mutig. Zugleich kann sie selbst Beobachtungen anstellen, die erst innerhalb eines solchen Verfahrens möglich werden. Und das erfordert Selbstvertrauen und auch eine gewisse Coolness. Mich erinnert das an den Schiffbrüchigen in Edgar Allen Poes Erzählung „Am Rande des Malstroms“, der erst in dem Moment, in dem er alle Hoffnung fahren lässt, kühl genug beobachten kann, dass es in diesem Malstrom Gegenströmungen gibt, die nach oben und hinaus führen.

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