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"Europa braucht den Euro nicht" Thilo Sarrazin schreibt den Euro ab

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Abrechnung mit Griechenland

Die Weisheiten des Thilo Sarrazin
Mit "Deutschland schafft sich ab" wurde Thilo Sarrazin zum umstrittensten Autoren Deutschlands. Nun bringt der Sozialdemokrat ein neues Buch heraus. Diesmal zur Gemeinschaftswährung. "Europa braucht den Euro nicht", behauptet Sarrazin. Sein letzter Coup liegt nunmehr schon fast zwei Jahre zurück. Es war seine steilste These: Sarrazin sah Deutschland wegen angeblich geringerer Bildung der Zuwanderer in Gefahr. "Wir werden auf natürlichem Wege durchschnittlich dümmer", sagte Sarrazin. Zuwanderer "aus der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika" wiesen weniger Bildung auf als Migranten aus anderen Ländern. Einwanderer bekämen zudem mehr Kinder als Deutsche. Es gebe „eine unterschiedliche Vermehrung von Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlicher Intelligenz“, sagte der frühere Berliner Finanzsenator. Intelligenz werde von Eltern an Kinder weitergegeben, der Erbanteil liege bei fast 80 Prozent. Seine Thesen breitete der Politiker in seinem Buch aus, das 2010 erschien: "Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen". Schon zuvor war Thilo Sarrazin als streitbarer Politiker und Bundesbankvorstand mit umstrittenen Ansichten in den Fokus medialer Aufmerksamkeit geraten. Quelle: dpa
Thilo Sarrazin sagte außerdem über Griechenland: "Mir ist nicht klar, wie ein Land mit einem derartigen Schuldenberg dauerhafte Perspektiven haben soll.“ Quelle: AP
Den Griechen gab Mister Sarrazin folgenden Rat auf den Weg: Wenn sie ihre Schulden nicht refinanzieren können, dann müsse das Land das tun, was jeder Schuldner tut - es meldet eben Insolvenz an. Für den Euro sieht Sarrazin keine Gefahr: "Das hat mit dem Thema Währung nichts zu tun. Dass General Motors in die Insolvenz gegangen ist, hat den Dollar nicht beeinträchtigt. Wieso soll es den Euro beeinträchtigen, wenn Griechenland mit 300 Milliarden Euro insolvent geht?" Starke Worte des streitbaren Politikers, von dem übrigens auch folgender Satz überliefert ist: "Wo ich bin, ist niemals abseits. Wo ich bin, ist der Mittelpunkt der Welt, und das erklärt das meiste." Quelle: dpa
Zuvor war es wieder ein wenig still geworden um Thilo Sarrazin - Deutschlands Politiker mit dem größten Aufreg-Faktor. Bis sich der Bundesbank-Vorstand mal wieder über seine eigene Sicht der Berliner (Bildungs-)Verhältnisse äußerte und gegen Eltern, die ihren Kindern Fernseher in die Kinderstube stellen, ausholte: "In Wedding steht in 45 Prozent der Kinderzimmer ein Fernseher, in Westend nur in 4,5 Prozent." In Wedding gäbe es darüber hinaus eine höhere Quote an Fettleibigkeit. Klare Ansage: Wer weniger TV schaut, der isst auch weniger - ein logischer Kausalzusammenhang und ein deutlicher Sarrazin. Foto: dpa Quelle: APN
Sarrazin ist auch SPD-Mitglied. Während viele in seiner Partei mit einer Annäherung zur Linkspartei liebäugeln und einer möglichen Koalition auf Länderebene kokettieren, spracht Sarrazin auch hier klare Worte. Zum Programmentwurf der Linkspartei äußerte er sich jüngst folgendermaßen: "Das ist eine Ansammlung von verstaubten Asservaten aus dem ideologischen Museum." Ein Freund der Linken wird Thilo Sarrazin wohl nicht mehr werden. Im Bild: Oskar Lafontaine, links, WASG Mitglied, Gregor Gysi, Mitte, Delegierter der Linkspartei.PDS, und der Parteivorsitzende Lothar Bisky, rechts, feiern im März 2007 die Vereinigung der Linkspartei.PDS mit der WASG. Quelle: AP
Zuletzt war Thilo Sarrazin zu einer Diskussion über Integration geladen, da waren die Erwartungen besonders hoch. Und das damalige Vorstandsmitglied der Bundesbank enttäuschte seine Fans nicht. Von seinen umstrittenen Äußerungen wollte er sich nicht distanzieren: "Das ist wie beim Paukenschlag bei Haydn. Irgendwann müssen die Leute auch mal aufwachen. Danach kann man wieder ein bisschen weiterdudeln", sagte Sarrazin. Und legte gleich wieder nach: "Wenn die Hausaufgaben nicht gemacht werden, dann wird eben das Kindergeld um 50 Prozent gekürzt". Dabei haben ihm seine Verbalattacken bereits Forderungen nach einem Parteiausschluss eingebracht… Quelle: dpa
Der Kreisverband Berlin-Spandau hatte neben anderen Parteigliederungen den Parteiausschluss des ehemaligen Berliner Finanzsenators gefordert. Am Ende brachte es die SPD jedoch nicht übers Herz, ihrem umstrittenen Mitglied das Parteibuch zu entreißen. Sarrazins Hang zu klaren Worten hätte der Ausschluss kaum gebremst, denn… Quelle: dpa

Sarrazin charakterisiert die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank zu Recht als ein „Element gemeinsamer Haftung, genauso wie Kredite durch den EFSF oder Eurobonds. Am Ende liegt die Haftung aber nicht bei allen, sondern nur bei jenen, die noch zahlungsfähig sind. Ein immer größerer Teil der Staatsschulden im Euroraum von acht Billionen Euro wird damit wirtschaftlich gesehen von Deutschland verbürgt“, kritisiert der ehemalige Finanzsenator von Berlin.

Zudem führe die Vergemeinschaftung von Schulden zu einem Laissez-faire der Südländer. Ohne den Druck der Finanzmärkte würden die Euro-Pleiteländer Reformen aufschieben und ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht zurückerlangen können.

Insbesondere Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble, aber auch die SPD und Grüne, greift Sarrazin scharf an, da sie den Reformdruck auf die Südländer untergraben hätten. Dass Schäuble dem Rettungspaket für Griechenland zustimmte, sorgte bei Sarrazin nach eigenen Worten für Kopfschütteln. „Ich fragte mich fassungslos, ob er und ich denselben Vertrag (Vertrag von Maastricht, Anm. der Red.) gelesen hatten.“

Rettungspakete für Athen verpuffen

Griechenland hätte, da ist Sarrazin kompromisslos, zu keinem Zeitpunkt Hilfen der Euro-Partner bekommen dürfen. Nicht nur, weil klar gewesen sei, dass es dafür keine juristisch Grundlage gegeben habe, sondern vor allem, weil die Milliarden-Zahlungen an Athen nichts an den strukturellen Problemen Griechenlands ändern würden. „Das Hilfspaket, teuer wie es ist, konzentriert sich darauf, einen Staatsbankrott zu verhindern. An die finanziellen Schwierigkeiten der griechischen Unternehmen, dem korrupten Staatsapparat und der allgemeinen Kreditklemme ändert es nichts“, so Sarrazin. Kurzum: Griechenland ist trotz Hilfszahlungen und -zusagen im Gesamtwert von 240 Milliarden Euro weiterhin nicht wettbewerbsfähig und ein Fass ohne Boden. 

Fazit: „Das Land mit der schlechtesten Governance im Euroraum hat die schwerste Sanierungsaufgabe, daran wird es ohne die Möglichkeit zur Abwertung seiner Währung scheitern müssen.“

Muss Griechenland also raus aus dem Euro? Oder soll es im Währungsverbund bleiben, Reformen durchsetzen und mit einem Marshall-Plan aufgebaut werden? Eine klare Empfehlung liefert Sarrazin nicht – ein Manko seines Buchs.

Sarrazin stellt lediglich fest, dass der Euro für Griechenland kein Segen gewesen sei, sondern gar Konflikte und Spannungen geschaffen habe, die es ohne die Währungsreform nicht gegeben hätte. Die Eskalation der Gewalt auf den Straßen, der Furcht erregende Zuspruch eines Teils der Bevölkerung für links- und rechtsradikale Parteien und der befürchtete Banken-Run scheinen Sarrazins These zu bestätigen – doch was folgt daraus?

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