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"Europa braucht den Euro nicht" Thilo Sarrazin schreibt den Euro ab

Der Ex-Bundesbanker und einer der umstrittensten Autoren Deutschlands knöpft sich die Gemeinschaftswährung vor. „Europa braucht den Euro nicht“, schreibt Sarrazin in seinem neuen Buch. Was drin steht – und wie stimmig es ist.

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Die provokantesten Zitate aus Sarrazins Euro-Buch
"Ich war im Bundesfinanzministerium im Juli 1989 in die von Horst Köhler geleitete Währungsabteilung gewechselt. (…) Mehrheitlich betrachteten wir damals im Hause alle Überlegungen für eine Europäische Währungsunion als Anschlag auf die deutsche Stabilitätskultur.“" Quelle: dapd
„Sind die Briten, Schweden, Polen, Tschechen keine Europäer oder leben sie in gescheiterten Staaten, nur weil sie nicht mit dem Euro zahlen?“ Quelle: AP
"Für Italien zeigt die jahrzehntelange Erfahrung, dass vorausplanendes Nachdenken und rationale Argumentation nicht wesentliche Triebfedern dieser Gesellschaft  (…) sind." Quelle: REUTERS
"Objektive Faktoren sind für diese Unterschiede nicht maßgebend, vielmehr ist es die Mentalität der Völker. Im Durchschnitt kann man sagen, dass finanzielle Solidität in Europa umso ausgeprägter war und ist, je sonnenärmer das Klima und je länger und dunkler der Winter." Quelle: dpa
„Wie viele ältere Männer war Helmut Kohl von dem Gefühl getrieben, wichtige langfristige Fragen, für die die Weisheit und Macht seiner Nachfolger nicht ausreichen würde, möglichst zu seiner Zeit abschließend zu regeln, mochten ein paar technische Unterpunkte auch noch ungeklärt sein. So kam Deutschland zum Euro.“ Quelle: dapd
„Angela Merkel zumal konnte nichts für den Schlamassel, den sie übernommen hatte. Aber sie nahm Kohls Erbe an und erwies sich im Sommer 2011 mit der Formel ,Scheitert der Euro, dann scheitert Europa’ als seine würdigen politische Tochter.“ Quelle: AP
„Dazu passte ein Bundesfinanzminister Schäuble, der sich schon seit seinem Amtsantritt im November 2009 mehr um die europäische Zukunft als um die deutschen Staatsfinanzen zu sorgen schien.“ Quelle: dpa

Diplomatie ist nicht die Stärke von Thilo Sarrazin. Der Ex-Finanzsenator und ehemalige Bundesbanker hat ein klares Freund-Feind-Schema und denkt gar nicht daran, lange um den heißen Brei herumzureden. Sarrazin stilisiert sich spätestens seit dem Erscheinen seines 2010er-Bestsellers „Deutschland schafft sich ab“ als Mann, der die „unbequeme Wahrheit ausspricht“.

Kritiker nennen seine vereinfachten Thesen populistisch. In seinem neuen Buch „Europa braucht den Euro nicht“, das heute erscheint, kommt Sarrazin erneut schnell zum Punkt: Der Euro ist ein politisches Projekt, dem jegliche ökonomische Grundlage fehlt. Die Gemeinschaftswährung hat dem Kontinent mehr geschadet als genützt. Kurzum: Europa braucht den Euro nicht. Und Deutschland schon gar nicht.

Griechenland betrügt mit "levantinischer Schläue"

Ohne Populismus kommt Thilo Sarrazin, der wohl umstrittenste Autor Deutschlands, auch dieses Mal nicht aus. Deutschland wird im Währungsverbund von den Südeuropäern ausgenommen, die sich „mit subtilen Spielen“ den „Weg ins deutsche Portemonnaie“ bahnen. Griechenland betrügt „unbekümmert“ und mit „levantinischer Schläue“ und überhaupt: „Die Mentalität des Südens (…) verträgt sich nicht mit dem linearen Effizienzdenken des Nordens.“

Es sind harte Töne, die der 67-Jährige anschlägt. Bis hierhin sind die Einlassungen unnötig, aber tolerierbar. Indiskutabel hingegen ist, dass der Sozialdemokrat den Holocaust und die europäische Währung in Verbindung bringt. Dass Vertreter seiner Partei, der Grünen und der Linken für die Einführung von Eurobonds plädieren, seien jenem deutschem Reflex geschuldet, „wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben“, so Sarrazin.

Bedauerliche Exzesse

Diese Exzesse sind umso bedauerlicher, da sich Sarrazin abseits der populistischen Ausflüge auf 417 Seiten seriös an der Gemeinschaftswährung abarbeitet und brauchbare Denkanstöße liefert. Beginnend mit dem deutschen Wirtschaftswunder zeichnet er den Aufstieg der D-Mark nach, beschreibt den Weg in die Währungsunion und analysiert die Probleme und Chancen der Gemeinschaftswährung.

Der 67-Jährige zitiert namhafte Ökonomen, Historiker und Journalisten, bietet umfangreiches Zahlenmaterial an – und bestreitet vehement die Merkel’sche These: Scheitert der Euro, scheitert Europa. Wie stimmig ist seine Argumentation abseits der indiskutablen Töne und welche Alternative zeigt er auf?

Verschwörung der Südeuropäer

Porträt eines Provokateurs
Thilo Sarrazin Quelle: dpa
Thilo Sarrazin Quelle: dpa
Thilo Sarrazin Quelle: dapd
Thilo Sarrazin Quelle: AP
Bahn Hartmut Mehdorn Quelle: AP
Zwischen 2002 und 2009 ist Sarrazin Finanzsenator in Berlin (hier im Bild mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit) und führt eine strenge Haushaltspolitik. Während dieser Zeit setzt er unter anderem Einsparungen von fast 600 Millionen Euro durch und verhängt 2003 eine Haushaltssperre. 2006 lehnt er eine Klage des Landes Berlin ab, das wegen "extremer Haushaltsnotlage" Sanierungshilfen vom Bund gefordert hatte. Quelle: dpa
Sarrazin Schatten Quelle: dpa

Sarrazin beginnt mit einem Ausflug in die Geschichte, um zu zeigen, wie wichtig Vertrauen für eine Währung ist. Nur die Länder, die in den vergangenen Jahrzehnten garantieren konnten, dass der Gegenwert ihres Geldes stabil blieb, konnten prosperieren. Die größte Gefahr für die Inflationsraten seien die öffentlichen Finanzen. Wer übermäßig viele Schulden anhäuft, sät Misstrauen, die Kredite eines Tages durch die Notenpresse zu finanzieren, fasst Sarrazin schlüssig zusammen.

Von daher sei der Maastricht-Vertrag mit seinen EU-Konvergenzkriterien, der 1992 unterzeichnet wurde und den Weg zur Gemeinschaftswährung ebnete, „gut durchdacht“ gewesen. „Die beiden Maastricht-Kriterien – eine Obergrenze von drei Prozent des BIP für die jährliche Neuverschuldung und von 60 Prozent des BIP für den staatlichen Schuldenstand – waren wissenschaftlich zwar nicht zwingend, aber sie waren pragmatisch sinnvoll. Sie konnten als eine Verschuldungsregel des gesunden Menschenverstandes betrachtet werden“, so Sarrazin weiter.

Das Problem: Wesentliche Punkte des Maastricht-Vertrags wurden in den Folgejahren missachtet. Auch von Deutschland. So bedrängten der damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder und der französischen Staatschef Jacques Chirac 2003 die Partner, auf Sanktionen zu verzichten – obwohl beide Länder deutlich über den Maastricht-Kriterien lagen. Ein Dammbruch. Sarrazin schlussfolgert richtig: Der Stabilitätspakt „wurde in den Jahren danach ziemlich zahnlos“.

„So unklar war der Vertragstext nicht“

Nicht nur die Tatsache, dass die EU-Konvergenzkriterien ausgehöhlt wurden, macht Sarrazin Bauchschmerzen. Der ehemalige Bundesbanker kritisiert vielmehr, dass seit dem Ausbruch der Schuldenkrise auch die Unabhängigkeit der EZB und das No-Bail-Out-Prinzip völlig außer Acht gelassen wurden. „Intellektuelle Gründe konnte das nicht haben. So unklar war der Vertragstext nicht“, poltert Sarrazin. 

Vielmehr geht der 67-Jährige von einer Verschwörung der Südländer gegen die wohlhabenden nord-europäischen Staaten inklusive Deutschland aus. Sarrazin erklärt sich und dem Leser die Anleihenkäufer der EZB seit 2010 mit der nationalen Herkunft der Notenbanker. „In der Krise konnte man vom EZB-Präsidenten Trichet zeitweise den Eindruck bekommen, dass er eher als hoher Repräsentant der französischen Republik denn als Präsident der EZB agierte“, schreibt Sarrazin.

Dass in der Euro-Politik zunehmend die Südeuropäer den Ton angeben, stellte auch die WirtschaftsWoche im Februar fest. Denn mit den Anleihenkäufen und dem Dreijahrestender der EZB vom Dezember 2001 zeigte sich, dass „die EZB stabilitätspolitisch entkernt ist“ und im Direktorium der Frankfurter Notenbank „ die Vertreter der Südländer und Weichwährungsapologeten den Ton“ angeben.

Abrechnung mit Griechenland

Die Weisheiten des Thilo Sarrazin
Mit "Deutschland schafft sich ab" wurde Thilo Sarrazin zum umstrittensten Autoren Deutschlands. Nun bringt der Sozialdemokrat ein neues Buch heraus. Diesmal zur Gemeinschaftswährung. "Europa braucht den Euro nicht", behauptet Sarrazin. Sein letzter Coup liegt nunmehr schon fast zwei Jahre zurück. Es war seine steilste These: Sarrazin sah Deutschland wegen angeblich geringerer Bildung der Zuwanderer in Gefahr. "Wir werden auf natürlichem Wege durchschnittlich dümmer", sagte Sarrazin. Zuwanderer "aus der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika" wiesen weniger Bildung auf als Migranten aus anderen Ländern. Einwanderer bekämen zudem mehr Kinder als Deutsche. Es gebe „eine unterschiedliche Vermehrung von Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlicher Intelligenz“, sagte der frühere Berliner Finanzsenator. Intelligenz werde von Eltern an Kinder weitergegeben, der Erbanteil liege bei fast 80 Prozent. Seine Thesen breitete der Politiker in seinem Buch aus, das 2010 erschien: "Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen". Schon zuvor war Thilo Sarrazin als streitbarer Politiker und Bundesbankvorstand mit umstrittenen Ansichten in den Fokus medialer Aufmerksamkeit geraten. Quelle: dpa
Thilo Sarrazin sagte außerdem über Griechenland: "Mir ist nicht klar, wie ein Land mit einem derartigen Schuldenberg dauerhafte Perspektiven haben soll.“ Quelle: AP
Den Griechen gab Mister Sarrazin folgenden Rat auf den Weg: Wenn sie ihre Schulden nicht refinanzieren können, dann müsse das Land das tun, was jeder Schuldner tut - es meldet eben Insolvenz an. Für den Euro sieht Sarrazin keine Gefahr: "Das hat mit dem Thema Währung nichts zu tun. Dass General Motors in die Insolvenz gegangen ist, hat den Dollar nicht beeinträchtigt. Wieso soll es den Euro beeinträchtigen, wenn Griechenland mit 300 Milliarden Euro insolvent geht?" Starke Worte des streitbaren Politikers, von dem übrigens auch folgender Satz überliefert ist: "Wo ich bin, ist niemals abseits. Wo ich bin, ist der Mittelpunkt der Welt, und das erklärt das meiste." Quelle: dpa
Zuvor war es wieder ein wenig still geworden um Thilo Sarrazin - Deutschlands Politiker mit dem größten Aufreg-Faktor. Bis sich der Bundesbank-Vorstand mal wieder über seine eigene Sicht der Berliner (Bildungs-)Verhältnisse äußerte und gegen Eltern, die ihren Kindern Fernseher in die Kinderstube stellen, ausholte: "In Wedding steht in 45 Prozent der Kinderzimmer ein Fernseher, in Westend nur in 4,5 Prozent." In Wedding gäbe es darüber hinaus eine höhere Quote an Fettleibigkeit. Klare Ansage: Wer weniger TV schaut, der isst auch weniger - ein logischer Kausalzusammenhang und ein deutlicher Sarrazin. Foto: dpa Quelle: APN
Sarrazin ist auch SPD-Mitglied. Während viele in seiner Partei mit einer Annäherung zur Linkspartei liebäugeln und einer möglichen Koalition auf Länderebene kokettieren, spracht Sarrazin auch hier klare Worte. Zum Programmentwurf der Linkspartei äußerte er sich jüngst folgendermaßen: "Das ist eine Ansammlung von verstaubten Asservaten aus dem ideologischen Museum." Ein Freund der Linken wird Thilo Sarrazin wohl nicht mehr werden. Im Bild: Oskar Lafontaine, links, WASG Mitglied, Gregor Gysi, Mitte, Delegierter der Linkspartei.PDS, und der Parteivorsitzende Lothar Bisky, rechts, feiern im März 2007 die Vereinigung der Linkspartei.PDS mit der WASG. Quelle: AP
Zuletzt war Thilo Sarrazin zu einer Diskussion über Integration geladen, da waren die Erwartungen besonders hoch. Und das damalige Vorstandsmitglied der Bundesbank enttäuschte seine Fans nicht. Von seinen umstrittenen Äußerungen wollte er sich nicht distanzieren: "Das ist wie beim Paukenschlag bei Haydn. Irgendwann müssen die Leute auch mal aufwachen. Danach kann man wieder ein bisschen weiterdudeln", sagte Sarrazin. Und legte gleich wieder nach: "Wenn die Hausaufgaben nicht gemacht werden, dann wird eben das Kindergeld um 50 Prozent gekürzt". Dabei haben ihm seine Verbalattacken bereits Forderungen nach einem Parteiausschluss eingebracht… Quelle: dpa
Der Kreisverband Berlin-Spandau hatte neben anderen Parteigliederungen den Parteiausschluss des ehemaligen Berliner Finanzsenators gefordert. Am Ende brachte es die SPD jedoch nicht übers Herz, ihrem umstrittenen Mitglied das Parteibuch zu entreißen. Sarrazins Hang zu klaren Worten hätte der Ausschluss kaum gebremst, denn… Quelle: dpa

Sarrazin charakterisiert die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank zu Recht als ein „Element gemeinsamer Haftung, genauso wie Kredite durch den EFSF oder Eurobonds. Am Ende liegt die Haftung aber nicht bei allen, sondern nur bei jenen, die noch zahlungsfähig sind. Ein immer größerer Teil der Staatsschulden im Euroraum von acht Billionen Euro wird damit wirtschaftlich gesehen von Deutschland verbürgt“, kritisiert der ehemalige Finanzsenator von Berlin.

Zudem führe die Vergemeinschaftung von Schulden zu einem Laissez-faire der Südländer. Ohne den Druck der Finanzmärkte würden die Euro-Pleiteländer Reformen aufschieben und ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht zurückerlangen können.

Insbesondere Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble, aber auch die SPD und Grüne, greift Sarrazin scharf an, da sie den Reformdruck auf die Südländer untergraben hätten. Dass Schäuble dem Rettungspaket für Griechenland zustimmte, sorgte bei Sarrazin nach eigenen Worten für Kopfschütteln. „Ich fragte mich fassungslos, ob er und ich denselben Vertrag (Vertrag von Maastricht, Anm. der Red.) gelesen hatten.“

Rettungspakete für Athen verpuffen

Griechenland hätte, da ist Sarrazin kompromisslos, zu keinem Zeitpunkt Hilfen der Euro-Partner bekommen dürfen. Nicht nur, weil klar gewesen sei, dass es dafür keine juristisch Grundlage gegeben habe, sondern vor allem, weil die Milliarden-Zahlungen an Athen nichts an den strukturellen Problemen Griechenlands ändern würden. „Das Hilfspaket, teuer wie es ist, konzentriert sich darauf, einen Staatsbankrott zu verhindern. An die finanziellen Schwierigkeiten der griechischen Unternehmen, dem korrupten Staatsapparat und der allgemeinen Kreditklemme ändert es nichts“, so Sarrazin. Kurzum: Griechenland ist trotz Hilfszahlungen und -zusagen im Gesamtwert von 240 Milliarden Euro weiterhin nicht wettbewerbsfähig und ein Fass ohne Boden. 

Fazit: „Das Land mit der schlechtesten Governance im Euroraum hat die schwerste Sanierungsaufgabe, daran wird es ohne die Möglichkeit zur Abwertung seiner Währung scheitern müssen.“

Muss Griechenland also raus aus dem Euro? Oder soll es im Währungsverbund bleiben, Reformen durchsetzen und mit einem Marshall-Plan aufgebaut werden? Eine klare Empfehlung liefert Sarrazin nicht – ein Manko seines Buchs.

Sarrazin stellt lediglich fest, dass der Euro für Griechenland kein Segen gewesen sei, sondern gar Konflikte und Spannungen geschaffen habe, die es ohne die Währungsreform nicht gegeben hätte. Die Eskalation der Gewalt auf den Straßen, der Furcht erregende Zuspruch eines Teils der Bevölkerung für links- und rechtsradikale Parteien und der befürchtete Banken-Run scheinen Sarrazins These zu bestätigen – doch was folgt daraus?

Muss Athen raus aus dem Euro?

Deutsche glauben nicht ans Ende der Eurokrise
Vier von fünf Bundesbürgern (81 Prozent) sind davon überzeugt, dass die Eurokrise noch nicht ausgestanden ist. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Insa im Auftrag der „Bild“-Zeitung. Dagegen glauben nur sieben Prozent der Befragten, die Krise sei beendet. Sorgenvoll verfolgen viele Bundesbürger die Entwicklung in Griechenland. Nur 34 Prozent sehen das Land auf dem richtigen Weg. Hingegen sind 39 Prozent davon überzeugt, dass Griechenland sich nicht ernsthaft um Reformen bemüht, die das Land wieder zukunftsfähig machen. „Für die überwältigende Mehrheit der Deutschen ist die Eurokrise noch nicht vorbei. Diese Befürchtung wird auch Einfluss auf die Wahlen zum Europäischen Parlament haben“, sagte INSA-Chef Hermann Binkert der Zeitung. Quelle: dpa
Der Chef des Euro-Rettungsfonds ESM hat Griechenland davor gewarnt, bei einer Rückkehr an den Finanzmarkt zu viel für frisches Kapital zu zahlen. Das hoch verschuldete Land musste als erstes unter den Rettungsschirm der Euro-Länder schlüpfen und entging nur so einem Staatsbankrott. ESM-Chef Klaus Regling sagte der Wochenzeitung "To Vima", es sei natürlich, dass Griechenland nunmehr die Märkte testen wolle. Es sollte den Investoren aber keine zu hohe Rendite zahlen, um seine Schuldenlast nicht weiter zu erhöhen. Die griechische Regierung müsse sich überlegen, welchen Preis sie bereit sei zu zahlen, sagte Regling dem Blatt. Quelle: AP
Italiens neue Regierung will sich für eine Abschwächung der EU-Haushaltsziele einsetzen. Das machten Ministerpräsident Matteo Renzi und Wirtschaftsminister Pier Carlo Padoan bei der Vorlage ihrer Sparpläne deutlich. Beide kündigten an, Italien werde seine im Juli beginnende EU-Präsidentschaft dazu nutzen, die Vorgaben auf den Prüfstand zu stellen. "Wir wollen mehr denn je die Richtung Europas ändern", sagte Renzi. Italien stärke aber seine Position, wenn es seine Finanzen momentan im Zaum halte. Die Äußerungen legen nahe, dass Frankreich in den Bemühungen, mehr Zeit für die Erreichung seiner Haushaltsziele zu erhalten, mit Italiens Unterstützung rechnen kann. Renzi legte Vorschläge für die Finanzierung eines 6,7 Milliarden Euro schweren Steuersenkungsprogramms vor. Ein Großteil solle durch Ausgabenkürzungen im Umfang von 4,5 Milliarden Euro erwirtschaftet werden, sagte er vor Journalisten. 2,2 Milliarden Euro würden durch höhere Mehrwertsteuereinnahmen und Bankensteuern gedeckt. Quelle: REUTERS
Investors George Soros und Ex-Bundesbank-Chefvolkswirt Otmar Issing diskutierten an der Frankfurter Universität über die Rolle Deutschlands in der Euro-Krise. Vor der Bundestagswahl hatte Soros betont: Deutschland muss seine Verantwortung für die Eurozone akzeptieren oder aus dem Euro austreten. Die erste Variante bedeutet nach Soros' Lesart: Deutschland soll mehr Geld auf den Tisch legen. Inzwischen habe sich die Wahl jedoch erübrigt. „Jetzt ist die einzige Alternative für Deutschland seine dominante Position zu akzeptieren.“ Es müsse als „wohlwollender Hegemon nach Wegen suchen, die Schuldnerländer aus der Schusslinie zu bringen", fordert er. Quelle: dpa
"Keine Nation hat zwischen 2009 und 2013 weniger auf Austerität gesetzt als Deutschland", behauptet Paul Krugman und verweist auf eine Grafik. Das Problem an der Behauptung: Deutschland hat schon Anfang des Jahrtausends mit der Agenda 2010 schmerzhafte Reformen umgesetzt. Dadurch hatte Berlin einen zeitlichen Vorteil und brauchte sich in den Krisenjahren nicht verbiegen. Quelle: REUTERS
Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln, Michael Hüther, sowie der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher und der Leiter der europäischen wirtschaftswissenschaftlichen Denkfabrik Bruegel, Guntram B. Wolff, haben sich in der "F.A.Z." hinter das Anleihe-Kaufprogramm und die Niedrigzinspolitik der EZB gestellt. Die Debatte um die EZB-Politik werde in Deutschland „zugespitzt und mit scharfem Ton geführt“, bemängelten die drei Wissenschaftler. Dies sei schädlich, "denn einerseits scheint es so, dass die Kritik vielfach von dem Erfahrungsgrund der Bundesbank ausgeht und die Bedingungen der Geldpolitik in einer Währungsunion verkennt, und andererseits ist die europäische Krise noch nicht überwunden.“ Die Klagen der Deutschen über zu niedrige Zinsen watschten sie ab: "Es kann nicht die Aufgabe der EZB sein, die Geldpolitik auf ein einziges Land auszurichten, sondern Geldpolitik muss für die Eurozone als Ganzes umgesetzt werden." Quelle: dapd
"Der EZB-Rat sollte sich zu umfangreicheren Wertpapierkäufen durchringen", sagte der Wirtschaftsweise Peter Bofinger tags zuvor in einem Interview. Der Ökonom, der die Bundesregierung berät, ist sich sicher: "Damit kann man dafür sorgen, dass es erst gar nicht zu einem Abrutschen des Euro-Raums in die Deflation kommt." Für Bofinger haben die Hüter des Euro um EZB-Präsident Mario Draghi noch Nachholbedarf: "Im Vergleich hat die EZB bislang sehr konservativ agiert." Nicht kleckern, sondern klotzen ist deshalb wegen der mit 0,7 Prozent für den Geschmack vieler Ökonomen zu niedrigen Teuerung auch für Bofinger die Devise: "Maßnahmen wie eine weitere kleine Zinssenkung oder ein längerfristiges Versprechen, die Leitzinsen extrem niedrig zu lassen - meinetwegen auch verbunden mit einem konkreten Zeitrahmen -, sind alles nur Tropfen auf den heißen Stein in der aktuellen Lage." Quelle: dapd

Deutschland, so viel gibt Sarrazin immerhin preis, habe nicht das Recht, dem griechischen Staat Vorschriften zu machen, „wie es leben und seine inneren Angelegenheiten organisieren soll“. Das würde sowohl den Erzieher als auch die Erziehenden überfordern. Grundsätzlich aber bräuchte es eine einheitliche Fiskal- und Ordnungspolitik. Darauf in den Verträgen von Maastricht zu verzichten, sei das Kernproblem des Euro. „Es war (…) ein schwerer Fehler, in der EU ohne politische Union eine gemeinsame Währung einzuführen“, sagt Sarrazin. 

Insbesondere Deutschland hätte auf die Übertragung von Souveränität nach Brüssel drängen müssen, so dass die Euro-Partner die übermäßige Verschuldung eines Einzelnen frühzeitig und wirksam untersagen hätten können. Doch Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl, der die Währungsunion maßgeblich vorangetrieben hat, war „ein europäischer Visionär, kein Ökonom“, bedauert Sarrazin.

Dass unser Land von der Mitgliedschaft in der Europäischen Union und im Euro-Verbund profitiert, dass die Wirtschaft die Gemeinschaftswährung braucht, wie es die große Mehrheit der Unternehmer behauptet, glaubt Sarrazin nicht.

Der Euro schadet dem Handel

Im Gegenteil: Die gemeinsame Währung habe der Wettbewerbsfähigkeit der südlichen Euroländer geschadet und den Handel innerhalb der Eurozone abgewürgt. Sarrazin verweist auf Zahlen, wonach der Handel mit den Ländern der Gemeinschaftsunion seit der Euro-Einführung an Bedeutung verloren habe. Wahr ist: 1998 verkauften die deutsche Unternehmen 45,2 Prozent ihrer Waren in die Länder, die heute den Euro als Währung haben. Bis 2011 sank der Anteil auf 39,2 Prozent. Die Geschäfte mit den übrigen Staaten Europas blieben hingegen stabil. Der Anteil der abgesetzten Waren nach Europa (ohne Euroraum) lag 2011 wie auch 1998 bei trotz der Wechselkursrisiken bei 19,5 Prozent.

„Deutschland brauchte den Euro nicht, um seine Wettbewerbsfähigkeit für die Zukunft zu sichern und zu schützen“, fasst Sarrazin zusammen, schränkt aber ein: „Natürlich weiß niemand, wie die Entwicklung ohne Währungsunion verlaufen wäre.“

Auch zur drohenden finanziellen Repression verliert sich Sarrazin in Allgemeinplätzen. „Unklar ist im Frühjahr 2012, ob wir uns hier nicht schon längst auf der schiefen Ebene befinden, die am Ende Deutschland mit größerer Inflation und bei fortgesetzter Niedrigzinspolitik der EZB mit einer Entwertung der Geldvermögen bestraft.“ Wie stabil der Euro im Vergleich zur D-Mark ist, was man Politikern und Sparern nun raten soll, bleibt unbeantwortet. Ökonomen wie Hans-Werner Sinn oder der Chefvolkswirt der Vermögensverwaltungsgesellschaft Allianz Global Investors, Stefan Hofrichter, sind da weiter und wagen längst einen detaillierteren Blick in die Zukunft.

Sarrazins hingegen begnügt sich damit die aktuelle Krisenpolitik aus ökonomischer Sicht zu kommentieren, dass allerdings durchaus bemerkenswert. „Die Verteidigung des Euro geschieht gegenwärtig (zu Beginn des Jahres 2012) nicht wegen des ökonomischen Nutzens, den er stiftet, sondern wegen der Risiken und finanziellen Verluste, die ein Auseinanderfallen der Währungsunion mit sich bringen würden.“

Fazit: Viel Wahres, wenig Neues

 

Wie viel der Euro wirklich wert ist
Euro oder Gold
Der Euro im Währungsmix...
...und gegenüber dem DollarGemessen an der US-Währung hatte der Euro einen schwachen Start – dann stieg er kräftig an und erreichte im April 2008 mit fast 1,60 Dollar seinen höchsten Wert. Doch mit Ausbruch der Finanzkrise sackte er ab.
Bislang kein Teuro
Schwellenländer holen aufDie Währungen der BRIC-Länder (Brasilien, Russland, Indien, China) gewinnen an Bedeutung. Der Euro wertete seit Ausbruch der Krise gegenüber diesen Währungen ab (Index 2000 = 100; Quelle: Thomson Reuters).

Was also bleibt nach 417 Seiten Sarrazin? Insbesondere die Erkenntnis, dass der Autor die Grundprobleme des Euro treffend schildert. Natürlich war es ein Riesenfehler, den Euro einzuführen, bevor Europa politisch zusammengewachsen ist. Griechenland hätte nicht in die Währungsgemeinschaft aufgenommen werden dürfen – und ja, 2010 wäre es wohl besser gewesen, Griechenland kontrolliert pleite gehen zu lassen und anstatt den Kollaps mit hunderten von Milliarden hinauszuzögern.  

Allerdings ist auch klar: Neu sind diese Schlussfolgerungen nicht. Sie sind inzwischen größtenteils politischer Konsens. Was daraus folgt, verschweigt Sarrazin. Er verliert kein Wort über einen optimalen Währungsraum, in dem der Euro für Wohlstand und Beschäftigung sorgen könnte. Und welche Perspektive hat Griechenland? Braucht das Land eine Wiederaufbau-Initiative? Verdient es sie überhaupt? Hier hätte der Sozialdemokrat Neuland betreten und neue Denkanstöße liefern können. Diese Chancen lässt Sarrazin ungenutzt. 

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Lesefreude kommt selten auf

Weiteres Manko: Sarrazin bietet mit seinem Buch eine rein ökonomische Analyse. Dass der Euro zur Integration beiträgt, dass er das Gemeinschaftsgefühl von 327 Millionen Menschen stärkt, blendet der Ex-Bundesbanker aus. Auch die Frage, welche Rolle ein autonomes Deutschland mit seiner alternden Bevölkerung in der Welt ohne Rückhalt der Europäischen Union spielen würde, bleibt ungeklärt.

Seine populistischen Ausflüge hätte sich Sarrazin schenken können. Sie sind größtenteils unsinnig und helfen auch nicht, dass ansonsten trockene, auf Zahlen basierte Buch, aufzupeppen. Dass Sarrazin auch unterhaltsam sein kann, zeigen seine Beschreibungen des Schlingerkurses der Bundeskanzlerin. „Angela Merkel, deren Stimme sich genauso wie die der freundlichen Frau im Navigator meines Autos anhört, scheint auch exakt diese Funktion wahrzunehmen: Wenn ich offenbar falsch gefahren bin, höre ich für einige Zeit ,Wenn möglich, bitte wenden’ und dann, wenn die Abweichung sich vergrößert hat, höre ich ,Bitte links abbiegen’. Hat der Wagen das kartographierte Gelände verlassen, meldet die freundliche Stimme: ,Das Ziel liegt in der angegebenen Richtung’.“

Doch insgesamt kommt nur selten Lesefreude auf. Das liegt nicht nur an Sarrazin, sondern vor allem an der (richtig geschilderten) Krise der Gemeinschaftswährung: In Griechenland, Frankreich und den Niederlanden gewinnen anti-europäische, extreme Parteien rasant an Zulauf. In allen Ländern der Eurozone – nur Deutschland bildet die Ausnahme – schrumpfen Wohlstand und Vertrauen in die Währung. Europa droht zurückzufallen, der Euro zu scheitern.

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