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Eurorettung Deutschland verramscht sich

Der Bundesregierung ist die Eurorettung über den Kopf gewachsen. Die Mehrheit der Deutschen wird von der EZB finanziell in die Zange genommen.

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Diese Aktien rocken die Draghi-Rally

Eigentlich könnte man sich still freuen über den Dammbruch. Immobilien- und Aktienbesitz kombiniert mit Schulden ist die profitable Konstellation nach dem Beschluss der Europäischen Zentralbank (EZB), in kurzer Zeit mehr als 1000 Milliarden frisch gedruckter Euro in die Finanzmärkte zu pumpen.

Trotzdem: Jeden muss die Sorge umtreiben, dass Merkel & Co. die „Eurorettung“ über den Kopf gewachsen ist. Die Bundeskanzlerin wird ihrer Verantwortung mangels Weitblicks nicht mehr gerecht. Die Deutschen sind mehrheitlich weder Aktionäre noch Immobilienbesitzer, sondern Mieter, Sparer und abhängig Beschäftigte. Und damit werden sie finanziell in die Zange genommen. Eigentlich müssten Millionen auf den Straßen protestieren, wenn sie denn nur verstünden, was auf sie zukommt.

Ökonomen zu den Staatsanleihenkäufen der EZB

Doch auch die Politik verliert aus den Augen, wohin die Reise geht. Die Kanzlerin leistete jüngst ihren ökonomischen Offenbarungseid, als sie auf die Kritik des Sachverständigenrates an der Regierungspolitik entgegnete, dass es sich ihr nicht erschließe, wie noch nicht in Kraft getretene Maßnahmen schon vorher negative Auswirkungen haben sollen.

Sicher, für eine Physikerin wird die Glühbirne erst hell wenn der Lichtschalter betätigt wird. Der Ökonom aber weiß, dass bereits die Ankündigung einer Maßnahme Auswirkungen auf das Planen und Handeln hat.

Es zeigt sich, dass die deutsche Politik einem EZB-Chef vom Schlage eines Mario Draghi, einem ehemaligen Investmentbanker von Goldman Sachs (der Bank, die Griechenland beraten hat, wie man sich die Aufnahme in den Euroraum erschleicht), nicht gewachsen ist.

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Während die deutsche Politik die internationale Solidarität und das europäische Friedensprojekt beschwört und nicht müde wird zu wiederholen, wie stark Deutschland vom Euro profitiert, stellt Draghi sämtliche Weichen für eine möglichst anstrengungsfreie Sanierung der desolat überschuldeten Mittelmeerländer.

Erst wurden die kritischen deutschen Stimmen der ehemaligen EZB-Chefvolkswirte zum Schweigen gebracht, dann kapitulierten auch Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble. Allein die Bundesbank ist noch ein einsamer Rufer, bisweilen aber ohne Stimmrecht.

Wie Mario Draghi die Märkte mit Geld fluten kann


Die EZB kauft jetzt Anleihen der Euroländer und betreibt Staatsfinanzierung. Dazu kommt die Entlastung durch künstlich niedrige Zinsen. Selbst marode europäische Banken erhalten praktisch unbegrenzt Liquidität zum Nulltarif. Statt dieses Geld in die reale Wirtschaft zu stecken, wo es benötigt wird, investieren die Banken aber lieber in Aktien - und am Immobilienmarkt, wo die Preise und Mieten stetig steigen. Mit den Kursgewinnen an der Börse sanieren die Banken ihre Kapitalbasis – geräuschlos und ohne öffentliche Empörung.

Gleichzeitig wird an den internationalen Devisenmärkten der Euro zur Ramschwährung, wie früher Lira, Peseta und Franc. Binnen zwölf Monaten hat der Euro gegenüber dem Dollar um 16 Prozent abgewertet, gegenüber dem Schweizer Franken gar um 20 Prozent. Und der Euro wird weiter fallen. Die Politik und die deutsche Exportwirtschaft, die ein abstürzender Euro in den Exporthimmel katapultiert, bejubeln die dadurch angeblich erreichte Sicherheit der deutschen Arbeitsplätze.

Die Folgen für den Normalbürger

So wie im Fußball eine Rückrunde die Ergebnisse der Hinrunde auf den Kopf stellen kann, werden die Kosten der Eurorettung ihren Nutzen für Deutschland in den Schatten stellen. Der Euro war als Hartwährung konzipiert, vergleichbar mit der Deutschen Mark.

Doch kurz nach seiner Einführung machte das Wort vom „Teuro“ die Runde. Überall wurde großzügig bei der Umrechnung gerundet, so dass die gefühlte Inflation – und wahrscheinlich auch die tatsächliche - weit höher war als die Statistik glauben machen wollte. Das war der erste Streich.
Dann kamen die Schuldenexzesse der Südländer. Man glaubte, es sich leisten zu können dank niedriger Euro-Zinsen. Und – richtig - auch der deutsche Export hat von der schuldenfinanzierten Nachfrage anderer Euroländer profitiert. Aber nun rückt der Zahltag näher. Und es wird vermutlich nicht bei einem bleiben.

Die Krisenpolitik der Euro-Zone seit 2010

Bereits jetzt verzinsen sich Sparguthaben nicht mehr. Eine eigenverantwortlich betriebene Altersvorsorge – eine politische Forderung früherer Tage – wird obsolet. Als nächstes wird die Inflationierungsstrategie der EZB aufgehen und es werden nicht nur die Schulden der Schuldner sondern auch die Sparguthaben der Sparer real entwertet.

Der „Ramsch-Euro“ wird die Preise aller Importgüter stark steigen lassen und natürlich die Kosten für Reisen ins Ausland außerhalb der Eurozone. Schließlich sind die Deutschen nicht nur Exportweltmeister, sondern auch Reiseweltmeister. Schon jetzt ist die Inflation deutlich höher, rechnete man den mehr als halbierten Ölpreis einmal heraus. Was aber passierte, wenn der Ölpreis auf sein Ausgangsniveau zurückkehrt, sich also vom heutigen Preisniveau wieder mehr als verdoppelte?

In Arbeit
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Eine Währung, deren Wert international erodiert, wertet sämtliche Vermögensgegenstände einer Volkswirtschaft massiv ab - ihren Immobilienbestand, ihre Infrastruktur und ihre Unternehmen. Ausländische Investoren mit härterer Währung werden sich zu Spottpreisen die Filetstücke der deutschen Wirtschaft einverleiben und dort „Heuschreckenunheil“ anrichten können - mit schlimmen Folgen.

Doch ist die Verzweiflung über den Vermögens- und Einkommensschwund erst einmal groß genug, dann beginnen Kreti und Pleti in Aktien zu investieren – wahrscheinlich kurz vor dem Platzen der Börsenblase. Die Banken dürften zu diesem Zeitpunkt bereits Kasse gemacht haben. Dann kommt die Zeit, Schlussbilanz zu ziehen für das Projekt Euro.

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