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Ex-Wirecard-Chef „Ich wohne derzeit in der JVA Augsburg“

Der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Wirecard, Markus Braun, blickt in die Runde vor seiner Aussage vor dem Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestages. Quelle: dpa

Ex-Wirecard-Chef Markus Braun war zum Untersuchungsausschuss nach Berlin geladen. Dort verweigerte er zu vielen Fragen des Skandals die Aussage. Doch er nahm Behörden, Wirtschaftsprüfer und Aufsichtsräte in Schutz.

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Berlin, das Paul-Löbe-Haus, Donnerstagnachmittag um kurz vor halb zwei. Markus Braun hat es sehr eilig, in den Sitzungssaal 2600 zu kommen. Der Untersuchungshäftling will nicht durch ein Spalier aus Mikrofonen und Kameras schreiten, deshalb nimmt er den Hintereingang des Saals. Er trägt keine Handschellen.

Er nimmt Platz, neben ihm sein Strafverteidiger Alfred Dierlamm. Braun trägt einen dunklen Rolli unterm Sakko – so wie früher, als er noch Wirecard-Chef war. Ein Rolli wie Steve Jobs. Braun hat sich, als er noch Wirecard-Chef war, gefallen in der Rolle des Anführers eines Tech-Weltkonzerns, eines Tech-Nerds. Doch an diesem Donnerstag ist Braun kein CEO eines Weltkonzerns, sondern Beschuldigter im wohl spektakulärsten Betrugsfall der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Und Zeuge im Untersuchungsausschuss des Bundestags.

Der Ex-Wirecard-CEO Markus Braun kam durch einen Hintereingang zur Sitzung des parlamentarischen Untersuchungsausschusses. Quelle: REUTERS

Der Vorsitzende Kay Gottschalk (AfD) heißt ihn „herzlich willkommen“, er wird darüber unterrichtet, dass er sich strafbar macht, wenn er falsche Angaben macht.

Dann soll er sich vorstellen: „Mein Name ist Markus Braun, ich bin 51 Jahre alt, ich wohne derzeit in der JVA Augsburg und ich bin Wirtschaftsinformatiker.“

Er hat eine Erklärung vorbereitet, die er vorlesen will. „So, hören mich alle gut?“ Braun schaut sich etwas unsicher um. Dann schaut er auf die wenigen Blätter Papier vor sich. Botschaft: Er wolle sich gegenüber der Staatsanwaltschaft München äußern, nicht gegenüber dem Ausschuss. Die Staatsanwaltshaft wirft ihm und anderen ehemaligen Top-Managern von Wirecard vor, die Bilanzen durch Schein-Umsätze aufgebläht und so Banken und Investoren getäuscht zu haben.

„Ich vertraue in die Unabhängigkeit und die Objektivität der Ermittlungsbehörden“, sagt Braun. Insbesondere darauf, dass die Staatsanwaltschaft „besonders den Verbleib der veruntreuten Unternehmensgelder“ aufklären wird.

Das zeigt: Braun sieht sich weiterhin als Opfer, er hatte die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen ihn bereits zurückgewiesen.

Am Ende würden Gerichte darüber entscheiden, wer die rechtliche Verantwortung für den Zusammenbruch der Wirecard AG trägt, sagt Braun. Er habe der Staatsanwaltschaft München die Kooperation angeboten und wolle sich „zeitnah zu den verfahrensrelevanten Sachverhalten persönlich äußern.“ Die bedeutet: „Ich bitte um Verständnis dafür, das ich meine Angaben gegenüber der Staatsanwaltschaft hier nicht vorwegnehmen kann und will.“

Der Untersuchungsausschuss soll ja vor allem prüfen, ob staatliche Aufsichtsbehörden im Fall Wirecard versagt haben.

Braun liefert immerhin eine „zusammenfassende Anmerkung“, „aus meiner ganz persönlichen Sicht“: Er stelle fest, dass er „zu keiner Zeit Feststellungen getroffen oder auch nur Hinweise darauf erhalten habe, dass sich Behörden, Aufsichtsstellen oder Politiker nicht korrekt, pflichtwidrig oder in irgendeiner Form unlauter verhalten hätten. Das gilt auch für den Aufsichtsrat als Kontrollorgan und die Wirtschaftsprüfer“. Zu weiteren Details wolle er sich nicht äußern und berufe sich auf sein „umfassendes Aussageverweigerungsrecht“.

Denn: Alle weiteren Fragen seien Teil eines „mosaikartigen Gesamtgebildes“. Jede Frage ist sozusagen ein Mosaikstein im großen Wirecard-Komplex, den er mit den Staatsanwälten besprechen will.

Braun hat nur wenige Minuten gesprochen. Er wirkt nicht emotional, auch nicht aufgeregt. Wie früher, wenn man auf Pressekonferenzen nicht erkennen konnte, wie er eigentlich gerade fühlt. Er verschränkt die Arme vor der Brust. Wie zum Schutz gegen die kritischen Fragen, die jetzt auf ihn einprasseln. Es ist 13.44 Uhr, ab jetzt wird von Braun nicht mehr viel kommen.

Die Abgeordneten lassen sich von Brauns Variationen der Verweigerung nicht irritieren. Jede Fraktion nimmt die Herausforderung an – immer in der Hoffnung, doch noch etwas zu erfahren: ein falsches Wort vielleicht, eine Unachtsamkeit, aus der sich ein Hinweis gibt. Und so entwickelt sich eine muntere, aber unbefriedigende Fragerunde. Immerhin: Wer noch einmal alle offenen Fragen des Wirecard-Skandals hören wollte, bekam einen guten Überblick.



Matthias Hauer, CDU-Obmann im Ausschuss, beginnt. Braun habe grundsätzlich kein umfassendes Aussageverweigerungsrecht für alle Fragen, stellt er klar. „Ich sehe nicht ein, da locker zu lassen“. Er wolle ihm die Gelegenheit ermöglichen, reinen Tisch zu machen. Aber Braun will nicht.

Der Ausschuss-Vorsitzende Gottschalk versucht sein Glück dann mit Fragen zu Reaktionen der Bafin – oder wie die Treffen zwischen Wirecard-Managern mit bayerischen Landespolitikerin zustande kamen.

Braun bleibt dabei: „Ich werde mich heute nicht zu Sachverhalten außerhalb meines Statements äußern.“

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