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Exklusive Umfrage Wem Deutschlands Top-Ökonomen den Nobelpreis geben würden

Bevor der Gewinner des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften 2021 bekannt gegeben wurde, hat die WirtschaftsWoche hat deutsche Ökonomen um ihr Votum gebeten: Wer hätte die Auszeichnung verdient?

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Alfred Nobel konnte Volkswirte nicht leiden. Die Auszeichnung, auf die am Montag weltweit Top-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hoffen, ist denn auch kein echter Nobelpreis, sondern wird seit 1968 von der Schwedischen Reichsbank gestiftet. Trotzdem hat der Preis einen festen Platz neben den klassischen Nobelpreisen für Physik, Chemie, Medizin, Literatur und Frieden - und gilt als die mit Abstand wichtigste Auszeichnung im Bereich der Ökonomie. Im vergangenen Jahr gewannen mit Paul Milgrom und Robert Wilson wie so oft amerikanische Ökonomen. Und diesmal? Wer hätte den Preis 2021 am meisten verdient?  Die WirtschaftsWoche hat sich in der deutschen VWL-Szene umgehört.


Carl Christian von Weizsäcker (Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern): „Mein Kandidat ist der ungarische Ökonom Janos Kornai. Seine Beiträge zur Systemtheorie der Ökonomien sind es wert, endlich besser zur Kenntnis genommen zu werden. Bekannt wurde vor allem sein Gedanke über Soft Budgets, den er primär auf die Zentralverwaltungswirtschaft angewandt hat. Aber er gilt – mutatis mutandis – überall. Sein Post-Mortem-Buch über den Sozialismus der Zentralverwaltunsgswirtschaft ist besser als alles, was ich dazu gelesen habe. Seine einzigartige Lebenserfahrung eines Daseins in diesem Regime mit zugleich großer Anerkennung in der westlichen Fachwelt hat ihm eine einzigartige, viel zu wenig gewürdigte wissenschaftliche Lebensleistung ermöglicht.“

Christoph M. Schmidt,  Präsident des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen: „Ich setze für den Nobelpreis auf das Power Couple Susan Athey und Guido Imbens. Beide haben große Beiträge im Zukunftsbereich Machine Learning geleistet. Als Professorin für „Economics of Technology“ an der Universität Stanford war Susan Athey eine der ersten Wissenschaftlerinnen, die sich aus ökonomischer Perspektive mit Themen wie künstliche Intelligenz, digitale Märkte und Ökonomie des Internets beschäftigt haben. Ihr Ehemann Guido Imbens ist ein herausragender Ökonometriker. Er hat ebenfalls eine Professur in Stanford und forscht gemeinsam mit seiner Frau an der Schnittstelle von Ökonometrie und Machine Learning-Methoden. Mein Dauer-Tipp lautet zudem: David Card. Als Pionier der Angewandten Mikroökonometrie und Wegbereiter der evidenzbasierten wirtschaftspolitischen Beratung hätte er den Preis verdient.“

Albrecht Ritschl (London School of Economics): Schön wäre ein Preis für Andreu Mas-Colell (Universität Pompeu Fabra) und seinen Differenzierbarkeitsansatz zum allgemeinen Gleichgewicht. Fachlich gesehen ist der Preis für Mas-Colell aber unwahrscheinlich, denn es handelt sich um trockene Theorie. Und mit Paul Milgrom hat den Preis ja gerade erst ein Mikroökonom erhalten. Dringend überfällig ist außerdem ein Nobelpreis für Robert Barro (Harvard University) für seine Arbeiten zur Steuerglättung. Aber aus irgendeinem Grund scheint es nachhaltig nicht auf ihn zuzulaufen.“

Justus Haucap (Universität Düsseldorf): „Ich würde Mark Granovetter (Stanford University) auszeichnen – weil er erkannt hat, wie wichtig auch lose soziale Beziehungen für das Funktionieren von Märkten sind (strength of weak ties). Man könnte ihn eventuell zusammen auszeichnen mit Robert Putnam (Harvard University): für die Erkenntnisse über die Bedeutung des so genannten Sozialkapitals.“

Volker Wieland (Universität Frankfurt, Mitglied der Wirtschaftsweisen): „Ich würde John B. Taylor (Stanford University) wählen. Und zwar für seine weitreichenden Beiträge zur Analyse von Preis- und Lohnrigiditäten und geldpolitischen Regeln. Damit hat er die Grundlage für die moderne neu-keynesianische Analyse der Stabilisierungspolitik gelegt.“



Stefan Kolev (Hochschule Zwickau): „Meine Wahl fällt auf Deirdre N. McCloskey (University of Illinois at Chicago) und Israel M. Kirzner (New York University). McCloskey hat mit ihren Pionierleistungen bei der Anwendung kliometrischer Methoden in der Wirtschaftsgeschichte zur quantitativen Erforschung der Industriellen Revolution entscheidende Impulse beigetragen. Ihr Werk zur Bedeutung von Rhetorik im wirtschaftswissenschaftlichen Diskurs hat viele Ökonomen über die Notwendigkeit rhetorischer Achtsamkeit in der sozialwissenschaftlichen Forschung und bei der Kommunikation der Forschungsergebnisse sensibilisiert. Mit ihrer Trilogie zu bürgerlicher Kultur und Tugenden hat McCloskey aufgezeigt, wie eine kulturelle Ökonomik mit qualitativen Methoden die Entstehung der westlichen Zivilisation und ihre einzigartige Beseitigung von Armut weltweit erklären kann. Kirzner hat die Tradition der Österreichischen Schule weiterentwickelt und für die moderne mikroökonomische Theorie anschlussfähig gemacht. Seine Beiträge zur Rolle des Unternehmertums haben wesentlich zur Erforschung von Ungleichgewichtsprozessen auf Märkten beigetragen. In der global-digitalen Ordnung der Wirtschaft mit ihrer zunehmenden Dynamik, die oft das Ergebnis von Unternehmertum ist, ist Kirzners Theorie des kapitalistischen Marktprozesses aktueller denn je.“

Rüdiger Bachmann (University of Notre Dame, Indiana): „Ich bleibe bei Michael Woodford (Columbia University). Er hat mit dem neukeynesianischen Modell die moderne Theorie der Geldpolitik entscheidend mitentwickelt. Es gibt wohl kaum eine (vermutlich keine) Zentralbank der Welt, die Geldpolitik nicht in und aus diesem Modellrahmen heraus betreibt. Woodford hat auf der Instrumentenseite gezeigt, dass Zinsregeln die optimale Geldpolitik gut approximieren. Und auf der Zielseite hat er das heute vielfach angewandte Inflation Targeting untersucht. Dabei hat er den Monetarismus, das heißt die Geldmengensteuerung in der Geldpolitik, überwunden.“

Nils Goldschmidt (Universität Siegen): “Wünschen würde ich den Nobelpreis Deirdre McCloskey. Sie hätte ihn verdient für ihre wirtschafts- und theoriegeschichtlichen Arbeiten, für ihre fundierte Kritik an ökonometrischen Methoden (beziehungsweise dem Umgang damit) und für ihr Bemühen um einen menschlichen Liberalismus (Humanomics).“

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Manfred Deistler (Technische Universität Wien): „Mein Tipp für den nächsten Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften ist Hashem Pesaran (University of Southern California). Hashem Pesaran hat wichtige Beiträge sowohl zu ökonometrischen Methoden als auch zur empirischen Makroökonomie geleistet. Dazu zählen unter anderem Verfahren zur Analyse hochdimensionaler Zeitreihen (ein Zweig von „Big Data“) in Ökonomie und Finance. Beispiele sind etwa die globalen VAR Modelle sowie Modelle und Tests für Querschnittsabhängigkeit“.

Mehr zum Thema: Was braucht es, um am Markt zu bestehen? Ein Blick auf Unternehmen, die Börsengeschichte schrieben – allen voran eine Bank.

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