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Experte über digitale Verwaltung „Das Problem ist eindeutig die Umsetzung“

Deutschen Verwaltungen fehlt es oft an digitaler Expertise, analysiert Benjamin Seibel von der Technologiestiftung Berlin. Er hat ein paar Vorschläge, wie man das ändern könnte.

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WirtschaftsWoche: Herr Seibel, was muss man sich eigentlich darunter vorstellen, wenn es heißt, die Verwaltung solle digitalisiert werden? 
Benjamin Seibel: Idealerweise heißt das nicht, dass die Verwaltung einfach nur ihre analogen Prozesse ins Internet verlegt. Stattdessen sollten ausgehend von den Möglichkeiten der Digitalisierung neue Formen der Interaktion mit den Bürgern entwickelt werden. Der Anspruch muss sein, das gleiche Niveau der Nutzerfreundlichkeit zu erreichen, das wir von kommerziellen Apps kennen. 

Warum ist das wichtig?
Es ist eine große Chance für die Verwaltung, sich in ihrer Arbeit mehr an der Lebensrealität der Bürger auszurichten, sich in sie reinzudenken: Was beschäftigt die Menschen und was brauchen sie? Zum Beispiel, wenn sie Kinder bekommen oder gerade umgezogen sind.

Deutschland, so wirkt es im Vergleich mit anderen Ländern, hinkt bei der Digitalisierung der Verwaltung aber deutlich hinterher.
Deutsche Verwaltungen sind eigentlich ganz gut darin, Strategien zu entwickeln und ihre Pläne dann groß anzukündigen. Das Problem ist eindeutig die Umsetzung. Das liegt vor allem daran, dass man versucht, die Digitalisierung aus alten Strukturen und Prozessen heraus zu bewältigen. Dabei müsste man endlich anfangen, die Dinge anders anzugehen.

Zur Person

Zum Beispiel?
Man müsste viel schneller in die Entwicklung gehen, anstatt erst jahrelang zu planen. Die Verwaltung muss sich an Ergebnissen messen lassen und nicht an Plänen. Dabei fehlt es in vielen öffentlichen Verwaltungen sicherlich auch an digitaler Expertise. Ein digitales Produkt für die Interaktion mit dem Bürger zu entwickeln, ist es etwas anderes, als Gesetze zu schreiben oder deren Umsetzung zu kontrollieren.

Wie können Verwaltungen in dieser Hinsicht besser werden?
Indem sie mutiger werden und alte Hierarchien und Strukturen aufbrechen. Es gibt genügend Beispiele aus anderen Ländern, in denen das sehr gut funktioniert hat. Dort wurden Teams gebildet, die außerhalb der eigentlichen Verwaltungsstruktur arbeiten. Die von der Mentalität her eher wie ein Start-up arbeiten, und die Dinge aus Sicht der Nutzer und nicht aus der Verwaltungsperspektive denken. So etwas gibt es in Deutschland bislang nicht.

Das hieße aber auch, dass sich Verwaltungen öffnen müssten.
Ja, und zwar sowohl organisatorisch als auch technisch. Das ist für Verwaltungen ungewohnt, weil sie sich daran gewöhnt haben, im stillen Kämmerlein zu arbeiten. In der Öffnung steckt aber eine große Chance, weil sie Transparenz und Innovation ermöglicht. Bislang sind nur wenige Unternehmen in der Lage, digitale Produkte für Verwaltungen zu entwickeln. Wenn öffentliche Daten leichter zugänglich sind, dann bieten sich Möglichkeiten für Start-ups, aber auch etwa für Bürgerinitiativen, sich bei der digitalen Entwicklung einzubringen.

Bei der Technologiestiftung Berlin kooperieren Sie eng mit dem Berliner Senat. Was haben Sie aus der Zusammenarbeit mit dieser Verwaltung bisher gelernt?
Wir haben vor allem gemerkt, wie wichtig es ist, zu verstehen, wie Verwaltung momentan funktioniert. Die Kunst ist dann, kreative Wege zu finden, um Barrieren zu überwinden. Man muss die Regeln kennen, damit man sie brechen kann. Der Dialog zwischen uns digitalen Akteuren und der Verwaltung muss auf Augenhöhe stattfinden. Und beide Seiten müssen sich öffnen.

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