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Export nach Großbritannien Die deutsche Industrie rechnet beim Brexit mit Worst-Case-Szenario

Wenn das Abkommen zwischen der EU und Großbritannien nicht bald klarer wird, müssen Unternehmen ihre Notfallpläne umsetzen, mahnt der BDI.

Die deutsche Industrie will Brexit-Notfallpläne scharf stellen Quelle: OLIVER/EPA-EFE/REX/Shutterstock

BerlinDie Sorge der deutschen Wirtschaft wird immer größer: Denn aufgrund fehlender Fortschritte in den Brexit-Verhandlungen wird ein ungeordneter Brexit am 29. März 2019 aus ihrer Sicht immer wahrscheinlicher.

Wenn die EU und Großbritannien „bis kommende Woche“ nicht Klarheit schafften, müssten die Unternehmen Konsequenzen ziehen, sagte Joachim Lang, Hauptgeschäftsführer des Industrieverbandes BDI, am Dienstag in Berlin. „Einige von ihnen werden dann gezwungen sein, ihre Notfallpläne für das Worst-Case-Szenario scharfzustellen, das keiner will und das allen schadet“, sagte Lang.

Bereits seit neun Monaten bereitet sich die Industrie in verschiedenen Arbeitsgruppen auf alle Brexit-Szenarien vor, „auch auf einen harten Brexit“, so Lang.

„Für deutsche Unternehmen ist ein zoll- und quotenfreier Warenhandel die Mindestanforderung, idealerweise im Rahmen einer Zollunion“, betonte Lang. Sollten die Verhandlungen nur auf ein Freihandelsabkommen ohne Zollunion hinauslaufen, so müssten aus Sicht der Industrie drei Grundzüge gelten: Das Abkommen muss Zölle oder Quoten ausnahmslos ausschließen, Beihilfen klar regeln und eine enge regulatorische Kooperation vorsehen.

Die möglichen Brexit-Szenarien beschreibt der BDI so: Am liebsten wäre es der Industrie, es bliebe beim Status quo und Großbritannien Mitglied im Binnenmarkt. Dies hat Großbritanniens Premierministerin Theresa May allerdings in ihrer letzten Brexit-Rede vom 2. März nochmal eindeutig abgelehnt: Der Austritt aus der EU bedeute, dass die Verhältnisse nicht mehr so eng sein werden wie heute.

Eine Kombination aus Binnenmarktregeln und Zollunion wäre das nächst schlechtere Szenario – das Großbritannien ebenfalls nicht will. Zumindest eine Zollunion wie mit der Türkei würde sich der BDI dann wünschen: Die EU und Großbritannien würden untereinander keine Zölle erheben und gegenüber anderen Ländern die gleichen Zölle.

Der Vorteil: Man bräuchte keine Ursprungsnachweise und damit kaum Grenzkontrollen. Jedoch: Auch dieses Szenario lehnen die Brexiteers – die Brexit-Befürworter in Großbritannien – bisher ab.

May sprach in ihrer Rede von einem „maßgeschneiderten Abkommen“, das für manche Branchen den Status quo erhält, für andere aber nicht. Auch ein Freihandelsabkommen nach dem Schnittmuster von Ceta, dem Abkommen zwischen der EU und Kanada, wäre den Briten demnach bereits zu uniform: Denn der Brexit-Traum beinhaltet ökonomisch ja die Freiheit, weltweit eigene Freihandelskommen unabhängig von der EU aushandeln zu dürfen.

Die EU-Position ist deshalb bisher, dass sie deshalb nur bereit ist, ein schlichtes Freihandelsabkommen mit den Briten auszuhandeln, bestenfalls nach Ceta-Standards.

Exporte sind massiv zurückgegangen

Aus Sicht der deutschen Industrie, die vielfältig mit Partnern in Großbritannien verflochten ist, wäre ein Freihandelsabkommen zwar besser als nichts. Doch es sei schon recht nahe dran am schlimmsten Szenario, dem chaotischen Austritt, der nach einer Studie Kosten von neun Milliarden Euro für die Unternehmen zur Folge hätte. Denn Waren müssten an den Grenzen deklariert, Herkunftsnachweise erbracht, womöglich Produkte nach neuen britischen Standards hergestellt werden.

Vor allem die deutsche Automobilindustrie müsste wohl ihre Lieferketten umstellen, um angesichts unvermeidbarer Dauerstaus die Produktion nicht zu gefährden.

Das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Großbritannien betrug in der Vergangenheit jährlich etwa 170 Milliarden Euro, Tendenz seit dem Brexit-Votum sinkend. „Bei den deutschen Exporten ist das Vereinigte Königreich im vergangenen Jahr bereits von Platz drei auf Platz fünf gerutscht“, sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer: Auch die jüngste Rede von May „war zu wenig, um diesen negativen Trend zu stoppen.“

Der jüngsten DIHK-Unternehmensumfrage zufolge erwarten deutschen Firmen nach einem schlechten Geschäftsjahr 2017 auch 2018 keine Besserung. Die deutschen Exporte in das Vereinigten Königreich sind laut DIHK im vergangenen Jahr um knapp zwei Prozent auf 84 Milliarden Euro zurückgegangen, während die Exporte in den Rest der Welt um knapp fünf Prozent zugenommen haben. Jedes zwölfte Unternehmen plant die für Großbritannien geplanten Investitionen auf andere Märkte zu verlagern, vor allem innerhalb der EU.

Wenn während des EU-Gipfels nächste Woche Donnerstag und Freitag nicht beschlossen werde, wie die bisher nur geplante Übergangsfrist nach dem Austrittsdatum 29. März 2019 aussehe, dann müssten die Unternehmen damit beginnen, ihre Notfallpläne tatsächlich umzusetzen, so Lang. Dies bedeutet konkret, dass deutsche Konzerne Betriebsstätten, die für internationale Märkte produzieren, in EU-Staaten verlagern.

Jene Firmen, die für den britischen Markt produzieren, werden wiederum versuchen, britische Zulieferer zu finden, um autark zu werden. Letzteres werde allerdings schwierig werden: Britische Firmen werden sich vermutlich ähnlich verhalten. Außerdem biete ein britischer Markt ohne Freizügigkeitsregelung nicht ausreichend qualifizierte Fachkräfte, nimmt der BDI an.

Noch hegt man in der Industrie die Hoffnung, dass der EU-Gipfel Fortschritte bringe, so der BDI. Der Warnschuss an diesem Dienstag soll Einsicht bringen, das Abkommen abzuwenden, was vermutlich ab dem 30. März 2019 Chaos verursachen wird.

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