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EY-Studie zu Direktinvestitionen US-Investoren ziehen sich aus Deutschland zurück

Gerade bei Investitionsprojekten von US-Konzernen in Deutschland zeigt sich ein dramatischer Rückgang. Quelle: dpa

Deutschland galt bislang als beliebtes Investitionsziel – auch von US-Konzernen: Während andere Länder viel mehr Projekte an Land ziehen konnten, stagnierten die Investitionen in Deutschland im vergangenen Jahr – und jetzt kommt es mit der Coronakrise noch dicker.

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„Europa konnte sich im vergangenen Jahr als attraktiver Investitionsstandort behaupten.“ So beginnt die Mitteilung des Wirtschaftsprüfers und Unternehmensberaters Ernst & Young (EY) zu einer heute veröffentlichten Studie zu ausländischen Direktinvestitionen in Europa und Deutschland.

Der Einleitungssatz fasst die Entwicklung auf dem Kontinent treffend zusammen. Frankreich konnte im vergangenen Jahr 17 Prozent mehr Investitionsprojekte aus dem Ausland verzeichnen, liegt mit 1197 Projekten an der Spitze. Mit 1109 Projekten folgt Großbritannien auf dem zweiten Platz (+5 Prozent). „Außerordentlich positiv hat sich 2019 hingegen der Standort Spanien entwickelt. Auch das Nachbarland Portugal (Platz 11 im Europa-Ranking) verzeichnete eine sehr positive Entwicklung: plus 114 Prozent auf 158 Projekte“, heißt es in der Studie.

Doch längst nicht für jedes Land zeigt sich eine so positive Bilanz der ausländischen Investitionen: In Deutschland nämlich stagnierten sie im vergangenen Jahr. Insgesamt sank die Zahl der Projekte ausländischer Investoren hierzulande laut Studie um 2 auf 971. Gerade bei Investitionsprojekten von US-Konzernen zeigt sich ein deutlicher Rückgang um zwölf Prozent auf 193.

Die US-Konzerne sind zwar weiter die mit Abstand größten ausländischen Investoren in Deutschland. Allerdings birgt der Rückzug des wichtigsten Investitionstreibers zumindest ein Warnsignal. Immerhin kündigten die USA im Jahr 2019 beinahe fünfmal so viele Jobs in Deutschland an wie China, das in diesem Ranking mit knapp 4000 Jobs auf dem zweiten Platz liegt. Doch auch die neu angekündigten Jobs der US-Konzerne gingen 2019 nach jahrelangem Anstieg zurück. Die Bedeutung der US-Projekte für den Wirtschaftsstandort ist beispiellos: Die USA schieben mehr Projekte in Deutschland an als die Plätze sechs bis zehn im Ranking zusammen.

Das nachlassende Engagement der US-Konzerne wurde vor allem von chinesischen (+27 Prozent) und insbesondere auch türkischen Investoren (+120 Prozent) ausgeglichen, die deutlich mehr Projekte starteten. Insgesamt sei vor allem Südeuropa zuletzt in der Gunst ausländischer Investoren gestiegen, heißt es in der Studie. Dort seien die größten Sprünge nach vorn festzustellen. „Im vergangenen Jahr kam die Erholung der südeuropäischen Volkswirtschaften gut voran“, sagte EY-Experte Bernhard Lorentz. „Anders als in Deutschland und im Norden Europas bremste kein Fachkräftemangel die Dynamik, die Perspektiven waren gut, die Investoren kehrten zurück.“ Dafür drohe dort nun durch die Coronakrise wohl auch der größte Absturz.

„Angesichts der derzeitigen massiven Marktunsicherheit, der immensen Kosten der Krise und ihrer dramatischen Auswirkungen auf viele Sektoren werden Investitionsprojekte derzeit einer umfassenden Revision unterzogen“, schreiben die Studienautoren. Sie schätzen, dass 65 Prozent der im Jahr 2019 angekündigten Projekte bereits realisiert wurden oder sich derzeit in der Umsetzung befinden. 25 Prozent sollen demnach aufgeschoben werden – und zehn Prozent gestrichen.

Im Jahr 2020 sei mit einem Rückgang der ausländischen Direktinvestitionen um bis zu 50 Prozent zu rechnen. „Wobei dieser je nach Sektor und Land sehr unterschiedlich ausfallen wird“, heißt es. Was laut EY in Folge der Coronakrise allerdings feststeht: Der Wettbewerb um Investitionen werde zwischen den europäischen Ländern und Städten weiter zunehmen. Für Unternehmen gebe es in der aktuellen Lage drei Prioritäten: die Neukonfiguration der Lieferketten, die Einführung von Technologien und die Konzentration auf den Klimawandel und Dekarbonisierung.

„Jetzt geht es bei vielen Unternehmen in erster Linie darum, Liquidität im Unternehmen zu halten, zumal unklar ist, wie stark und nachhaltig der Konjunktureinbruch ausfällt und wie sich Absatzmärkte mittelfristig entwickeln werden“, sagte EY-Deutschland-Chef Hubert Barth.

Mit Material von dpa.

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