EZB-Reichtumsstudie Der arme Michel träumt sich reich

Das Ergebnis der EZB-Reichtumsstudie ist so erschütternd, dass es die Deutschen nicht wahrhaben wollen. Da regt man sich lieber über falsch deklariertes Fleisch auf und übt weiter Solidarität mit Südeuropa.

Die Last ist noch sehr viel schwerer geworden. Vier, als Deutscher Michel verkleidete, Aktivisten der

Ein Skandal ist bekanntlich nur das, was als solcher empfunden wird. Zum Beispiel, wenn eine Bildungsministerin vor 33 Jahren mit ihrer Dissertation überfordert war, oder wenn Pferdefleisch in Lasagne auftaucht. Ein Skandal ist es offenbar nicht, wenn herauskommt, dass die Deutschen, die ohne Murren und Knurren mehrere Hundert Milliarden Haftung „Solidarität“ für ihre südeuropäischen Nachbarn übernehmen, die ärmsten Eurozonen-Europäer sind. Das Median-Vermögen eines deutschen Haushalts beträgt 51.000 Euro, das eines griechischen 102.000, das eines zyprischen sogar 267.000 Euro. Auch wenn man nach dem statistisch weniger aussagefähigen Durchschnittsvermögen geht, gehört Deutschland eher zu den ärmeren Ländern Europas.

Durchschnittliches Nettovermögen der Privathaushalte

Holger Steltzner, FAZ-Herausgeber schreibt, dass da "politischer Sprengstoff" drin steckt. Sollte man meinen. Die EZB selbst hat die Studie schließlich auch mit Absicht verzögert, um die Zypern-Rettung nicht zu gefährden. Auch das eigentlich ein Skandal für sich. Sollte man meinen.

Doch außerhalb der FAZ wird der Sprengstoff beflissen entschärft. Es ist schon heute kaum noch etwas von der EZB-Studie zu lesen. Und wenn doch, dann sind es Relativierungen. Unionsfraktionsvize Michael Meister steht stellvertretend für die offiziöse Deutung in Politik und Medien, die die Aussagekraft der Studie bezweifelt: Die Daten seien zu alt, weil sie teilweise 2008, also vor den Verwerfungen der Finanzkrise aufgenommen wurden. "Neuere gravierende Entwicklungen können gar nicht abgebildet werden." Haushalte seien in unterschiedlichen Staaten nicht gleich groß; in Deutschland umfassten sie weniger Menschen. "Und während man in anderen Ländern Altersvorsorge und Absicherung durch privates Vermögen betreiben muss, haben wir in Deutschland ein gutes, weit differenziertes System der Sozialversicherungen."

In Wahrheit sind diese Relativierungen überhaupt nicht stichhaltig. Die deutsche Sozialversicherung funktioniert bekanntlich als Umlage und bildet eben gerade kein Vermögen, auf das sich die Einzahler verlassen könnten. Außerhalb von Spanien hat Immobilienvermögen seit 2008 nicht wesentlich an Wert verloren. Die Haushaltsgrößen innerhalb der Eurozone sind nicht so unterschiedlich, dass sie die Statistik radikal verzerren. Auch Südeuropäer haben nicht mehr fünf Kinder. Und selbst wenn dem so wäre, machte das die Deutschen nicht reicher? Nein, es scheint so, dass die Deutschen es schlicht nicht wahrhaben wollen, dass sie nicht zu den Reichen in Europa gehören. Selbst anonyme Kommentatoren im Netz, die sonst um starke Worte nicht verlegen sind, wollen es nicht glauben.

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