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Fachkräfte Bayerns Jagd auf Spezialisten

Bayern boomt, es gibt kaum noch Arbeitslose. Nun macht der Freistaat Jagd auf Fachkräfte. Wie bayerische Experten aus dem Ausland zurückgeholt und qualifizierte Zuwanderer aus dem In- und Ausland in den Freistaat gelockt werden sollen.

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Mitarbeiter des Quelle: dapd

Ein Drittel mehr Umsatz, 200 Millionen Euro zusätzlich hätte "Antennen-Toni"  im ersten Halbjahr machen können – wenn er genügend Arbeitskräfte bekommen hätte. Doch der Arbeitsmarkt im Landkreis Rosenheim, wo Anton Kathrein seinen Stammsitz für den Antennenbau hat, ist leergefegt. Nur noch zwei Prozent Erwerbslose gibt es hier. "Das ist nicht Vollbeschäftigung, sondern schon Überbeschäftigung", stöhnt der Bayer.

Kathreins "größtes Standortproblem" betrifft viele Unternehmen im Freistaat, wo die Arbeitslosigkeit auf nur noch 3,4 Prozent gesunken ist (Bundesdurchschnitt 6,6 Prozent). "In mehr als der Hälfte aller 96 Kreise und kreisfreien Städte in Bayern lag die Arbeitslosenquote im September unter drei Prozent – damit ist dort per Definition Vollbeschäftigung erreicht", sagt Ralf Holtzwart, Geschäftsführer der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit.

Nun will der bayrische Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) zu einer groß angelegten Fachkräftejagd blasen. "Wer was kann, der kommt nach Bayern", versprach der Minister vor wenigen Tagen im Münchner Haus der Bayerischen Wirtschaft. Diese nimmt ihrerseits 40 Millionen Euro in die Hand, um Arbeitskräfte anzuwerben. Und die bayrische Arbeitsagentur startete zusammen mit dem Innenministerium die Kampagne "Bayern braucht Sie", um ausländische Studenten nach ihrem Examen im Lande zu halten.

Deutschkurse in Spanien ausgebucht

Bayern exerziert vor, was dem Rest der Republik in einigen Jahren ebenfalls droht, wenn der demografische Knick zu einem Rückgang der erwerbsfähigen Bevölkerung führt. Allein das andere Südland, Baden-Württemberg, steht bereits unter ähnlichem Druck mit einer Arbeitslosenrate von zuletzt 3,9 Prozent und reagiert darauf mit der Kampagne "Wir können alles. Außer Hochdeutsch".

"Return to Bavaria", nennt Zeil seine Aktion, mit der er zunächst "deutsche und bayrische" Spitzenkräfte ansprechen will, die ins Ausland abgewandert sind. Rückkehrwilligen will er die Reisekosten für Vorstellungsgespräche erstatten, Angehörige bei der Jobsuche unterstützen. Daneben hofft Zeil, dass mancher Heimkehrer "einen hoch qualifizierten chinesischen, indischen oder südafrikanischen Kollegen mitbringt". Die bayrischen Auslandsrepräsentanzen seien angewiesen, gezielt Fachkräfte "anzuwerben und für Bayern zu begeistern".

Arbeitslosenquoten in Bayern (September 2011; in Prozent) Quelle: Bundesagentur für Arbeit

Zumindest in Spanien sind die Deutschen schon erfolgreich unterwegs, berichtet der Rosenheimer Unternehmer Kathrein: "Dort sind alle Deutschkurse ausgebucht." In den Nachbarländern Tschechien und Österreich lässt die bayrische Metall- und Elektroindustrie einen M+E-Info-Truck rollen, um Azubis anzulocken.

Eine echte Willkommenskultur will der liberale Wirtschaftsminister in Bayern schaffen und gönnt sich einen Seitenhieb auf den großen Koalitionspartner CSU mit ihrem Ministerpräsidenten Horst Seehofer an der Spitze, der sich mit Zuwanderung noch schwertut. Doch "Stammtischparolen von vorgestern", so Zeil, würden bei der Lösung des Arbeitskräfteproblems nicht weiterhelfen. So drängt die FDP auf eine Senkung der Mindesteinkommensschwelle von 66 000 Euro auf 40 000 Euro Jahreseinkommen. Ausländische Studenten sollen zudem Aufenthalts- und Arbeitserlaubnisse leichter bekommen.

Neues Lebensgefühl

Aber nicht nur im Ausland, auch im Inland gehen die Bayern auf die Pirsch. Nördlich des Weißwurst-Äquators bedienen sie sich schon seit Längerem. In den vergangenen beiden Jahrzehnten wuchs der Freistaat um meist deutschstämmige 1,3 Millionen Bürger, was der Einwohnerzahl Münchens entspricht. Nun baut das bayrische Wirtschaftsministerium ein Online-Fachkräfteportal auf, um jüngere Spezialisten noch gezielter anzuwerben.

Um wie viel dringender die Suche noch wird, zeigt eine neue Studie des Forschungsinstituts Prognos zur "Arbeitslandschaft 2030", die die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) in Auftrag gegeben hat. Danach fehlen bereits in vier Jahren über 500 000 Arbeitskräfte allein im Freistaat, in ganz Deutschland sollen es fast drei Millionen sein. Bis 2030 soll sich die Lücke auf 1,1 Millionen in Bayern und 5,2 Millionen auf Bundesebene vergrößern – wenn sich nichts ändert.

Tut sich nichts, würden "ganze Wertschöpfungsketten abwandern", warnt VBW-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt. Auch Arbeitsagentur-Chef Holtzwart warnt vor "nachhaltig negativen Folgen für die Wirtschaft" und definiert Zuwanderung als wichtiges Betätigungsfeld – ein neues Lebensgefühl für seine Behörde.

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