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Fachkräftemangel „Die Bundesregierung war zu ängstlich“

Herbert Brücker Quelle: Presse

Im März tritt das Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft. Der Ökonom Herbert Brücker befürchtet, dass es kaum dazu beitragen wird, mehr Menschen aus dem Ausland auf den deutschen Arbeitsmarkt zu lotsen. Denn die wesentlichen Hürden blieben bestehen.

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Herbert Brücker leitet den Forschungsbereich Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und nahm als Sachverständiger auch an einer Anhörung zum Fachkräfteeinwanderungsgesetz im Bundestag teil.

WirtschaftsWoche: Herr Brücker, im März tritt das Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft. Wird es helfen, den Fachkräftemangel in Deutschland zu lindern?
Herbert Brücker: Ein paar Veränderungen sind durchaus positiv: Etwa, dass Menschen mit beruflicher Qualifikation den Hochschulabsolventen quasi gleichgesellt werden – und zwar ohne, dass für ihren Beruf ein staatlich festgestellter Engpass bestehen muss. Auch, dass die Vorrangprüfung abgeschafft wird, ist gut...

...bei der ein Arbeitgeber bislang nachweisen musste, dass wirklich kein Bewerber aus Deutschland oder der EU die Stelle übernehmen kann.
In der Praxis wird das allerdings keine großen Veränderungen bringen: In der Regel war dieser Nachweis für einen Arbeitgeber schnell erbracht. Und die größte Hürde bei der Einwanderung von Fachkräften schafft die Bundesregierung leider ohnehin nicht ab: Als Zuzugskriterium gilt auch weiterhin, dass der Abschluss anerkannt werden muss.

Die Bundesregierung will so verhindern, dass Ungelernte einwandern und Sozialleistungen beantragen. Ist das falsch?
Nein. Nur hat die neue Regelung einen weiteren Effekt: Die beruflichen Bildungssysteme in anderen Ländern unterscheiden sich stark von unserer dualen Ausbildung. Selbst wenn die neuen Verfahren also friktionsfrei ablaufen sollten – und das muss sich erst zeigen – entgeht uns so weiter wesentliches Fachkräftepotenzial.

Warum?
Bislang sind bei Verfahren, bei denen Leute aus dem Ausland einen Antrag auf Anerkennung stellen, etwa 4000 bis 5000 Menschen im Jahr erfolgreich. Dass sich das plötzlich auf 100.000 oder mehr Einwanderer skalieren lässt, halte ich für illusorisch. Dummerweise brauchen wir aber einen ganz starken Anstieg bei Fachkräften aus Drittstaaten. Denn die Bewerber aus der EU, die seit der Finanzkrise viele offene Stellen in Deutschland übernommen haben, werden bereits weniger.

Von März an dürfen nun allerdings auch Fachkräfte ohne konkrete Zusage nach Deutschland einreisen, die sich erst noch einen Job suchen wollen. Hilft das nicht?
Es stimmt schon: Das Gesetz zeigt ein paar Nebenwege auf. Aber die haben schon in der Vergangenheit nicht funktioniert. Für Uniabsolventen gilt diese Regelung ja schon länger. 2019 haben sie gerade einmal 200 Personen in Anspruch genommen.

Was würde den Zuzug von Fachkräften wirklich erleichtern?
Naheliegend wäre, auf die Hürde der beruflichen Anerkennung zu verzichten. Die meisten Länder setzen eine solche Anerkennung nicht voraus, häufig reicht ein Arbeitsvertrag. Andere Länder wie Australien und Kanada zum Beispiel haben internetbasierte Tests, mit denen Qualifikationsprofile abgeglichen werden. Diese Verfahren sind erprobt, daran könnte man sich orientieren.

Eine Sorge ist, dass Arbeitskräfte aus dem Ausland geringer bezahlt werden und so Lohndumping auslösen könnten.
Dann kann man die Kontrollen stärken und, wenn sie ihren Job angetreten haben, prüfen: Verdienen die neuen Mitarbeiter anständig? Insgesamt war die Bundesregierung bei dem Gesetz einfach zu ängstlich. Man muss sich von der Vorstellung befreien, dass Arbeitnehmer, die zu uns kommen, deutschen Arbeitnehmern exakt gleichen. Und verstehen, dass das etwas Gutes ist.

Inwiefern?
Die Menschen haben andere Fähigkeiten, ein anderes Wissen – und davon profitieren deutsche Unternehmen.

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