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Fachkräftemangel Risiko Leerstelle: Gastarbeiter gesucht

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Weibliches Potenzial

Jahrelang hatten viele Betriebe ihre Belegschaften auf Kosten der Sozialkassen geschrumpft und sich von reiferen Beschäftigten getrennt. Ältere galten als Ballast. Nach den Frühverrentungsexzessen der Achtziger- und frühen Neunzigerjahre war die Beschäftigungsquote der 55- bis 64-Jährigen im Jahr 1997 auf magere 38 Prozent abgesackt. Aber heute? „Die Unternehmen kommen weg vom Jugendkult“, sagt Arbeitsmarktexperte Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Auch im internationalen Vergleich holt Deutschland bei der Beschäftigungsquote von Älteren auf.

Auch die Politik hat umgedacht. So war die Rente mit 67 die mutigste Sozialreform der großen Koalition. 2006 setzte Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) sein Projekt gegen alle Widerstände durch. Heute, mit 70, beschwört er ein neues Argument: den Fachkräftemangel. „Rente mit 67 bedeutet, dass ab 2030 rund zwei Millionen Menschen mehr im erwerbsfähigen Alter sein werden. Die brauchen wir auch“, sagt er. Auch das IAB schätzt, dass den Unternehmen im Jahr 2030 durch die Erhöhung der Altersgrenzen vermutlich „zwischen 1,2 und gut drei Millionen Erwerbspersonen zusätzlich zur Verfügung“ stünden. Die Rente mit 67 führe zu einem „deutlichen Anstieg des Erwerbspersonenpotenzials“, schreiben die Forscher im aktuellen „Handbuch Arbeitsmarkt“.

Hektisches Fahnden

Trotzdem würden Teile der SPD die Reform am liebsten beerdigen. Müntefering selbst hatte eine Klausel in sein Gesetz geflochten: In diesem Herbst muss das Arbeitsministerium testen, ob es überhaupt genug Jobs für Ältere gibt. Erst dann darf die Reform in Kraft treten. Dumm nur, dass im Herbst auch der Parteitag der SPD ansteht – und Chef Sigmar Gabriel sich profilieren muss. Er will die Rente mit 67 aussetzen, sollte es nicht gelingen, den Anteil der älteren Beschäftigten zu erhöhen. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) ließ ihre Mitarbeiter daher hektisch nach Statistiken fahnden, um die SPD zu widerlegen. Und wurde fündig: Der Anteil der 60- bis 64-Jährigen, die weiter ihrem Job nachgehen, sei in den vergangenen fünf Jahren um zwölf Prozentpunkte auf inzwischen 40 Prozent gestiegen. Nach einer neuen Auflistung der Deutschen Rentenversicherung gehen die Beschäftigten durchschnittlich mit 63,5 Jahren in Rente – vor zehn Jahren lag der Wert bei 62,2 Jahren. „Dieser Trend wird anhalten“, glaubt von der Leyen.

Fehlen noch die Frauen zur guten Mischung. Denn bei deren Erwerbstätigkeit hinkt Deutschland hinterher. Nur 65,2 Prozent aller erwerbsfähigen Frauen gehen einer bezahlten Arbeit nach, das ist allenfalls Durchschnitt in Europa. Über Jahre gab die Politik auch hier falsche Anreize. Das Ehegattensplitting etwa habe nie die Familie gefördert, sondern nur die Alleinverdienerehe, kritisiert DIW-Präsident Klaus Zimmermann: „Arbeitsmarktpolitisch ist es aber nicht sinnvoll, qualifizierte Frauen in die Hausfrauenrolle zu drängen.“ Vor drei Jahren schon hatte Goldman Sachs eine spektakuläre Studie vorgelegt. Demnach könnte das Bruttosozialprodukt in Deutschland um neun Prozent höher ausfallen, wenn sich genauso viele Frauen wie Männer auf dem Arbeitsmarkt tummelten.

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    Mehr Arbeitskräfte und mehr Kinder

    Familienministerin Schröder will daher einen Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz für unter Dreijährige einführen: Bis 2013 soll es bundesweit für 35 Prozent Plätze geben. Die bessere Betreuung würde laut DIW-Studie dazu führen, dass mehr Frauen auf den Arbeitsmarkt drängen – und nebenbei auch mehr Kinder bekommen. Als vor drei Jahren ihre Amtsvorgängerin von der Leyen angekündigt hatte, eine halbe Million mehr Krippenplätze schaffen zu wollen, da meuterte der inzwischen zurückgetretene Bischof Walter Mixa, die Ministerin wolle „junge Frauen als Arbeitskräftereserve für die Industrie rekrutieren“ – und löste damit einen Eklat aus.

    Die ehrgeizige von der Leyen will den Beweis antreten, dass die Regierung den Fachkräftemangel nachhaltig angeht. Im eigenen beruflichen Umfeld findet sie Anschauungsmaterial genug. Eine weibliche Chefin, eine Frauenquote von 40 Prozent, dazu zwei fleißige Herren im Rentenalter und ein vietnamesisches Waisenkind: Das Bundeskabinett hat die Potenziale schon vorbildlich gehoben.

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