Fachkräftemangel „Sanktionen verbessern die Integrationschancen“

Ein symbolisches Graffitti

Deutschland gehen die Arbeitskräfte aus. Doch es gibt Strategien gegen den Personalmangel, sagt Arbeitsmarktökonom Enzo Weber. Dazu zählen längeres Arbeiten, Einwanderung und Sanktionen gegen Arbeitsunwillige.

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WirtschaftsWoche: Herr Weber, das IAB hat für das zweite Quartal mehr als 1,9 Millionen offene Stellen vermeldet – ein Allzeithoch. Gleichzeitig sind fast 2,5 Millionen Menschen arbeitslos. Wie kann das sein?
Enzo Weber: Man muss genau schauen, was sich hinter den Arbeitslosenzahlen verbirgt. Dass offene Stellen und Arbeitslosigkeit parallel existieren, ist bis zu einem gewissen Grad normal. Es gibt die so genannte Sucharbeitslosigkeit – an sich gut vermittelbare Menschen, die eine bestimmte Zeit suchen, bis der passende Job gefunden und aufgenommen ist. Im Schnitt dauert es fünf Monate, bis jemand eine neue Stelle findet. Kritischer ist die hohe Zahl der Langzeitarbeitslosen. Da gibt es ein Problem.

Welches?
Aktuell sind 900.000 Menschen länger als zwölf Monate ohne Job, das sind trotz Rückgängen noch knapp 200.000 mehr als vor Corona. Da müssen wir dringend ran.

Was könnte helfen, Langzeitarbeitslose in den Arbeitsmarkt zu integrieren?
Jeder Fall ist anders. Wer sehr lange ohne Job ist, braucht eine intensive individuelle Betreuung. Qualifizierung ist dabei sinnvoll, aber kein Allheilmittel. Nicht jeder Langzeitarbeitslose kann jede Qualifizierung bewältigen und durchhalten. Sinnvoll können daher auch staatliche Lohnkostenzuschüsse sein, um Arbeitgeber zu motivieren, auch jemanden zu nehmen, der nicht von Beginn an die gleiche Leistung wie andere bringen kann.

Zur Person

Wie viele Menschen sind wegen persönlicher Einschränkungen nicht vermittelbar?
Das ist eine Frage der Definition. Ohne realistische Chance, auf kurze Sicht am ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, dürften um die 100.000 Personen sein. 

Die Regierung hat die Sanktionen gegen Arbeitsverweigerer bis Mitte 2023 ausgesetzt. Sollte der Staat so mit Menschen umgehen, die arbeiten können, aber nicht wollen?
Die Aussetzung der Sanktionen ist wissenschaftlich nicht gedeckt: Die Evidenz spricht dagegen. Studien zeigen, dass sich durch Sanktionen die Integrationschancen in den Arbeitsmarkt verbessern lassen.

Die Erkenntnis ist sicher nicht in allen Kreisen populär...
Das muss man nicht schön finden, sollte es aber als empirisch valides Ergebnis akzeptieren. Allerdings können sehr breit angelegte Sanktionen auch kontraproduktiv sein. Sie fördern bei manchen die Bereitschaft, aus finanziellen Gründen den nächstbesten Job anzunehmen. Das ist keine nachhaltige Integration in den Arbeitsmarkt. 

Anders ausgedrückt: Sie finden, dass es für Arbeitslose besser sein kann, einen freien Job nicht anzunehmen.
Im Einzelfall ja. Vielleicht passt ein anderer Job besser zu den individuellen Kompetenzen. Vielleicht  ist auch zunächst eine Qualifizierung sinnvoller. Je knapper Arbeitskräfte sind, desto mehr kommt es drauf an, sie so passgenau wie möglich einzusetzen. Sanktionen müssen immer mit Augenmaß verhängt werden. Wir sollten in die Richtung gehen, Sanktionen nur dann vorzusehen, wenn Mitwirkung total verweigert wird.

Deutschland gehen die Arbeitskräfte aus. Das kostet Wachstum und Wohlstand – wenn Politik und Wirtschaft jetzt nicht aufwachen. Wer baut künftig Wärmepumpen? Wer pflegt die Alten? Zehn Wege aus dem Personalmangel.
von Varinia Bernau, Sophie Crocoll, Bert Losse, Harald Schumacher

Welche Rolle kann eine verstärkte Zuwanderung beim Kampf gegen die Arbeitskräftelücke spielen? 
Eine wichtige. Ohne Zuwanderung würden wir im Arbeitsmarkt bis 2030 um fünf Millionen Menschen schrumpfen. Demografiebedingt gehen Deutschland schon jetzt jedes Jahr fast 400.000 Erwerbspersonen verloren. Um nicht zu schrumpfen, bräuchten wir also per Saldo 400.000 zusätzliche ausländische Arbeitskräfte im Jahr. Das ist heftig – zumal das Zuwanderungspotenzial aus der EU sinkt. 

Verliert Deutschland an Attraktivität?
Die demografischen Probleme sind in machen Staaten noch größer, etwa in Osteuropa. Zudem hat sich das Wohlstandsniveau in Ländern wie Polen im Vergleich zu den Neunzigerjahren stark verbessert, damit sinkt der wirtschaftliche Anreiz für Arbeitnehmer, ins Ausland zu gehen. Die Zuwanderer müssen also überwiegend von jenseits der EU kommen.

Was für viele ein aufwendiger Prozess ist, den man erst einmal auf sich nehmen muss.
Und es gibt einen weiteren Punkt. Ausländer in Deutschland haben eine Abwanderungsquote von knapp zehn Prozent. Jeder Zehnte geht wieder. Diesen Wert müssen wir senken, etwa durch bessere Integration in den Arbeitsmarkt. Viele Zuwanderer in Deutschland arbeiten unter ihren Möglichkeiten. Und gerade die Erwerbsquote zugewanderter Frauen ist erschreckend niedrig.

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