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FachkräftemangelWarum Zuwanderung ein Gewinn ist – in Zukunft noch mehr

Fehlende Arbeitskräfte kosten Deutschland mehr als Hundert Milliarden Euro Wohlstand. Jahr für Jahr. Doch es gibt einen Ausweg: eine bessere Einwanderungspolitik. Und eine Willkommenskultur, die ihren Namen verdient, schreibt Janina Kugel in einem Gastbeitrag.Janina Kugel 13.01.2023 - 16:23 Uhr

Deutschlands Arbeitsmarkt hat ein Problem, dass durch Zuwanderung gelöst werden kann.

Foto: imago images

Unser Arbeitsmarkt ist im Umbruch. In den vergangenen Jahren wurde viel über Digitalisierung, Kurzarbeit oder Homeoffice diskutiert, doch viel zu wenig über die Auswirkungen der Demografie. Wenngleich der Trend schon lange ersichtlich ist: Die Zahl der Erwerbsfähigen in Deutschland sinkt kontinuierlich. Der Arbeits- und Fachkräftemangel ist da.

Laut Zahlen des IAB sind in Deutschland derzeit 1,8 Millionen Stellen nicht besetzt. Wir spüren das inzwischen in vielen Bereichen des täglichen Lebens. In Handwerksberufen, der IT und im sozialen Sektor ist Personalmangel ein Dauerbrenner. Doch dass Restaurants und Geschäfte ihre Öffnungszeiten verkürzen müssen, ist eine neue Erfahrung. Es sind nicht nur hoch qualifizierte Fachkräfte oder Menschen mit akademischen Abschlüssen, die gesucht werden: Bei einem Fünftel der offenen Stellen wird keine abgeschlossene Berufsausbildung vorausgesetzt. Was viele nicht wissen: Die Zahl der offenen Stellen könnte noch viel höher sein, hätten nicht fast zwei Millionen Menschen bei uns Arbeit gefunden, die seit 2015 zugewandert sind.

Und noch etwas anderes sollten wir wissen. Die fehlenden Arbeitskräfte kosten uns allein in Deutschland in diesem Jahr rund 105 Milliarden US-Dollar. Summiert man die Kosten für die Top-20-Industrieländer, die vor ähnlichen demografischen Herausforderungen stehen auf, so landet man bei über einer Billion US-Dollar. Diese Zahl haben wir in unserer BCG-Studie „Migration Matters“ in Zusammenarbeit mit der Internationalen Organisation für Migration der UN errechnet. Und das ist erst der Anfang. Würden wir so weitermachen wie bisher, dann hätten wir bis 2050 sogar neun Millionen offene Stellen. Denn bis dahin sind die Babyboomer in Rente. Die Zahlen sind klar. Dass wir so den momentanen Wohlstand nicht halten können, auch.

Zur Autorin
Janina Kugel ist Aufsichtsrätin und Senior Advisor der Boston Consulting Group. Von 2015 bis 2020 war sie Vorstandsmitglied bei Siemens.

Es gibt eine Reihe von Maßnahmen, dem zu begegnen. Erstens: Weiterbildung. So können Menschen für die Anforderungen des Arbeitsmarktes qualifiziert werden. Zweitens: Kinderbetreuung. Wenn wir aus den Absichtserklärungen der zuverlässigen Betreuung und Ganztagsschulen endlich Realität werden lassen, steigt auch die Erwerbstätigenquote bei Frauen. Und drittens müssen wir endlich ideologiefrei über die Anhebung des Rentenalters diskutieren. Nicht alle können mit 65 noch arbeiten, aber viele schon. Und nicht wenige möchten das auch.

Doch wie auch immer man die Rechnung durchspielt, all das wird nicht ausreichen. Wir brauchen dringend mehr Zuwanderung. Sobald jedoch das Wort Migration fällt, werden die Bilder schnell sehr einseitig: Sie zeigen Menschen, die vor Krisen und Kriegen fliehen, und Menschen, die ihr Leben riskieren, um außerhalb ihrer Heimat ein besseres Leben zu finden. Je nach ideologischer Perspektive kommt dann entweder die humanitäre Komponente zum Tragen oder die populistische. Doch über die ökonomische Notwendigkeit von Einwanderung wird viel zu selten gesprochen.

Lesen Sie auch: Deutschland braucht Zuwanderer – und zieht sie immer weniger an

Verstehen Sie mich nicht falsch: Es gibt und wird immer gute Gründe geben, aus rein humanitären Gründen zu helfen. Das ist unserer Pflicht und wird immer so bleiben. Aber es wäre falsch, die wirtschaftliche Komponente nicht zu erwähnen. Die einen suchen nach Möglichkeiten, zu arbeiten, um ihren Familien ein besseres Leben ermöglichen zu können. Die anderen suchen nach Arbeitskräften.

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Was daran ist falsch, diese beiden Bedürfnisse zusammenzubringen? Länder wie Kanada oder Portugal, denen es gelingt, Migration in ihren Arbeitsmarkt zu organisieren, profitieren in erheblichem Maße. Offene Stellen werden besetzt, Arbeitsleistung wird erbracht, und somit gewinnen nicht nur Arbeitgeber, sondern das ganze Land. Der Staat erhält mehr Steuern, der Konsum und das Bruttoinlandsprodukt steigen. Und nicht zu vergessen: Je diverser ein Unternehmen oder ein Land, desto innovativer sind sie.

Es ist gut, dass die Bundesregierung die Einwanderungspolitik modernisieren möchte, um Zuwanderung zu erleichtern. Vor allem, dass auch noch mehr der bereits hier lebenden ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger der Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglicht werden soll. Doch diese Absicht muss sich auch in der Realität wiederfinden. Digitale, transparente und schnelle Prozesse sind nötig, denn wir stehen im globalen Wettbewerb um mögliche Einwanderinnen und Einwanderer.

Ändern muss sich vor allem auch unsere Geisteshaltung. Die Behörden dürfen die Hürden nicht möglichst hoch legen, damit so wenige wie möglich kommen. Ganz im Gegenteil: Das wäre die so oft beschriebene Willkommenskultur. Schulen und Kitas müssen so ausgestattet werden, dass ankommende Kinder schnell Deutsch lernen können, denn hier beginnt Integration. Unternehmen müssen begreifen, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch außerhalb Europas aktiv rekrutiert werden können, dass fließendes Deutsch nicht immer notwendige Voraussetzung ist und ja: auch, dass der Prozess, ausländisches Personal einzustellen, zwar erst mal mühsamer ist, doch dass es sich lohnt.

Sich abzugrenzen ist einfacher, als sich zu öffnen. Abgrenzung mag kurzfristig mehr Applaus oder Wählerstimmen bringen, aber die Zukunft sichert es nicht. Um Integration nicht nur im Arbeitsmarkt, sondern auch in der Gesellschaft zu ermöglichen, liegt noch ein langer Weg vor uns. Doch ihn zu gehen wird uns reicher machen. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch menschlich.

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