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Fachkräftemangel „Wir haben uns mehrfach gefragt: Müssen wir woanders hin?“

Wie lockt das Start-up Sevdesk Fachkräfte in die Provinz? Quelle: imago-images, Martin Schengel

Baden statt Berlin? Um seine Buchhaltungssoftware weiterzuentwickeln, braucht das Unternehmen Sevdesk gute Leute. Doch das Start-up sitzt nicht in der Hauptstadt, sondern in Offenburg. Wie lockt es Fachkräfte in die Provinz? Teil 1 unserer Serie zur Wahl.

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„Die Corona-Krise hat zu einem Nachfrageeinbruch am Arbeitsmarkt geführt. Seit Mitte letzten Jahres steigt die Fachkräftelücke jedoch bereits wieder an, vor allem bei Hochqualifizierten: Hier fehlen seit Mai 2021 bereits wieder mehr Fachkräfte als vor der Krise.“
- IW-Kurzbericht 39/2021

Im Großraumbüro von Sevdesk steht ein Glücksrad: der Hintergrund schwarz-weiß gestreift, die Gewinnfelder mit Fotos und Tonpapier beklebt. Wenn Mitarbeiter neue Kolleginnen werben, und die nach der Probezeit im Unternehmen bleiben, dürfen die hausinternen Headhunter das Rad drehen. Der Trostpreis: 800 Euro. Im besten Fall erspielen sie sich sogar 2.000 Euro – kein ganz schlechter Zusatzverdienst zu einem Monatsgehalt. Aber, sagt Fabian Silberer: „Wenn man keine Mitarbeiter bekommt, ist das deutlich teurer.“

Silberer hat das Unternehmen 2013 mit seinem Studienfreund Marco Reinbold gegründet – und seither fast 180 Menschen eingestellt. Die Sevdesk-Fachleute entwickeln und vermarkten Finanzsoftware; Selbstständige und Kleinunternehmen können das Programm nutzen, um ihre Buchhaltung über Anwendungen im Netz oder auf dem Telefon zu erledigen. Im Mai investierten Geldgeber 50 Millionen Euro, als größter Investor beteiligte sich Arena Holdings aus New York, die bereits das deutsche Vorzeige-Start-up Celonis mitfinanziert hat.

Anders als Celonis, eine Ausgründung aus der TU München, hat Sevdesk seinen Sitz allerdings nicht an einem Start-up-Hotspot wie Berlin, München oder Hamburg, sondern in Offenburg: gerade einmal gut 61.000 Einwohner, badische Provinz, bekannt immerhin als Heimat des Medienkonzerns Burda. Es ist für Silberer daher eine ziemlich selbstbewusste Ansage, wenn er kundtut, in eineinhalb Jahren noch einmal 200 Menschen mehr beschäftigen zu wollen, seine Belegschaft also mehr als verdoppeln.

„Wie schwer oder wie leicht es Unternehmen fällt, passende Mitarbeiter zu finden, hängt unter anderem davon ab, wo das Unternehmen seinen Standort hat und welcher berufliche Abschluss vorausgesetzt wird.“
- KOFA-Studie 2/2018

Nur woher nehmen? Im Mai fehlten fast 270.000 qualifizierte Arbeitskräfte in Deutschland, schreiben Autoren des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) Köln in einer Studie. Die bislang größte gemessene Fachkräftelücke habe es im September 2018 mit insgesamt etwa 490.000 fehlenden Personen gegeben. „Möglicherweise werden diese Werte bald schon wieder erreicht“, erwarten die Autoren.

Mehr noch: Deutschland droht erst ein viel heftigeres Fachkräfteproblem, wenn die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge in den nächsten Jahren in Rente gehen. Die FDP wirbt vor der Bundestagswahl daher für ein Einwanderungsgesetz nach kanadischem Vorbild. Die Grünen versprechen einen kostenlosen Meisterbrief, sogenannte „Talentkarten“ für Einwanderer und eine schnellere Anerkennung ausländischer Berufs- und Studienabschlüsse.



Mitarbeiter im Ausland anzuwerben ist für junge Unternehmen aber natürlich nicht der erste Schritt. Fabian Silberer hat es anfangs wie viele Gründer gemacht. War eine Aufgabe zu erledigen, und damit eine Stelle zu besetzen, fand er die ersten Mitarbeiter im Freundeskreis, in seinem Handballverein und über Bekannte seiner Eltern. Dann machte er sich auch über soziale und Berufsnetzwerke auf die Suche nach Bewerbern.

Silberer, ein sportlicher Typ, der mit leichtem alemannischem Dialekt spricht, ist an diesem Tag für das Gespräch ins Büro gekommen. In einem unscheinbaren viergeschossigen Gewerbebau, etwa 15 Gehminuten vom Offenburger Bahnhof entfernt, hat Sevdesk zwei Stockwerke bezogen. Im Treppenhaus liegt Konfetti, viele Arbeitsplätze sind leer, wegen Corona arbeiten die Mitarbeiter derzeit oft von Zuhause.

„Wir haben uns mehrfach gefragt: Müssen wir woanders hin?“, erinnert sich Silberer. Besonders, als 2017 erstmals Investoren mehr als fünf Millionen Euro in Sevdesk steckten – und er auf einen Schlag 20 bis 30 neue Leute einstellen wollte.

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