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FDP-Parteitag „Volles Herz statt voller Hose“

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner versucht, seine Partei wieder selbstbewusst und kampfeslustig zu machen. Die Trauerphase nach der verheerenden Wahlniederlage bei der Bundestagswahl soll nun beendet sein.

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Wer durch die Straßen deutscher Städte geht gewinnt den Eindruck, in zwei Wochen kandidiere Angela Merkel gegen Martin Schulz um die Rolle der Kommissionspräsidentin. Und wer beim FDP-Parteitag dem Vorsitzenden Christian Lindner lauscht, glaubt sich mitten im Bundestagswahlkampf. Denn nach einleitenden Passagen über die Lage der Europäischen Union im Allgemeinen und die Ukraine-Krise im Besonderen geht es über eine Stunde lang nur noch um die Politik der schwarz-roten Bundesregierung. Die Gegner der FDP, nach Redeanteilen beim Vorsitzenden kalkuliert, sind an erster Stelle die CDU, gefolgt von SPD und Alternative für Deutschland (AfD). Die Grünen und die Linkspartei kommen nicht vor. Denn die Wählerstimmen erhofft sich der Oberliberale von enttäuschten Anhängern der Regierungsparteien. Und die AfD dient als Punchingball, um durch Reibung die eigene Position klarer zu machen.

Obwohl Lindner in der Vergangenheit stets darauf verwiesen hatte, dass er die AfD nicht als Konkurrenz der Liberalen sehe, attackiert er die euro-kritische Konkurrenz ausführlich. Mit der Forderung des auf Listenplatz zwei der AfD positionierten früheren BDI-Präsidenten Hans-Olaf Henkel, das Währungsgebiet in einen Nord- und einen Südeuro zu teilen, wäre der Kontinent auch politisch gespalten worden. Dabei zeige gerade die Ukraine-Krise, wie wichtig die Einheit Europas sei.

Während die anderen Parteien im Europawahlkampf vor allem an der EU herummäkelten, habe die FDP „eine realistische Position zu Europa eingenommen. Wir haben unser Programm an diesem Punkt neu akzentuiert.“ Denn auch die Liberalen wollen sich nicht mehr wie in der Vergangenheit als weitgehend kritiklose Europa-Fans präsentieren.

Dazu ist die Stimmung in der Bevölkerung mit Blick auf Gängelungen im Alltag zu kritisch. „Aber wer nur das Negative sieht, der verliert den Blick für das Wesentliche.“ Weil die Bürger in ihrer wachsenden Kriegsangst den Wert Europas höher schätzen, hält sich Lindner nicht mit der Debatte um Olivenölkännchen auf.

Angriffe gegen die Alternative für Deutschland

Wer auf das Auftauchen der AfD mit Opportunismus reagiere, (also sich offensichtlich weiter von der EU-Praxis distanziert als die FDP), der schade dem europäischen Einigungsprozess. Deshalb müsse man jetzt vom „Ja aber“ zum „Ja ,weil“ kommen: „Ja zu Europa, weil es den Frieden sichert, weil es den Wohlstand mehrt. Wir wollen Europa besser machen, aber wir wollen nicht abwickeln, wofür unsere Väter und Großväter Jahrzehnte lang gestritten haben.“ Und weiter: „Die AfD sagt: Mut zu Deutschland. Ich sage: Mut zu Europa!“

Lindner zieht dann eine Parallele zwischen dem Europawahlkampf der Republikaner 1989 und der aktuellen Kampagne der AfD. Damals hatten die rechtspopulistischen Republikaner einmalig einen Erfolg erzielt.

Dann folgen etliche Zitate von früheren Wahlplakaten – stets kombiniert mit heutigen Forderungen und Slogans der AfD. „In Wahrheit ist das Republikaner reloaded. Gleiche Vokabeln, gleiche Stoßrichtung“, ruft Lindner in den Saal.

Die teure Bilanz der großen Koalition

Der Niedergang der FDP
Machtwechsel in der FDP?Viele Parteimitglieder geben ihm die Schuld: Dem Parteivorsitzenden Philipp Rösler. Seit Wochen schon wird darüber diskutiert, ob Rösler nach einem niedersächsischen Wahldebakel zurücktritt. Noch am Freitag vor der Wahl bezweifelte dies FDP-Bundestagsfraktionsvorsitzender Rainer Brüderle. Allerdings fordert er, dass der kommende Parteitag vorgezogen wird – an dem auch die Wahl zum Parteivorsitzendem ansteht. Bisher ist der Parteitag für Mai 2013 geplant. Rainer Brüderle werden gute Chancen zugerechnet Rösler abzulösen. Quelle: dpa
Rösler: Vom Hoffnungsträger zum BuhmannRösler kommt nach den Wahlniederlagen im Frühjahr 2011 zum Zug: Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg: Die FDP kassiert gleich drei krachende Wahlniederlagen. In Mainz fliegen die Liberalen nicht nur aus der Regierung, sondern auch aus dem Landtag. Sie bekommen nur noch 4,2 Prozent der Stimmen, 3,8 Prozent weniger als fünf Jahre zuvor. Auch in Sachsen-Anhalt ist für die FDP kein Platz im Parlament, die Partei scheiterte mit 3,8 Prozent klar an der Fünf-Prozent-Hürde. In Baden-Württemberg fällt die FDP von 10,7 auf 5,3 Prozent. Grün-Rot übernimmt die Macht. Damaliger Buhmann ist Röslers Vorgänger Guido Westerwelle, der von seinem Amt zurücktritt. Quelle: dpa
Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler wird am 13. Mai in Rostock mit 95,1 Prozent der Stimmen zum neuen FDP-Vorsitzenden gewählt. „Ab heute wird die FDP liefern“, kündigt er in seiner Antrittsrede an. Quelle: dapd
Trotz Führungswechsels verharren die Liberalen im Umfragetief. Die FDP startet einen Verzweiflungsversuch, um die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern zu ihren Gunsten zu entscheiden: Sie macht auf Wahlplakaten Stimmung gegen die Einführung von Eurobonds. Der Erfolg bleibt aus, die FDP verliert 6,8 Prozent und fliegt aus dem Landtag. Quelle: dpa
In Berlin folgt das nächste Fiasko. Die FDP holt gerade einmal 1,8 Prozent der Stimmen zum Berliner Abgeordnetenhaus und liegt damit hinter der NPD und nur knapp vor der Tierschutzpartei. Quelle: dapd
Rösler beteuert anschließend, dass die FDP ihren europäischen Kurs nicht verlassen wolle und beharrt darauf, dass eine „geordnete Insolvenz“ Griechenlands eine Option bleiben müsse. Gehört wird der Parteivorsitzende nicht, die Euro-Rettung wird von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Brüssel gestaltet. Die FDP trägt ihre Rettungspläne mit, die Basis murrt. Eine Gruppe um den FDP-Abgeordneten Frank Schäffler sammelt mehr als 3500 Unterschriften von Parteimitgliedern und erzwingt damit einen Mitgliederentscheid zum Europa-Kurs der Liberalen. Die Euro-Rebellen um Schäffler wollen die FDP in dem Entscheid gegen den Willen der FDP-Führung um Rösler auf ein Nein zum geplanten Euro-Rettungsfonds ESM festlegen. Quelle: dpa
Der Entscheid stiftet Unruhe in der Partei. Die Initiatoren werfen der Parteispitze Behinderung vor. Rösler und Lindner ziehen heftige Kritik auf sich, als sie vor Ablauf des Entscheids öffentlich die Erwartung äußern, dass die nötige Mindestbeteiligung von einem Drittel der Mitglieder verfehlt werde. Quelle: dpa

Auch nach der verheerenden Wahlniederlage bei der Bundestagwahl 2013 blieben die Freidemokraten ihren traditionellen Werten und Zielen verpflichtet, versichert der Parteichef. Manche hätten spekuliert, „dass wir so werden wollten wie die AFD. Andere hatten vermutet, wir würden uns an den rot-grünen Zeitgeist ankuscheln.“ Nichts davon sei eingetreten.

Dann schießt sich Lindner auf die große Koalition ein. Schon jetzt, gerade mal ein halbes Jahr nach dem Antritt von Schwarz-Rot, zeige sich der Unterschied zwischen einer bürgerlichen und dieser großen Koalition. Denn auch schon in den vergangenen vier Jahren hätte die Union gern mehr Geld ausgegeben. Die FDP hätte das ebenso verhindert wie das Aufweichen der Agenda 2010. Insofern könne die FDP erhobenen Hauptes agieren, wirbt er für eine Rückkehr zu Selbstbewusstsein. „Mag die FDP auch nicht in der Regierung und im Parlament vertreten sein:

Dass es Deutschland so gut geht, das ist auch ein Ergebnis unserer Regierungsarbeit von 2009 bis 2013.“ Nun zeige sich die teure Bilanz der großen Koalition: „Die roten Agenda-Abwickler und die schwarzen Gefälligkeitspolitiker – jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört.“

Nachdem Finanzminister Wolfgang Schäuble die Rentenausweitung abgesegnet habe („Wir können uns das leisten“), gebe es nun kaum noch eine Bremse für das regierungsamtliche Geldausgeben. Aber: „Auf die happy hour folgt in der Regel der schlimmste Kater.“ Frankreich leide jetzt unter den Folgen der „Hollande-Sause“. Das dürfe Deutschland nicht passieren. „Es muss eine Partei geben, die klaren Kopf behält.

Wenn Deutschland seine momentane Stärke für selbstverständlich hält, dann haben wir bereits begonnen, diese Stärke zu verspielen.“

Zwar stehe der Bundeshaushalt derzeit ganz ordentlich da, aber das läge nicht an energischem Sparen, sondern an den Steuereinnahmen in Rekordhöhe. „Wolfgang Schäuble hat nur mehr Glück, aber nicht mehr Durchsetzungsfähigkeit als Hans Eichel.“ Auch nach der Steuerschätzung habe die Regierung direkt erklärt, all das zusätzliche Geld sei bereits verplant. Vor allem müsse der Staat die Zeit niedriger Zinsen dazu nutzen, die Schulden zurückzuzahlen. „Das ist nicht nur ökonomisch klug, sondern geradezu eine moralische Verpflichtung.“ Doch davon sei nichts zu sehen. Das sei die Mentalität, die man einst bei den Banken so vehement kritisiert hätte, die auf sinkende Kurse gewettet hätten. „Diese Bundesregierung wettet auf niedrige Zinsen und auf Wachstum. Das ist keine seriöse Finanzpolitik. Was Wolfgang Schäuble macht, ist spekulative Finanzpolitik.

Die SPD hat immer auf die Zocker in den Casinos geschimpft. Jetzt sitzen die Zocker in Deutschland in der Regierung.“

"Wolfgang Schäuble bereichert sich am Lohnplus der Facharbeiter"

Diese Länder wollen in die EU
Türkei Quelle: dapd
Serbien Quelle: REUTERS
Albanien Quelle: REUTERS
Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien: Quelle: REUTERS
Montenegro Quelle: REUTERS
Island Quelle: Reuters
Bosnien-Herzegowina: Quelle: REUTERS

Nicht besser fällt Lindners Bewertung der großkoalitionären Rentenpolitik aus. Klar sei auch für die FDP: “Jeder, der lange gearbeitet hat, verdient nicht nur unsere Anerkennung, sondern auch eine ordentliche Rente.“ Allerdings müsse der Generationenvertrag, der Senioren, Aktive und Kinder verbinde, auch alle drei Gruppen fair behandeln. „Der Verband der Gesetzlichen Rentenversicherung selbst sagt, die Rentenpläne seien nicht sachgerecht finanziert.“ Zudem reiche die bisherige Finanzierung – mit dem Griff in die Beitragskasse - nur bis 2017. „Deutschland braucht aber eine Bundesregierung, die länger als vier Jahre rechnen kann.“ Auf Deutschland komme eine „demographische Sintflut zu, und Andrea Nahles lässt gerade die Deiche abtragen. Wir wollen unsere Rentenversicherung sturmfest machen.“ Nach aktuellen Umfragen sorgten sich 80 Prozent der 30- bis 44Jährigen um die Zukunft ihrer Altersvorsorge.

Zudem will die FDP weg von starren Daten für den Eintritt in den Ruhestand. Weder die Rente mit 67 noch mit 63 oder 70 würde den Bedürfnissen der Menschen gerecht. „Sowenig wie wir Einheitsbürger haben, haben wir Einheitsrentner. Der Staat soll den Menschen die Entscheidung über ihr Leben übertragen.“ Jeder solle selbst entscheiden, wann er in den Ruhestand gehen wolle. Was Lindner in der Rede nicht sagt: Wer vorzeitig aus dem Arbeitsleben ausscheiden will, muss dann auch mit niedrigerer Rente rechnen – schließlich verschiebt sich das Verhältnis zwischen der Einzahlungs- und der Auszahlungszeit.

Aufstieg und Fall des "Wunderkinds"
Die Politkarriere des „ Wunderkinds“ beginnt rasant. 1979 in Wuppertal geboren, studiert er Politikwissenschaften, Öffentliches Recht und Philosophie in Bonn. Quelle: dapd
Zunächst versucht er sich als Unternehmer: Er gründet 1997 eine Kommunikationsagentur für Unternehmen, 2000 folgt dann ein Startup, das jedoch erfloglos bleibt. Lindner verlässt es schon ein Jahr später, bald darauf geht es pleite. Quelle: dapd
Fortan verschreibt sich Lindner ganz der Politik und arbeitet sich schnell in die obersten Sphären seiner Partei vor. 2000 wird er jüngster Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen, schon vier Jahre später Generalsekretär der Landespartei. Quelle: dapd
Christian Lindner, Guido Westerwelle Quelle: dpa
Die Ambitionen des Duos sind hoch, gemeinsam rufen sie 2010 eine „geistig-politische Wende“ für Deutschland aus. Lindner soll der Partei neu Züge verpassen und ein neues Grundsatzprogramm ausarbeiten. Er wird Hoffnungsträger der FDP, Galionsfigur eines „ mitfühlenden Liberalismus“. Quelle: dapd
Doch die liberale Welt gerät schon bald aus den Fugen: Zweifelhafte Auslandsreisen von Westerwelle und die Mövenpickaffäre setzen der FDP zu, 2011 fliegen die Liberalen reihenweise aus Landtagen.  Die 14,6 Prozent, mit denen die Partei mit starker Brust in die Regierung zog, schmelzen in Umfragen auf zwei Prozent. Quelle: dapd
Ins Visier gerät nicht er, sonder der damalige Parteivorsitzender Westerwelle. Lindner stellt sich zwar loyal hinter ihn, dennoch gibt Westerwelle seinen Vorsitz nach langem Gezerre ab. Quelle: dapd

Der Vorsitzende will den verzagten Liberalen auch so viel Selbstvertrauen einhauchen, dass sie sich wieder zur Steuerpolitik äußern. Im Hintergrund hatte der erfahrene Finanzreformer Hermann Otto Solms sehr dafür geworben, dieses klassische FDP-Thema nicht weiter zu meiden. Nun geht Lindner zum Angriff auf die kalte Progression über.

„Kalte Progression ist dafür ein viel zu technisches, ein zu vornehmes Wort. Die Wahrheit ist: Wolfgang Schäuble bereichert sich am Lohnplus der Facharbeiter.“

Wie der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel und andere Genossen beruft sich auch der oberste Freidemokrat auf das Votum der Gewerkschaften, die die von ihnen ausgehandelten Tarifsteigerungen bei ihren Mitgliedern ankommen lassen wollen. Das Scheitern der FDP in der vergangenen Legislaturperiode geht Lindner nun offensiv an: „Ja, uns ist es nicht gelungen, bei der kalten Progression zu einem richtigen Schritt zu gelangen. Aber nur, weil wir am rot-grünen Widerstand gescheitert sind, werden wir nicht von einer richtigen Idee ablassen.“ Wenn selbst die Gewerkschaften nun auf eine Steuersenkung drängten, „dann wird sich die FDP nicht einem Schweigegelübde unterwerfen“.

Lindner wirft Merkel "Feigheit vor dem Freund" vor

Die Krisen der Freien Demokraten
Retter Brüderle?Als starker Mann in der Partei gilt derzeit Fraktionschef Rainer Brüderle (hier mit dem FDP-Vorsitzenden Philipp Rösler am 17.04.2013 in Berlin während eines Empfangs zum Geburtstag von Dirk Niebel). Die Aufschrei-Affäre um sein angeblich sexistisches Verhalten gegenüber einer Journalistin brachte ihn zwar zu keinem Zeitpunkt ernsthaft in Bedrängnis. Aber peinlich war die Indiskretion für den Spitzenkandidaten in jedem Fall. Zumal sie wohl auch die Erinnerung an seinen alten Ruf als „Weinköniginnenküsser“ beförderte. Brüderle war als rheinland-pfälzischer Wirtschaftsminister auch für den Weinbau zuständig. Und er galt seinerzeit nicht gerade als politisches Schwergewicht. Quelle: dpa
Der Riesenerfolg 2009 - und der steile Absturz danachDer damalige FDP-Bundesvorsitzende Guido Westerwelle, rechts, und der Ehrenvorsitzende Hans-Dietrich Genscher, links, am 3. September 2009 beim Auftakt des bundesweiten Wahlkampfes. Es war das beste Bundestagswahlergebnis aller Zeiten, das die FDP feiern konnte: 14,6 Prozent. Fünf Minister konnte sie im Koalitionsvertrag mit Angela Merkel durchsetzen. Doch schnell stürzte die FDP in den Umfragen auf Minus-Rekorde. Die Kritik an Parteichef Guido Westerwelle spitzte sich nach schwachen Landtagswahlergebnissen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg zu. Aber auch der neue Parteichef Philipp Rösler steht seither unter medialer Dauerkritik. Auch innerhalb der Partei halten ihn viele für  führungsschwach und wenig überzeugend. Quelle: AP
Die PlagiatorinDie einst von Westerwelle protegierte EU-Parlamentarierin Silvana Koch-Mehrin stürzte im Mai 2011, über ihre abgeschriebene Doktorarbeit. Schon vorher hatte sich Koch-Mehrin in Talkshows durch offensichtliche Inkompetenz und in Brüssel durch Abwesenheit bei Sitzungen diskreditiert. Hier ist sie am 16. Mai 2009 vor ihrem Wahlplakat auf dem FDP Bundesparteitag in Hannover zu sehen. Der Doktor-Titel fehlte auf keinem Plakat. Quelle: AP
Der PlagiatorAuch EU-Parlamentarier Jorgo Chatzimarkakis fiel vor allem durch häufige Talkshow-Auftritte (hier bei "Anne Will") und geschwätzige Wortmeldungen auf. Unter anderem schlug er vor, nicht mehr von „Griechenland“ zu sprechen sondern von „Hellas“, um das Image des Landes zu heben. Sein eigenes Image leidet seit Juli 2011 unter dem Entzug des Doktortitels aufgrund der zum größten Teil abgeschriebenen Doktorarbeit.    Quelle: dapd
Möllemann stürzt abJürgen Möllemann war die wohl kontroverseste Persönlichkeit der bisherigen FDP-Geschichte. Der Fallschirmjäger-Oberleutnant. Nach der „Briefbogen-Affäre“ und seinem Rücktritt als Bundeswirtschaftsminister 1993 gelang ihm als Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen 2000 ein erstaunlicher Wahlerfolg. Möllemann galt als Kopf hinter der Strategie 18. 2002 eskalierte dann ein Konflikt um seine Unterstützung für einen palästinensischen Aktivisten, der Israel einen „Vernichtungskrieg“ vorwarf. Möllemann wurde vom Zentralrat der Juden scharf angegriffen. Hildegard Hamm-Brücher trat seinetwegen aus der FDP aus.  Nach einem Flugblatt mit erneuten Vorwürfen gegen die israelische Regierung drehte sich die Stimmung innerhalb der FDP zuungunsten Möllemanns, der aus der Partei austrat. Am 5. Juni 2003 starb er bei einem Fallschirmabsturz, vermutlich wählte er den Freitod. Quelle: dpa
Projekt 18So nannte die FDP ihre Wahlkampfstrategie zur Bundestagswahl 2002, beschlossen im Mai 2001 auf dem Düsseldorfer Bundesparteitag unter wesentlicher Mitwirkung von Jürgen Möllemann (Bild). Ziel: „mit neuen Formen der Kommunikation und Darstellung … neue Wählerschichten“ für die Partei erschließen und die FDP als eigenständige und unabhängige politische Kraft außerhalb eines vorgegebenen Lagers darstellen. Der Name bezog sich auf das Ziel, den Anteil an den Wählerstimmen von 6 auf 18 Prozent zu verdreifachen. Viele empfanden die Kampagne als Inbegriff einer plakativen Spaß-Politik.
Guido im ContainerEine Aura des Unernsthaftigkeit verpasste sich die FDP-Führung spätestens zu Anfang des neuen Jahrtausends. Als Sinnbild der damals neuen politischen Spaßkultur wurde vor allem der Besuch des damaligen Generalsekretärs Westerwelle im Big-Brother-Container 2000 gesehen. Als Mitbringsel hatte er Alkoholika und Zigaretten dabei. Quelle: dpa

Mit der von Finanzminister Schäuble in Aussicht gestellten einmaligen Entlastung um drei Milliarden Euro ab 2016 streue er den Bürgern Sand in die Augen. „Das Sandmännchen sitzt im Finanzministerium.“ Zudem sei die Forderung nach einem Ausgleich unverschämt. Denn das sei „eine Gegenfinanzierung, damit der Staat auf Einnahmen verzichtet, die ihm legitimer Weise gar nicht zustehen. Wir wollen einen Staat, der dem Bürger dient und nicht an ihm verdient.“ Deshalb verlange die FDP einen „Tarif auf Rollen“, der regelmäßig entsprechend der Inflationsrate angepasst wird.

Die schärfsten Angriffe auf die Regierung und insbesondere Kanzlerin Angela Merkel startete Lindner beim Datenschutz. Der Bürger müsse selbst entscheiden dürfen, welche Informationen er preisgeben wolle.

Dafür hätte sich Merkel auch bei US-Präsident Barack Obama einsetzen müssen. Bei der letzten Washington-Tour 2011 habe die Kanzlerin die Freiheitsmedaille erhalten. „Da hätte sie eigentlich jetzt die Fragen zur NSA stellen müssen, dass auch die USA sich auf deutschem Boden an deutsches Recht halten.“ Stattdessen sei Merkel nicht der Freiheitsmedaille gerecht geworden, sondern nur Obama. „Das nenne ich Feigheit vor dem Freund. Bundespräsident Gauck hat in der Türkei vorgemacht, wie es geht. Der Bundespräsident hat offenbar den Mut, der anderen fehlt.“ Das bringt Lindner den stärksten Beifall während der gesamten Rede. Wer einem Verbündeten gegenüber keinen Klartext spreche, der werde auch keine Verständigung erreichen. „Wenn die USA nicht mal die Zusage geben, sich auf deutschem Boden an deutsches Recht zu halten, dann ist das ein Auftrag für unseren Verfassungsschutz.“

Deutschland



Bei der großen Koalition sei auch hierzulande die Datensicherheit nicht in guten Händen. Zwar sei die Vorratsdatenspeicherung vor dem Verfassungsgericht gescheitert, wie es die FDP vorhergesagt habe. Aber dennoch hielten CDU/CSU und SPD an ihren Plänen fest. Die Staatssekretärin im Innenministerium von Rheinland-Pfalz habe gar gesagt, ohne die Vorratsdatenspeicherung gebe es in Deutschland ein „Verfolgungsvakuum“. Lindner: „Was die eingebildeten Liberalen von der SPD Verfolgungsvakuum nennen, das nennen wir als echte Liberale die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger.“

Der Schlusspunkt seiner Rede gerät Lindner dann allerdings etwas anrüchig. Die Zeit der Verzagtheit nach der verheerenden Niederlage bei der Bundestagswahl soll nun vorbei sei. „Jetzt kommt die Phase, in der die FDP wieder in die Offensive geht“, ruft er in den Saal. Und fordert mehr Mut: „Man kann nicht kämpfen, wenn man die Hosen voller hat als das Herz.“

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