FDP Renaissance mit Ansage

Bei den Liberalen scheint es wieder aufwärts zu gehen: In aktuellen Umfragen ernten sie die Früchte der Trendwende bei den Bürgerschaftswahlen in Hamburg und Bremen.

Die FDP kehrt zurück in die Bremer Bürgerschaft
Für die FDP war 2014 ein hartes Jahr. Nachdem die Liberalen 2013 aus dem Bundestag flogen, ging es mit jeder Wahl weiter bergab. Die Thüringen-Wahl sollte den Umbruch bringen – brachte sie aber nicht. Es gelang der FDP nicht die Wähler anzusprechen. Das Ergebnis: Sie flog aus dem Landtag. Im Anschluss machte sich Ratlosigkeit und Hoffnungslosigkeit breit. Quelle: dpa
Am selben Tag flog die FDP auch aus dem Brandenburger Landtag. Mit dem selbstironischen Slogan „Keine Sau braucht die FDP“ versuchten die Liberalen für sich zu werben. Vergeblich. Die FDP verabschiedete sich aus dem dritten Landtag in Folge. Der FDP-Chef Christian Lindner hatte jetzt einen klaren Auftrag: Neue Themen setzen, neue Köpfe etablieren und den Fall der Partei in die Nichtigkeit abzuwenden. Quelle: dpa
Den Aufbruch wollte der FDP-Parteivorsitzende Christian Lindner im Stuttgarter Opernhaus beim traditionellen Dreikönigstreffen der Partei einläuten. Die FDP präsentierte sich mit einem neuen Logo und neuen Farben und wollte sich als neue Partei verkaufen. Quelle: dpa
Für Aufsehen sorgte Lindner mit seiner Wutrede im nordrhein-westfälischen Landtag. Nachdem ihn SPD-Mann Volker Münchow mit einem Zwischenruf unterbrach, lederte Lindner los: Mit ihm, dem FDP-Bundesvorsitzenden, könne Münchow das machen. "Aber welchen Eindruck macht so ein dümmlicher Zwischenruf wie Ihrer auf irgendeinen gründungswilligen jungen Menschen?", fragt Lindner. "Was ist das für ein Eindruck?" Die Frage, glaubt Lindner wohl, beantwortet sich von selbst. Der Rede wurde zum Internet-Hit. Quelle: dpa
Zum Viralhit wurde auch die Kampagne der Hamburger FDP-Spitzenkandidatin Katja Suding (m.). In Anlehnung an die Hollywood-Heldinnen „Drei Engel für Charlie“ ließ sich die Politikerin mit ihren Parteifreundinnen, der Bremer FDP-Spitzenkandidatin Lencke Steiner (l.) und FDP-Generalsekretärin Nicola Beer für das Promi-Magazin „Gala“ in Szene setzen. Die Kampagne erntete viel Hohn – allerdings dürfte das Suding jetzt egal sein. Quelle: dpa
Denn Suding hat in Hamburg gepunktet und den Abstieg der Partei verhindert. „Das Wahlergebnis ist ein Erfolg der ganzen FDP“, verkündet sie via Twitter. Mit sieben Prozent der Stimmen ist die FDP sicher in der Bürgerschaft. Damit haben die Liberalen erstmals seit der desaströsen Bundestagswahl 2013 den Sprung in ein Landesparlament geschafft. In der FDP herrscht wieder Aufbruchsstimmung. Quelle: dpa
Diese gute Stimmung hat sich nach der Bremen-Wahl verfestigt. Die FDP holte nach ersten Prognose 6,5 Prozent der Stimmen - mehr als zuvor erwartet. Christian Lindner zeigte sich erleichtert: "Der Erfolg in Hamburg war kein Zufallsergebnis." Quelle: dpa

Nur wer die Mechanismen der politischen Meinungsbildung nicht kennt, kann überrascht sein: Erstmals seit dem März 2011 erreicht die FDP in einer Umfrage bundesweit wieder sechs Prozent. Natürlich freut sich die Parteiführung um Christian Lindner und wird Mühe haben, überbordende Zuversicht in den eigenen Reihen zu bändigen. Aber das günstige Ergebnis im „Deutschlandtrend“ der ARD, der am späten Abend veröffentlicht wurde, war absehbar.

So wie sich ein Abwärtstrend gerade kleiner Parteien ständig verstärkt, geht es umgekehrt auch verlässlich aufwärts, wenn die Trendwende geschafft ist und vor allem die magische Fünf-Prozent-Hürde ihren Schrecken verliert. Als es mit den Liberalen bergab ging und die Partei bei der Bundestagswahl im September 2013 knapp am Wiedereinzug ins Parlament scheiterte, stürzten die Freidemokraten innerhalb kürzester Zeit noch weiter ab – bis auf drei, ja vereinzelt bis auf zwei Prozent. Nur noch die Treuesten der Treuen hielten zu der zur Splitterpartei degradierten Traditionstruppe. Denn nun schien jedes Kreuzchen bei der FDP eine verschenkte Stimme zu sein, die keinerlei politischen Einfluss mehr geltend machen könnte.

Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Zwar hatte sich die Partei nach dem Bundestagsschock in der Führung flugs erneuert und sich auch programmatisch wieder stärker auf echten – also auch kompromissloseren – Liberalismus verständigt. Aber das fand nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Kaum jemand nahm davon Notiz. Es mutet skurril an und wirft ein bezeichnendes Licht auf die heutige Medienwirklichkeit und die Mechanismen der öffentlichen Wahrnehmung, dass ein simpler Marketing-Trick die Wende brachte. Zum traditionellen Drei-Königs-Treffen am 6. Januar in Stuttgart präsentierte sich die FDP erstmals in einer neuen Farbe. Das poppige Magenta, das so gar nicht zum vertrauten Blau-Gelb passen mag, sorgte für den gewünschten Aha-Effekt, auch weil die Parteiführung erst ein Geheimnis daraus machte und dann Details kurz vor dem offiziellen Start über ausgewählte Medien lancierte.

Plötzlich guckten die Journalisten wieder neugierig hin, was da bei den Totgeglaubten wohl vor sich ginge. Sie sahen neue Gesichter, neue Formen der Präsentation und ein neues Herangehen – an altbekannte Themen: Bildung, Bürgerrechte, Datenschutz, Mittelstand, Steuern. Nur etwas weniger verwässert und angepasst, also unbeeinflusst von einer Koalitionslogik, die Zugeständnisse an einen Regierungspartner verlangt.

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