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Fehlende Whistleblowing-Systeme Manager bringen sich selbst in Gefahr

Exklusiv

Spätestens seit Edward Snowden ist der Whistleblower jedem ein Begriff. Bei deutschen Unternehmen sind die Vorteile eines Whistleblowing-Systems allerdings nur teilweise angekommen.

huGO-BildID: 40266604 HANDOUT - ARCHIV - Ein Videograb vom 10.06.2013 zeigt den Whistleblower und früheren CIA-Mitarbeiter Edward Snowden in Hongkong. Foto: Guardien/Glenn Greenwald / Laura Poitras (zu dpa

Acht Prozent der Manager in Deutschland machen um das Thema Hinweisgebersysteme für Whistleblower einen großen Bogen - und installieren auch vorsichtshalber keine in ihrem Unternehmen.

"Gerade viele größere und große deutsche Unternehmen, die keine ausländische Mutter oder einen ausländischen Investor haben, tun sich mit Whistleblowing-Systemen immer noch schwer", sagt Boris Dzida, Arbeitsrechtler bei Freshfields Bruckhaus Deringer. Immerhin haben 41 Prozent der Unternehmen hierzulande - weltweit sind es sogar 53 Prozent - laut einer Umfrage von Freshfields mit dem Marktforscher Censuswide keine unternehmenseigenen Vorwarnsysteme.

Boris Dzida, Arbeitsrechtler und Partner bei Freshfields.

Nur knapp 40 Prozent haben solche Systeme installiert und verstanden, dass damit Straftaten im Unternehmen eher aufgedeckt werden können und die Top-Manager selbst - sei es haftungsrechtlich, sei es mit ihrer weiteren Karriere - dadurch weniger gefährdet sind.

40 Prozent der Unternehmen weltweit geben dagegen zu, bewusst keine Hinweisgebersysteme zu installieren - in Deutschland sind es laut der Freshfields-Umfrage 55 Prozent. Befragt wurden weltweit 2500 Manager aus Großunternehmen aller Branchen. Diese Online-Befragung fand im September und Oktober 2014 statt.

Immerhin urteilte das Landgericht München im spektakulären Fall des Siemens-Ex-Vorstands Heinz-Joachim Neubürger, dass der Top-Manager 15 Millionen Euro Schadenersatz aus eigener Tasche an Siemens zahlen müsse. Insbesondere weil er kein Hinweisgebersystem installiert hatte und die Richter Neubürger dieses Versäumnis als sogenanntes Organisationsverschulden ankreideten.

Die bekanntesten Whistleblower
James E. CartwrightDrei Jahre nach einem Hackerangriff auf das iranische Atomprogramm ermitteln die US-Behörden gegen den damaligen Vize-Generalstabschef wegen der Weitergabe von Informationen. Die Untersuchungen gegen den früheren General James Cartwright stünden im Zusammenhang mit Veröffentlichungen über das Computervirus Stuxnet, berichtete der Sender NBC unter Berufung auf Justizkreise. Das Virus Stuxnet, das von den USA und Israel entwickelt worden sein soll, hatte das iranische Atomprogramm angegriffen. Die Urananreicherung kam deswegen vorübergehend ins Stocken. Über die Attacke berichtete im vergangenen Jahr die "New York Times". Demnach beschloss Präsident Barack Obama, die unter seinem Vorgänger George W. Bush begonnenen Cyberangriffe auszudehnen. Quelle: AP
Edward SnowdenWhistleblower Edward Snowden soll die Daten-Spionage, die unter dem Schlagwort PRISM bekannt wurde, publik gemacht haben. Bei PRISM handelt es sich um ein bislang unbekanntes Überwachungsprogramm mit dem der Geheimdienst seit 2007 direkt auf die Server der führenden amerikanischen Internet-Firmen zugreifen könne, um Informationen abzugreifen: E-Mails, Dokumente, Chatprotokolle und Verbindungsdaten etwa. Was es mit dem Programm auf sich hat, lesen Sie hier. Quelle: AP
Bradley Manning (geb. 1987)Der US-Militär soll 2010 der Plattform Wikileaks ein Video zugespielt haben, das die Luftangriffe auf Bagdad am 12. Juli 2007 dokumentiert. Die Filmdateien belegen, dass aus einem amerikanischen Kampfhubschrauber Zivilisten erschossen wurden. Außerdem soll Manning Depschen amerikanischer Botschaften an Wikileaks weitergeleitet haben, die veröffentlicht wurden und weltweit für Furore sorgten. Quelle: U.S. Army
William Mark Felt (1913-2008)Der ehemalige amerikanische FBI-Agent ist vor allem unter seinem Pseudonym Deep Throat bekannt. Am 31. Mai 2005 fanden die Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein nach 33 Jahren Geheimhaltung heraus, wer hinter dem wichtigsten Informationen der Watergate-Affäre steckt. Felts Informationen führten letztlich zum Rücktritt von Präsident Nixon. Quelle: dpa
Rudolf Schmenger und Frank WehrheimSchmenger (im Bild) und Wehrheim waren für die Aufdeckung von Steuerhinterziehungen der Commerzbank und Deutschen Bank in Höhe von 500 Millionen Euro verantwortlich. Sie wurden beim Kampf gegen die Steuerhinterzieher von ihrer Behörde ausgebremst - bis hin zur falschen Diagnose einer Berufsunfähigkeit. Beide kritisierten dieses Vorgehen stark und machten das Vorgehen öffentlich. Die komplette Geschichte dazu veröffentlichte 2008 das Magazin "Stern". Quelle: dpa
Christoph Meili (geb. 1968)Der ehemalige Wachmann einer privaten Sicherheitsfirma, die für die schweizerische Großbank UBS tätig war, schmuggelte 1997 vermeintliche Holocaust-Dokumente aus der Bank und rettete sie vor dem Schredder. Die Vernichtung von Akten über solche nachrichtenlosen Vermögenswerte wurde erst ein Jahr zuvor in seiner Heimat verboten. Um die Dokumente, die zerstört werden sollten, zu prüfen, nahm er sie mit nach Hause, um sie anschließend einer jüdischen Organisation zu überreichen. Diese gab die Papiere sofort an di e Kriminalpolizei weiter. Im Nachgang wurde klar, dass die Akten aus den Jahren 1897 bis 1927 stammten und somit gar keine Holocaust-Dokumente sein konnten. Daraufhin stellte die Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich Strafanzeige gegen Meili wegen Verstoßes des Bankgeheimnisses, das 1998 wieder eingestellt wurde. In der Zwischenzeit hatte Christoph Meili mit seiner Familie Asyl in den USA erhalten. Quelle: GNU
Roger Boisjoly (1938-2012)Der amerikanische Raumfahrtingenieur hatte seit Juli 1985 vergeblich vor einem Defekt an Dichtungsringen des Space Shuttle gewarnt. Er fand kein Gehör, mit dem fatalen Effekt, dass aufgrund eben dieses Fehlers am 28. Januar 1986 die Challenger abstürtzte. 73 Sekunden nach dem Start zerbrach die Raumfähre. Die gesamte Besatzung kam bei dem Unglück ums Leben. Quelle: dapd

Ganz abgesehen davon riskieren Unternehmen, dass Missstände publik werden, so Dzida. Denn "Arbeitnehmer könnten brisante Interna über soziale Medien verbreiten oder direkt damit zur Staatanwaltschaft gehen, wenn in ihrem Unternehmen nicht mal Hinweisgebersysteme existieren". Die Folge seien Strafverfahren und Imageschäden. In den börsennotierten US-Unternehmen beispielsweise sind Whistleblowersysteme Pflicht.

Warum deutsche Unternehmen die Installation von Hinweisgebersystemen scheuen? Obwohl sie von denen ja auch selbst profitieren: Etwa wenn sie auf dem Weg kriminelle Mitarbeiter erwischen können, die beispielsweise Produkte, die sie in ihrer Firma gestohlen haben, bei Ebay oder anderen Internet-Portalen verkaufen? Oder Betrügereien ans Licht kommen?

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