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Feinstaub und Fahrverbote Der Auspuff ist das geringste Gesundheitsrisiko

Das Kanzleramt am Donnerstag: Drinnen läuft ein Spitzengespräch zu Verkehr und Klimaschutz, draußen protestieren Aktivisten von Greenpeace. Quelle: dpa

Wie wird die Luft sauberer? Brisante Erkenntnisse über die Gesundheitsgefahren von Feinstaub geben der Debatte neue Nahrung: Hauptverantwortlich ist nicht der Straßenverkehr.

Diesel-Fahrverbote! Feinstaubalarm! Es sind Reizwörter, die Autofahrern den Puls in die Höhe schnellen lassen. Stuttgart ist die erste Stadt, die immer wieder Feinstaubalarm ausruft. Fahrverbote für ältere Diesel gibt es bislang zudem auf zwei Hamburger Straßen. Und bald auch anderswo?

In Berlin beschäftigt sich der Bundestag mit dem Thema Diesel-Abgase, nebenan im Kanzleramt verhandelt die Nationale Plattform „Zukunft der Mobilität“ Klimaziele für den Verkehrssektor, und die EU-Kommission dringt auf niedrigere Grenzwerte für Feinstaub. Nun fordern das auch Wissenschaftler mit Nachdruck: „Der Grenzwert für Feinstaub muss in Europa dramatisch sinken“, sagt der Mainzer Kardiologe Thomas Münzel im Interview mit der WirtschaftsWoche.

Hintergrund: Münzel und sein Kollege Jos Lelieveld, ein Chemiker, zeigen in einer vielbeachteten Studie, dass hohe Feinstaubkonzentrationen in der Luft wesentlich gravierendere Folgen für die menschliche Gesundheit haben als Stickoxide. Mehr als zwei Lebensjahre verlören Europäer wegen der gesundheitsschädlichen Partikel. Selbst Statistik-Experten wie Katharina Schüller, die Hochrechnungen über vorzeitige Todesfälle für fragwürdig halten, erachten „eine Aussage über die durchschnittliche Zahl verlorener Lebensjahre pro Person“ als „vernünftig“.

Insofern geben die neuen Erkenntnisse der Debatte über Fahrverbote eine neue Dynamik. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) sagte gerade erst der Deutschen Presse-Agentur, er werde nicht nachlassen, die Debatte um die Grenzwerte auf europäischer Ebene zu führen. Eine weitergehende Stellungnahme war zunächst nicht zu erhalten. Man sei, sagte eine Ministeriumssprecherin, erst durch die Anfrage der WirtschaftsWoche auf die Feinstaub-Studie aufmerksam geworden.

Doch was verursacht Feinstaub überhaupt? Deutschlandweit messen mehrere hundert Messtationen die Konzentration von Luftschadstoffen. „Die Feinstaubquellen sind vielfältig“, hält das Umweltbundesamt (UBA) fest. Demnach gibt es sechs wesentliche Feinstaubquellen:

Straßenverkehr

„In Ballungsgebieten“, schreibt das Umweltbundesamt, „ist der Straßenverkehr die dominierende Staubquelle“. In der Summe aber sind Autos und Schwerlastverkehr nach Angaben des UBA für gerade einmal ein Sechstel der hiesigen Feinstaubemissionen verantwortlich. Und die Hauptursache wiederum sind, wie Untersuchungen belegen, nicht etwa die Abgase. Bremsen- und Reifenabrieb lagern sich am Boden ab, Wind wirbelt die Partikel auf. Dieser Befund zeigt auch: Elektroautos haben, zumindest was die Feinstaubbelastung betrifft, keine bessere Bilanz als Verbrenner, zumal bei der Batterieproduktion weiterer Feinstaub freigesetzt wird.

Energie

Wird Energie aus fossilen Energieträgern erzeugt, resultiert daraus etwa ein Viertel der Feinstaubemissionen in Deutschland. Besonders kleinere Partikel im Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometer gelangen hier in die Luft. Laut Kardiologe Münzel sind sie es, die bis in die Blutbahn vordringen und die Blutgefäße schädigen. Der Mediziner fordert deshalb, Kohlekraftwerke zügig abzuschalten.

Landwirtschaft

In erheblichem Maße gehen Feinstaubemissionen auf die Landwirtschaft zurück. Wie hoch der Anteil ist, bleibt unklar. Es gibt dazu unterschiedliche Messungen, abhängig insbesondere von der Größe der Feinstaubpartikel. Ammoniak, insbesondere aus der Massentierhaltung, ist laut UBA der hauptsächliche Bestandteil von Feinstaub. Auf dem Feld verstreut, sickert Ammoniak-haltiger Dünger nicht nur in den Boden und belastet damit das Grundwasser, sondern steigt auch in die Luft auf – vor allem bei langer Trockenheit und kräftigem Wind. In der Atmosphäre reagiert Ammoniak dann mit anderen Gasen zu Partikeln und erzeugt sogenannten sekundären Feinstaub.

Industrie

Etwa ein Sechstel des Feinstaubs bläst hierzulande die Industrie in die Luft. Vor allem die Produktion von Metall und Stahl erzeugt Feinstaub. Die Europäische Union verpflichtet deshalb mit der Industrieemissionen-Richtlinie Betreiber von Industrieanlagen unterschiedlicher Größen, bestimmte Grenzwerte für den Ausstoß von Luftschadstoffen einzuhalten.

Schüttgutumschlag

Einen ähnlich hohen Einfluss hat der Umschlag von Schüttgut. So zeitigt beispielsweise nicht erst das Verfeuern von Kohle gesundheitsschädliche Auswirkungen. Feinstaub wird schon dann in erheblichen Mengen freigesetzt, wenn Kohle oder andere Rohstoffe verladen werden, beispielsweise in Industriehäfen.

Holzfeuerung

Etwa 11,7 Millionen Kamine und Öfen sind nach Angaben des Bundesverbands des Schornsteinfegerhandwerks in Deutschlands Häusern und Wohnungen installiert. Diese Kleinfeueranlagen sind eine nicht zu unterschätzende Quelle von Feinstaub. Luftmessungen zeigen laut UBA, dass das Verfeuern von Holz, Kohle oder Pellets „einen deutlichen Anteil an der Feinstaubbelastung in Wohngebieten“ haben kann.

Wegen der hohen Feinstaubbelastung läuft seit Jahren ein Vertragsverletzungsverfahren der Europäischen Kommission gegen Deutschland und weitere Mitgliedstaaten. Dass es Brüssel allmählich ernst ist mit sauberer Luft, davon zeugt auch ein Brief aus Brüssel. Darin heißt es, die EU-Kommission habe die Mitgliedstaaten „wiederholt eingeladen, relevante Erkenntnisse“ zur Luftverschmutzung beizusteuern. Die neuen Feinstaub-Erkenntnisse aus Mainz dürften auch in Brüssel auf Interesse stoßen.

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