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Finanzkrise Bundesregierung verhandelt mit Island über Kaupthing-Kunden

Nebel über Island: Die Inselrepublik lässt Kunden der Kaupthing-Bank weiter im Unklaren über ihre Einlagen. Deutsche Verbraucherschützer sind empört. Die Bundesregierung dringt jetzt hinter den Kulissen auf eine Lösung.

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Es bleibt weiter völlig Quelle: rtr

Die Angst wächst. Immer mehr der etwa 30.000 deutschen Kunden der isländischen Bankrott-Bank Kaupthing sorgen sich um ihre Einlagen. Dutzende von ihnen haben sich bereits mit Appellen an Bundestagsabgeordnete gewandt, auf die isländischen Behörden Druck auszuüben.

Die deutsche Regierung ist hinter den Kulissen aktiv. "Die Bundesregierung setzt sich derzeit auf politischer Ebene dafür ein, dass die deutschen Sparer/Anleger der isländischen Kaupthing Bank entsprechend ihren gesetzlichen Ansprüchen gegenüber dem isländischen Einlagensicherungsfonds entschädigt werden ", sagte eine Sprecherin des Bundesfinanzministeriums der WirtschaftsWoche.

Von isländischer Regierungsseite gibt es derzeit aber noch keinen Hinweis darauf, ob deutschen Kaupthing-Kunden ihre insgesamt mehr als 300 Millionen Euro Einlagen noch mal wiedersehen.

Vorerst bleibt deutschen Kunden damit nur, abzuwarten. „Der isländische Staat sollte jetzt mal klären, was er machen will“, sagt Frank-Christian Pauli, Finanzexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. Solange es aus Island kein Signal gebe, wie die Zukunft der verstaatlichten Bank aussehen könnte, sind deutschen Kunden die Hände gebunden. „Es kann ja immer noch sein“, entwirft Pauli ein Szenario, „dass der Staat die Bank konsolidiert. Dann könnte der normale Geschäftsbetrieb weitergehen und die Kunden wieder ganz normal auf ihre Konten zugreifen.“

Erst wenn die isländische Regierung, die vergangene Woche die Mehrheit an der größten Bank der nordeuropäischen Insel übernommen hatte, endgültig das Aus für die Kaupthing erklärt, können Kunden auch Ansprüche auf Entschädigung geltend machen. Die müssten sich im Fall eines Falles allerdings an die isländische Zentralbank richten. Der deutsche Einlagensicherungsfonds ist für die Kaupthing nicht zuständig, da diese nicht Mitglied im deutschen Bankenverband ist.

Dennoch beruhigt Pauli: „Theoretisch geht die isländische Einlagensicherungsregel sogar über deutsches Recht hinaus.“ Offen bleibt allerdings, ob der isländische Staat im Fall einer Kaupthing-Pleites die nötigen Mittel für eine Entschädigung aufbringen könnte. Das Land schrammt seit einer Woche nach Auskunft seines Regierungschefs Geir Haarde an der Grenze zum Staatsbankrott entlang.

Dennoch hatten die Regierungen von Großbritannen und den Niederlanden gestern nach massivem Druck eine Zusage Islands erhalten, britische und niederländische Kunden isländischer Banken würden auf jeden Fall entschädigt. Die deutsche Bundesregierung hat bisher kein solches Geschäft mit Island abgeschlossen, verhandelt aber mit den Insel-Behörden. Im Gegensatz zu Großbritannien, das Island durch großen öffentlichen Druck zum Einlenken gebracht hatte, setzt die Bundesregierung auf stille Diplomatie.

Der dänische Quelle: dpa

Während Verbraucherexperten sich noch ein möglichst klares Bild von der Lage machen, wittern erste Anwälte bereits ein Geschäft. Die Bremer Kanzlei Robert, Kempas, Segelken ruft Kaupthing-Kunden bereits auf, sich einer Sammelklage gegen die Bank anzuschließen. Das dürfte allerdings voreilig sein. Denn solange, wie die isländische Regierung nicht das endgültige Aus für die Bank mitgeteilt hat, haben Kunden auch kein Anspruch auf Entschädigung. Schließlich sind die Konten der deutschen Sparer derzeit nur eingefroren, nicht verschwunden. Dennoch diskutieren sich Betroffene im Internet die Köpfe heiß. Zudem ist für den 1. November um 16.30 Uhr ein Treffen von Betroffenen im Berliner Maritim-Hotel geplant.

Noch sind die Kaupthing-Kunden die einzigen deutschen Sparer, die um ihr Erspartes bangen. Dabei hatten auch etliche andere Töchter ausländischer Banken in Deutschland mit einem ähnlichen Geschäftsmodell – etwa überdurchschnittlich hohe Zinsen auf Tagesgeld – um Kunden geworben. „Wir können nur jedem Verbraucher raten, in aller Besonnenheit zu prüfen, ob seine Einlagen gut aufgehoben sind“, sagt Verbraucherschützer Pauli. Vor allem sollten Kunden bei ihren Banken nachfragen, welchem Einlagensicherungssystem sie angeschlossen sind. „Danach weiß man eigentlich schon, wie sicher das Geld ist“, sagt Pauli.

Unterdessen hat sich eine Hoffnung der Kaupthing-Bank auf Konsolidierung zerschlagen. Eine schon im Sommer vereinbarte Fusion von Kaupthing mit der isländischen Reykjavik Savings Bank (Spron) ist von Spron gestoppt worden. Spron ist eine der wenigen isländischen Banken, die der Staat nicht kontrolliert.

Islands Börse auf Sturzflug

Hoffnung gibt es heute aus Moskau. Dort ist am Vormittag eine Abordnung der isländischen Regierung eingetroffen. Die Insulaner verhandeln mit Vertretern des russischen Finanzministeriums um einen vier Milliarden Euro schweren Kredit. Der Nato-Staat Island hofft damit seinen am Rande des Bankrotts schleifenden Staatshaushalt stabilisieren zu können. Schon vor einer Woche hatte der isländische Ministerpräsident Geir Haarde öffentlich behauptet, der Kredit sei bereits in trockenen Tüchern. Dem hatte die russische Regierung stets widersprochen. Gleichzeitig signalisierten die Russen, das Darlehen grundsätzlich gewähren zu wollen.

Das Geld wird dringend gebraucht. Denn in Islands Wirtschaft herrscht nackte Panik. An der isländischen Börse brachen die Werte heute um bis zu 76 Prozent ein. Offenbar aus Angst vor einem wirtschaftlichen Total-Kollaps des Nachbarlandes wollen die skandinavischen Ländern der Geysier-Insel jetzt unter die Arme greifen.

Dänemarks Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen kündigte eine finanzielle nordeuropäische Hilfsaktion für die Insel an. Rasmussen sagte, es sei klar, dass Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden dem kleinsten Mitgliedsland im Nordischen Rat „mehr als nur moralisch“ helfen. Einzelheiten könne er aber noch nicht nennen. Die Regierung in Reykjavik beriet zur gleichen Zeit über ein offizielles Hilfsersuchen an den Internationalen Währungsfonds (IWF).

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