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Fiskus 4.0 Mit Big Data auf Steuerfang

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Prüfung und Verprobung

Doch wie finden die Beamten im Big-Data-Pool von Milliarden Steuerbits und -bytes die Verdächtigen? „Visualisierung von komplexen Sachverhalten lautet das Zauberwort“, sagt Andreas Wähnert, der bei der Bundesfinanzakademie in Brühl meist jüngere Finanzbeamte zum Thema „Prüfung und Verprobung von Big Data“ schult. Aus dem Datenwust entstehen mithilfe von logarithmischen Programmen am Bildschirm Charts – ähnlich wie die Kursdaten bei Börsenbrokern. Dank optischer Aufbereitung können die Beamten auf einen Blick Unregelmäßigkeiten erkennen, die sie sonst nur per Zufall und nach langem Suchen finden.

So lange arbeiten wir nur für den Staat

Auffallen können etwa Steuerzahler, die in bestimmten Einkunftklassen deutlich mehr Ausgaben oder Werbungskosten als der Durchschnitt ausweisen. Oder wenn Kneipenwirte ihre Umsätze manipulieren und dabei unbewusst bestimmte Zahlen besonders häufig eintippen.

Für den Präsidenten der Bundesfinanzakademie, Robert Heller, führt kein Weg an der Digitalisierung vorbei. „Die Finanzverwaltung muss das beherrschen“, sagt der oberste Aus- und Weiterbilder. Von Big Data als angstmachendem Kampfbegriff hält er nichts. „Wir verlangen ja nicht mehr Daten, wir nutzen sie nur effizienter, schneller und zielgenauer.“

Ein wichtiger Bestandteil der Digitalisierung ist für Heller, die regionalen Finanzverwaltungen zu vernetzen. Damit können sie ihre Daten quasi bundesweit poolen, ohne Landeskompetenzen abzugeben. Das zielt auf Steuerbürger mit einem weiten Aktionsradius und Unternehmen mit verschiedenen Standorten, die sich künftig besser kontrollieren lassen.

Dank Digitalisierung können die Prüfer noch viel mehr herausfinden als simple Manipulationen bei Einfuhrpreisen. Ob Waschmaschine oder Auto, oft deklarieren Unternehmen bei internen Verrechnungspreisen nur die direkten Produktionskosten aus dem Bezugsland A, erklärt Schäubles Generalzolldirektor, Julian Würtenberger. Zum tatsächlichen Importwert zählten aber auch Entwicklungskosten, Lizenzgebühren, Zuliefer-, Werkzeug- und Frachtkosten, die nicht selten in dritten Ländern an- und bei uns unter den Tisch fielen.

Mulmiges Gefühl

Diese Infos gewinnen Zollprüfer beim Scannen der Finanzbuchhaltung und beim Durchstöbern der Entwicklungs- und Lizenzverträge. Würtenberger: „Die Kosten, die die Konzerne zerlegen, fügen wir wieder zusammen.“ Nach vollbrachter Puzzle-Arbeit würden aus 10 000 Euro nackten Produktionskosten bei der Kontrolle schnell mal 20 000 oder 30 000 Euro Importwert – und Vater Staat kassiert einen entsprechender Steuernachschlag.

Im Visier der Steuerfahnder

Für Unternehmen ist Fiskus 4.0 dennoch „im Prinzip eine gute Sache“, sagt Karsten Gödde, kaufmännischer Leiter beim Industrieofenbauer Schlager in Hagen. „Der elektronische Zugriff beschleunigt die Betriebsprüfung, und wir haben rascher Rechtssicherheit.“ Kritisch sei aber die jüngste Gesetzesänderung. Seit Anfang 2015 müssen Unternehmen sämtliche Buchhaltungsunterlagen in schreibgeschützter Form elektronisch aufbewahren. Grund: Nichts soll nachträglich manipulierbar sein. Aber für Mittelständler ist laut Gödde die Softwareumstellung „extrem umständlich und angesichts Zigtausender Dokumente in unterschiedlichen Softwareprogrammen teilweise nicht zu stemmen“. Dazu mischt sich, seit Ausspähungen von Unternehmen durch BND und NSA bekannt wurden, ein mulmiges Gefühl, was die Sicherheit sensibler Unternehmensdaten betrifft. „Für manchen Konkurrenten wären solche Einblicke sehr wertvoll.“ Dem Fiskus fehlt offenkundig das richtige Gefühl fürs Machbare auf dem elektronischen Terrain.

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