Flexi-Rente Regierung will Deutsche motivieren, länger zu arbeiten

Arbeiten bis 67 oder noch länger? Viele wollen oder schaffen es gar nicht bis zum regulären Renteneintrittsalter. Doch es gibt auch reichlich Hürden, die längeres Arbeiten unattraktiv machen. Das soll sich ändern.

Regierung will längeres Arbeiten attraktiver machen. Quelle: dpa

Die Bundesregierung will die zahlreichen Hindernisse für längeres Arbeiten beseitigen. Das sieht ein neuer Gesetzentwurf zur Flexi-Rente vor, der der Deutschen Presse-Agentur in Berlin vorliegt. „Mittlerweile sind mehr als die Hälfte der 60- bis 64-Jährigen erwerbstätig“, heißt es in dem Entwurf. Um Ältere möglichst lange im Erwerbsleben zu halten, solle der Übergang in den Ruhestand flexibler werden.

Zentrales Instrument soll der Abbau von Hindernissen für eine vorgezogene Teilrente sein, die mit Teilzeitarbeit kombiniert wird. Wenn man mehr als 450 Euro hinzuverdient, greifen heute für jeden individuell berechnete, feste Hinzuverdienstgrenzen. Je nach Höhe sinkt die Teilrente dann auf zwei Drittel, die Hälfte oder ein Drittel der Vollrente. Künftig sollen die festen Grenzen wegfallen. Wird eine Hinzuverdienstgrenze von 6300 Euro pro Jahr überschritten, werden 40 Prozent des Betrages darüber von der Rente abgezogen.

Altersvorsorge: So viel Rente darf der Standardrentner erwarten

Der Entwurf nennt Beispiele. So werden bei einem Hinzuverdienst von 18.000 Euro pro Jahr 390 Euro von der Rente abgezogen:

Der die 6300-Euro-Grenze übersteigende Betrag liegt bei 11.700 Euro, pro Monat also 975 Euro - und davon 40 Prozent. Läge die Vollrente bei 1200 Euro, käme man auf eine Teilrente von 810 Euro.

Bei dem Gesetzentwurf handelt es sich um eine Formulierungshilfe des Sozialministeriums für die Koalitionsfraktionen. Die hatten das Konzept für die Flexi-Rente ausgehandelt. Gedacht ist der Plan als Gegengewicht zur abschlagsfreien Rente mit 63. Weitere Reformschritte bei der Rente sollen folgen. Ein umfassendes Rentenkonzept plant Ministerin Andrea Nahles (SPD) für diesen Herbst. "Jeder sollte selbst bestimmen können, wann er in Rente geht“, sagte Nahles dazu. Dafür seien individuelle Rentenlösungen mit entsprechenden Zu- oder Abschlägen notwendig.

Der Flexi-Rentenentwurf sieht auch weitere Verbesserungen vor. So sind Arbeitnehmer ab der Regelaltersgrenze heute zwar versicherungsfrei in der Arbeitslosenversicherung. Arbeitgeber müssen aber ihren Anteil an Beiträgen zur Arbeitsförderung weiter zahlen - diese Beitragspflicht soll für fünf Jahre entfallen. Die Bundesagentur für Arbeit soll deshalb Beitragsausfälle von 79 bis 87 Millionen Euro pro Jahr zu verkraften haben - die größte finanzielle Auswirkung des Gesetzes.

Die Wünsche der Deutschen bezüglich ihres Rentenbeginns hängen übrigens maßgeblich davon ab, wie viel Geld sie letztlich zu erwarten haben: Wer hohe Abzüge in Kauf nehmen müsste, arbeitet länger als jemand, der nur wenig Geld einbüßt. Das zeigt eine Yougov-Umfrage im Auftrag des Finanzdienstleisters MLP. "Es gibt kein einheitliches Wunschalter. Die Vorstellungen sind höchst unterschiedlich", bestätigt Manfred Bauer, Vorstand bei MLP. „Ein Drittel der Befragten wünscht sich mehr Spielraum für das Arbeiten über das Regelrentenalter hinaus. Ein weiteres Drittel ist an einer Teilrente ab 60 Jahren interessiert.“

Wer länger arbeitet, lebt auch länger

Damit diejenigen, die weiter arbeiten wollen oder es aus finanziellen Gründen müssen, auch können, braucht es aber nicht nur weniger Regularien, auch die Arbeitsplatz- beziehungsweise Arbeitszeitgestaltung muss sich entsprechend verändern: So raten Experten vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung sowie dem IAB es für sinnvoll, wenn Angestellte im höheren Alter weniger Stunden arbeiten. So können Arbeitnehmer – trotz körperlich anstrengender Arbeit – länger erwerbstätig bleiben.

Oder anders ausgedrückt: Wer seit seinem ersten Arbeitstag 60-Stunden-Wochen schiebt, arbeitet vermutlich nicht freiwillig länger - falls er oder sie es überhaupt bis 67 schaffen und nicht vorher krankheitsbedingt ausfallen.

Interessanter Nebenaspekt: Besonders bei Männern hängt die Lebenserwartung stark vom Renteneintrittsalter ab. Ein deutscher Mann, der mit 55 Jahren in Frührente geht, wird im Schnitt 78 Jahre alt. Männer, die bis zum Alter von 65 Jahren gearbeitet hatten, werden dagegen 82,3 Jahre alt.

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