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Fliegen in Coronazeiten „Wir bitten die Passagiere, sich die Kugelschreiber gegenseitig zu leihen“

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Nicht alles den Krankenkassen aufbürden

An der Bekämpfung einer ansteckenden Krankheit müssen Gesellschaft und Unternehmen selbstverständlich mitwirken, aber der Staat hat als erstes seinen Vorsorgepflichten Genüge zu tun. Dies kann unter derzeitigen Bedingungen nicht in dem stillen Hoffen „es wird schon gut gehen“, sondern nur in einer konsequenten Durchführung von Massentests gewährleistet werden, verbunden mit einem systematischen Trennen aller Infizierten von nicht Infizierten.

Leider wird dies in Deutschland seit Wochen von der nach langem Streit eingeführten Tracing-App übertönt. Sie soll jetzt quasi das Allheilmittel sein, wenn erst die vielfältigen datenschutzrechtlichen Bedenken überwunden sind, die es – am Rande bemerkt – gegenüber den stapelweise eingesammelten Namenszetteln in Restaurants nie gab.

Was bei der App – abgesehen von ihren massiven technischen Funktionsfehlern in den vergangenen Wochen – zudem hartnäckig übersehen wird: Bei der geringen Testzahl in Deutschland stehen viel zu wenige Daten bereit, auf die sie zugreifen könnte. Denn identifiziert werden können bestenfalls die Kontakte mit durch einen Test nachgewiesenermaßen infizierten Personen, nicht jedoch mit solchen, die zwar Virenträger sind, aber keinerlei Symptome aufweisen. Nach Angaben verschiedener Virologen und einschlägiger Schätzungen ist die Zahl der so betroffenen Menschen aber noch weit größer, als die der bereits positiv getesteten. Damit ist die App, die den Bund 20 Millionen Euro für die Anschaffung gekostet hat und die Betriebskosten in Höhe von 3,5 Millionen Euro verursacht, vorerst nahezu nutzlos.

Zweite Welle – die Kosten werden gigantisch sein

Gegen einen Massentest in regelmäßiger zeitlich enger Frequenz wird häufig spontan das Argument von den zu hohen Kosten ins Feld geführt. Auch ist ein Streit darüber entbrannt, ob man diese gar den Krankenkassen aufbürden könne. Nun: Die Beitragskassen können schlicht nicht der Abladeplatz für staatliche Aufgaben sein. Im Übrigen relativieren sich die Kosten für regelmäßige Massentests wenn es gelingt, die weiter drohenden Gefahren – etwa einer zweiten Pandemie-Welle – von der Volkswirtschaft abzuwenden. Die Kosten werden gigantisch sein, wenn ein zweiter Lockdown angeordnet werden müsste, wenn Lieferketten noch weiter einbrechen, wenn die Nachfrage sowohl im internationalen Handel als auch im Inland erneut den Rückwärtsgang einlegt und die Stimmung als entscheidender Wachstumstreiber weiterhin im Keller ist.

Erst kürzlich sprach der OECD-Chef Angel Gurria vom „Kollaps“ der Weltwirtschaft und von hohen Unsicherheiten durch das Virus, das so bald nicht verschwinden wird. Ein reibungsloser Welthandel werde so bald wohl nicht mehr möglich sein. Die Weltwirtschaft werde bis Ende des Jahres um sechs Prozent geschrumpft sein, so stark wie in Friedenszeiten in 100 Jahren nicht. Wenn es zu einer zweiten Welle komme, könne es noch weit dramatischer werden. Auch gebe es keine „Lokomotiven-Wirtschaft“, die die Welt aus der Rezession herausziehen könne.

Entschlossen testen
Wenn wir dem Virus nicht mit mehr oder weniger wirksamen Maßnahmen der Symptombekämpfung hinterherlaufen wollen und wenn die Durststrecke bis zu einer zuverlässigen Impfung, die noch sehr lange dauern kann, überwunden werden soll, muss jetzt entschlossener getestet werden. Und zwar möglichst jede Person möglichst jede Woche. Fällt der Test negativ aus, muss dies ebenfalls sauber dokumentiert werden. Menschenansammlungen könnten bei Nachweis wiederholter Negativ-Tests, davon ein letzter in von Fachleuten zu definierender Zeitnähe, mit extrem geringem Restrisiko ermöglicht werden.

Eine solche Strategie kann wie ein gezieltes Konjunkturprogramm wirken, mit dessen Hilfe neue Arbeitsplätze entstehen und technologische Entwicklungen vorangetrieben werden. Deutschland hat auf diese Weise sogar die einmalige Chance, international eine Vorreiterrolle zu übernehmen und weltweit benötigtes Know-how zu generieren. Dabei muss es durch neue Methoden und Skaleneffekte gelingen, die Kosten des einzelnen Tests zu senken, denn nicht zuletzt auch für Schwellen- und Entwicklungsländer muss der breite Einsatz möglich sein. Schließlich treffen dort wirtschaftlicher Abschwung und steigende Infektionen auf ein schlecht ausgestattetes Gesundheitssystem. Gerade deshalb ist dort dem Massentesten und dem konsequenten Trennen von Infizierten und nicht Infizierten größtes Gewicht beizumessen.



Hierzulande sieht es für diejenigen, die Messen und Ausstellungen, Theater, Konzerthäuser, Kinos, Rummelplätze, Sportstätten, sonstige Freizeiteinrichtungen oder Kirchen besuchen wollen, aktuell und auf lange Sicht ohne Massentests eher düster aus. Bestimmt ist eine große Mehrheit bereit, sich einem regelmäßigen Test zu unterziehen, wenn es auf diese Weise wieder möglich würde, nahezu gefahrlos eine Großveranstaltung zu besuchen. Dazu müsste den Veranstaltern freilich das Recht gegeben oder die Pflicht auferlegt werden, sicherzustellen, dass nur wiederholt negativ getestete Personen Einlass erhalten. Mir hätte beim Besteigen des Flugzeuges ein vorangegangener Test aller Mitreisenden ein weit besseres Gefühl vermittelt als der Blick auf die vielfältigen Masken. Auch Kitas, Schulen, Universitäten und Jugendeinrichtungen könnten mit durchgehenden Tests wieder ungezwungen in dem gerade für junge Menschen so wichtigen direkten Kontakt betrieben werden. „Russisches Roulette“ darf hierbei erst recht niemand riskieren!

Eines wird jedenfalls die Lehre aus der Coronakrise sein müssen: Der Entwicklungsstand einer Volkswirtschaft wird sich künftig nicht mehr an den klassischen Kennziffern wie Bruttosozialprodukt, Industrialisierungsgrad und Pro-Kopf-Einkommen sowie seinem Sozialsystem und seinem Umgang mit Klima und Energie messen, sondern gerade auch an seiner Aufstellung bei der medizinischen Vorsorge gegen Pandemien. Also Deutschland: Nimm die Herausforderung an. Testen, testen, testen lautet die Devise! Höchste Zeit, mit Flächentests systematisch das Virus auszurotten und ihm seine Macht über unseren Alltag zu nehmen.

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